Hatte Wolf Dietrich Thränen vergossen, der Ratschlag, nach Hohenwerfen zu gehen, rief Mißtrauen wach, der Fürst mochte ahnen, daß er nur zu leicht würde auf jener einsamen Burg gefangen gehalten werden. So sprach er denn schmerzbewegt: „Nein, Hohenwerfen, so lieb ich die Burg habe, sie bot mir vor vierundzwanzig Jahren die schönsten Stunden meines Lebens, Hohenwerfen betret' ich nimmer! Lieber geh' ich nach Kärnten!“
Graf Törring warnte vor jeglicher Flucht; wolle der gnädige Fürst nicht nach der sicheren Burg Werfen, sei es besser, den Herzog zu Salzburg zu erwarten.
Das wollte nun Wolf Dietrich in seiner Angst auch nicht thun; er verabschiedete die Kapitulare und harrte in tiefster Kümmernis der Kapuziner.
Der Sonntag verging; die einsamen Stunden benutzte Wolf Dietrich zum Schreiben von Erklärungen. In einer derselben verteidigte er sich gegen die Beschuldigung, als ob er mit den protestantischen Kurfürsten korrespondiert und daher kein guter Katholik wäre. „Daran geschehe ihm unrecht, indem er bei dem katholischen Glauben leben und sterben wolle. Er wisse auch wohl, daß er wider Ihre fürstliche Durchlaucht gehandelt, begehre derowegen Gnad und Verzeihung.“ — Das zweite Schreiben war an das Domkapitel gerichtet und gab diesem die Vollmacht, während seiner Abwesenheit dem Erzstift in seinem Namen vorzustehen und das zu thun, was den Unterthanen am zuträglichsten sein würde.
Wolf Dietrich ließ diese Briefe auf seinem Schreibtische liegen, damit sie leicht gefunden werden konnten.
Als gegen acht Uhr abends an diesem schrecklichen Sonntag die Kapuziner
noch immer nicht zurückgekehrt waren, gab der Fürst alle Hoffnung auf
und befahl, es solle alles zu seiner Abreise bereit gehalten werden.
Rasch vertauschte Wolf Dietrich sein Priesterkleid mit der spanischen
Rittertracht, schnallte das Rappier um, setzte den Federhut auf den
Kopf und schritt durch die Gemächer, wobei er zu den bestürzten
Kämmerern sprach: „Behüt' euch Gott und sehet euch um einen anderen
Herrn!“
Ordregemäß harrten im Hofe Vizemarschall Perger mit sechs Dienern, dem
Koch, zwei Roßbuben, dem Kammerdiener Märtl und drei reisigen Knechten.
Beim Scheine der Fackellichter warf der Fürst einen letzten
Abschiedsblick auf seine Residenz, seufzte tief und bestieg den Falben.
Der stille Ritt ging hinaus durchs Steinthor, hinter welchem in
schneller Gangart der Pferde die Straße gen Golling genommen wurde.
Die Flucht des Erzbischofs wirkte in Salzburg ärger als die Furcht vor dem anrückenden Feinde.
Im Kapitelhause jedoch wurde es lebhaft. Dem Propst war das zurückgelassene Schreiben Wolf Dietrichs sogleich eingehändigt worden, und damit hatte das Domkapitel die Vollmacht zu selbständigem Handeln. Sofort wurde der Befehl zur Entlassung und Fortschaffung des geworbenen Kriegsvolkes gegeben, auch die Bürger mußten die Waffen niederlegen, jede Verteidigungsmaßregel wurde aufgehoben. Kapitular Freyberg und Licentiat Gruber ritten noch vor Mitternacht aus der Stadt, dem Herzog entgegen, um die Flucht des Fürsten und die Regierungsübernahme seitens des Domkapitels anzuzeigen und zu melden, daß der Herzog im Erzstift nun nach seinem Gefallen schaffen könne.