Ein Stutzen erst, dann brach der Entrüstungssturm los, donnernd, kreischend, vom Baß hinaufreichend bis zu den Fisteltönen hellster Wut. „Nicht Lentulaj, sondern Čegetek!“
Bisher hatte Nikola von Zdenčaj, in Wahrung seiner Würde als Komitatsgewaltiger, von seinem rotgepolsterten Fauteuil aus, sitzend zur Wählermasse gesprochen. Nun stand er auf zum Zeichen, daß eine offizielle Mitteilung verkündet werde.
Die Wähler verstummten in gespanntester Erwartung und horchten.
Herr von Zdenčaj in unerschütterlicher Ruhe erklärte: „Ich habe bisher nur den Namen ‚Lentulaj‘ vernommen. Demgemäß proklamiere ich amtlich in meiner Eigenschaft als Obergespan und Leiter der Wahlhandlung Herrn von Lentulaj als gewählt durch Akklamation zum ersten Vizegespan! Herr von Lentulaj ist — gewählt!“ Sprachs und setzte sich.
Viel Hunderte Wutschreie gellten durch den Saal, ein Orkan der
Entrüstung entlud sich, wie wahnsinnig tobten die geprellten nhänger
Čegeteks und brüllten den Protest: „Gewaltstreich! — Nichtswürdigkeit!
— Gemeinheit! — Sind wir in der Türkei? Wir protestieren — zu Protokoll!
Die Proklamation gilt nicht! Sie ist ungiltig!“
Statuengleich saß der Obergespan auf dem roten Fauteuil und wartete ruhig, geduldig. Herr von Zdenčaj kannte seine Leute und ließ sie toben, brüllen, protestieren, austoben.
Das dauerte eine Weile — dann aber flaute der Sturm ab. Es wurde etwas ruhiger im Saale.
Der Obergespan verneigte sich leicht gegen die Wählerschaft, wandte sich zum Obernotar am Präsidialtische und befahl mit lauter Stimme: „Die Proklamation Lentulajs ist zu protokollieren!“
Im Saale erst allgemeine Verblüffung. Die Leute waren sprachlos vor Überraschung; denn viele hatten es doch nicht für möglich gehalten, daß der Obergespan angesichts des deutlich genug zum Ausdruck gebrachten Willens der erdrückenden Stimmenmehrheit genau das Gegenteil feststellen werde. Seine Gelassenheit, die souveräne Nichtbeachtung der Mehrheit flößte wie immer jenes Höchstmaß von „Respekt“ ein, das teils ein Lachen hilfloser Verlegenheit bewirkt, teils zu Anzeichen ungefährlicher Drohungen reizt. Während ein Teil der übertrumpften Anhänger Čegeteks lachte, ballten andere die Fäuste in ohnmächtiger Wut gegen den schlaueren Obergespan, der klug genug war, jetzt erst recht gelassen zu bleiben und alles unterließ, was einen neuen Sturm hätte erzeugen können. Herr von Zdenčaj erhob sich und forderte die Wähler auf, mit Zuruf für die Stelle des zweiten Vizegespans entweder Herrn Čegetek oder Herrn von Busić zu wählen.
Abermalige Verblüffung. Die Aufforderung mit Nennung des Namens „Čegetek“ an erster Stelle hatte die Wirkung eines kalten Wasserstrahles auf die erhitzten Köpfe. Die Leute glaubten, daß der Obergespan jetzt ihren Willen erfüllen, Čegetek zum zweiten Vizegespan haben möchte. Das aber wollten die Wähler justament nicht; sie wünschten Rache zu nehmen und Zdenčajs „Plan“ zu vereiteln.