So alt das Haus Habsburg geworden war, von männlichen Mitgliedern hatte sich kein Prinz je nach — Plitvice „verirrt“. Die Kronprinzessin Stefanie, jetzige Gräfin Lonyay, ließ sich gelegentlich einer Quarnerofahrt bereden, von Zengg an der kroatischen Küste aus die Märchenwelt von Plitvice zu besuchen. So qualvoll die Wagenfahrt gewesen, die Dame hatte den Besuch nicht bereut; sie war sprachlos vor Überraschung.

Wenn es erlaubt ist, meinen Eindruck mit einem einzigen Wort zu erwähnen, so wäre zu sagen, daß ich „tirolisch“ gerufen habe: „Oha!“ Mehr Worte standen nicht zur Verfügung…. Das Staunen war zu groß. Der Eindruck viel gewaltiger als etliche Tage später hoch am Vratnik beim ersten Anblick der tief unten blauenden Adria, die der „Benzinist“ bereits kannte. Daß das Erscheinen eines Reichsdeutschen in Plitvice, im südlichsten Zipfel Kroatiens, Aufsehen erregte, ist begreiflich; haben ja noch wenige — Kroaten den weiten mühevollen Weg „hinunter“ gefunden. Die Regierung Kroatiens hatte sich Jahrzehnte hindurch bemüht, der Pester „Hegemonie“ eine Bahnverbindung von Ogulin nach Plitvice zur Erschließung der Wasserwunder abzuringen. Immer vergeblich! Plitvice liegt auf — kroatischem Boden, nicht auf ungarischer bzw. magyarischer Erde. Vor etwa acht Jahren war es gelungen, eine Verbindung mit Hilfe eines — Postautomobils zu schaffen. Sechs Personen hatten darin Platz, und zur Besichtigung der Wasserwunder von Plitvice war — eine ganze Stunde Zeit gegeben. Wer diese Verfügung ersonnen, hätte verdient, strafweise „Präsident“ der „Država SHS“ zu werden…. Oder „Ehrenbürger von München“ während der „wonnigen Tage der Räterepublik 1919“.

An sich aber war die Verfügung sehr nett, nämlich als durchschlagender Beweis, daß „St. Bureaukratius“ auch in der slavischen Welt gedeiht! Eine einzige Stunde Besichtigungszeit für das größte Wasserwunder des Erdballs!!! Einfach „köstlich“! Doch es gibt auch für jenen südslavischen St. Bureaukratius eine Entschuldigung in der Person jenes Altmünchener Hausbesitzers, der in jener Zeit, als München noch München, eine reinliche gemütliche Stadt und nicht spartakistisch durchseucht war, nach Paris fuhr, drei Tage später aber schon wieder im „königlich bayerischen“ Hofbräuhause saß und die erstaunten Freunderln bezüglich der überraschend schnellen Rückkehr dahin aufklärte, daß in Paris „auch nichts los“ sei. Alles gesehen, alles sei genau wie in München. „Auf dem Père la chaise einmal — herumgetanzt, is aa nix!“ — — —

In Plitvice kann man, was im Flachlande Kroatiens unmöglich ist, reichlich und gefahrlos — Wasser trinken. Wein ist aber besser, der Slibovitz ausgezeichnet.

Wir haben uns bemüht, möglichst viel von den Wasserwundern dieser südkroatischen Märchenwelt auf die photographische Platte zu bringen. Doch der beste Apparat kann nicht das unsäglich schöne Farbenspiel offenbaren. Wollte ein gottbegnadeter Künstler sie malen, den Menschen möchte ich kennen lernen, der beim Anschauen der Bilder dem Maler glaubt, die Wahrheit auf die Leinwand gezaubert zu haben….

In Agram kann man immer viel Dinge hören, die man nicht zu glauben braucht. Die Versicherung, daß es in der Lika schon längst keine Räuber mehr gibt, das Reisen völlig sicher und gefahrlos sei, hatte mein „Automobilherr“ mit Vergnügen entgegengenommen. Mir war in Erinnerung, in einem Geschichtswerk gelesen zu haben: „Ni gora bez vuka, ni Lika bez hajduka!“ (Weder ist das Gebirge ohne Wölfe noch die Lika ohne Räuber!) Der Spruch stammt aus unruhigen Zeiten, als noch den Nordkroaten und Slavoniern Likabewohner und Räuber sinnverwandte Worte waren. Zu lesen war aber auch, daß der Likaner damals nicht aus Habsucht Hajduk wurde, sondern aus gekränktem — Ehrgefühl wegen Verprügelung; unter dem überstrengen Grenzregime wurde das geringste Vergehen grausam mit Stockschlägen usw. bestraft. Entehrenden Strafen zu entgehen, flohen die kurzhändig Verurteilten ins Gebirge; bitterste Not und Verzweiflung machten die Hungernden dann zu Räubern. Als Kaiser Franz Joseph die Leibesstrafe, die grausame Verprügelung, aufhob, hörten in der Lika die Räubereien sehr rasch auf. Der letzte Hajduk namens Toma Kovačević aus Vranik wurde im Jahre 1872 hingerichtet.

Von alledem sagte ich kein Wort. Aber als „Justamentmensch“ und echt bayerischer Dickschädel wollte ich bezüglich der öffentlichen Sicherheit im südlichsten Zipfel Kroatiens und hart an der bosnischen Grenze, also „fern von Europa“ eine „Probe auf das Exempel“ machen, es auf einen räuberischen Überfall ankommen lassen. Also wurde die Geldtasche im Kasten des Hotelzimmers versperrt, als einzige Waffe wie immer nach alter Gewohnheit das griffeste Jagdmesser mitgenommen. Speiste vorher mit den Reisegenossen zu abend, und dann ging ich bei salzburgischem Schnürlregen „im Mondschein spazieren“. Ein Ausflug in pechschwarzer Nacht auf einsamer Landstraße zur bosnischen Grenze. Mutterseelenallein und furchtlos, neugierig und erpicht, mit likanischen Räubern Bekanntschaft zu machen und etliche Worte auf Südkroatisch wechseln zu können.

„Schrecklich solide“ Leute diese Likaner. Bleiben bei Muttern zu Hause, wenn es finster ist und schnürlregnet, lieben die Trockenheit und Wärme. Ein Vergnügen war dieser frostige Spaziergang so tief im Süden wirklich nicht; aber „poetisch“ das Geheul frierender Dorfköter in langgezogenen elegischen Tönen.

Unweit des zweiten Dorfes auf dieser einsamen trutzigen Wanderung endlich ein verdächtiges Geräusch. Ein Knacken von Holz, das etwas Ähnlichkeit mit dem Aufziehen von Gewehrhähnen hatte. Also doch! Und gleich mehrere Räuber und schußbereit!

Nein! Richtige Raubgesellen machen vor dem Angriff nicht so blöden Lärm; auch ist es nicht üblich, daß echte Hajduken sich angesichts des Menschen, der überfallen werden soll, am Boden wälzen….