„Du bist verbittert, Alt, der grimme Zorn trübet dir den Sinn. Und zu streiten bin wahrlich ich nicht gekommen. Geplaudert ist genug, ich wünsch' dir baldige Genesung und den Frieden im Gemüt….“
„Den find' ich auf Erden nimmer! — Hab' Dank für deinen Besuch, Puchner, und komm' bald wieder!“
Puchner reichte dem Kaufherrn die Hand zum Abschied und erschauerte; Alts Rechte war abgemagert, nur Haut und Knochen, und eiskalt. Auf dem Heimweg war Puchner dessen froh, daß er dem kranken, racheglühenden Handelsherrn nicht alles aus der Landschaft erzählte, was Alts Zustand jedenfalls noch stärker würde erregt haben, als es ohnedies schon der Fall gewesen. Welch' grimmige Bemerkungen sind im Ausschuß doch gefallen über die Prunksucht des geldgierigen Fürsten, über die Verschwendung, über das Leben Salomens am fürstlichen Hofe, deren Aufwand, und manches Wort, wenn auch geradezu widersinnig, ward gesprochen im Hinblick auf Wilhelm Alt, dem man sothane Bescherung zu Salzburg zu verdanken habe. Als wenn der in seiner Ehre so empfindlich getroffene, der Tochter beraubte Handelsherr auch nur den leisesten Anteil an der Gestaltung der höfischen Verhältnisse hätte! Und wie würde der gebrochene Mann mit Aufgebot der letzten Willenskraft gewettert haben, hätte er erfahren, daß die Landschaft nicht nur die einmalige Einhebung der bevorstehenden Türkensteuer, sondern auch die Bezahlung für die nächstfolgenden Jahre bewilligte, alles in der Hoffnung, auf dem Gebieter auf einen einigermaßen erträglichen modus vivendi zu kommen.
VI.
Salzburgs Berge trugen blinkenden Neuschnee, weiß waren die Fluren in weiter Thalung, der Frühwinter zog ins stiftische Land. Dämpften die wirbelnden Flocken den Aufruhr in der Natur, legten sich die Stürme, es ward auch ruhiger im Bürgerleben der Bischofsstadt, nachdem seitens der Landschaftsmitglieder den Bürgern auseinandergesetzt worden, daß man nur der Not gehorchte, indem die Zustimmung zu den Steuermandaten des Fürsten erteilt wurde. Loderte mancher Hitzkopf in der Ratsstube der bei Wein oder Bier in der Trinkstube auf und donnerte gegen die Mißwirtschaft, so hielten verständigere Leute entgegen, daß die Hauptsache sei, mit dem hochfahrenden Fürsten zunächst ein Auskommen zu finden, ansonsten es weit schlimmer werden müßte. Was jetzt gefordert werde, könne der Salzburger zahlen, eigentlich sogar ein Erkleckliches mehr, man habe in der Landschaft gejammert genug und sich endlich zufrieden gegeben. Dafür müsse aber Ruhe werden. Mählich wirkte solche Beschwichtigung, und der reichliche Schneefall schläferte das Leben ein. Besondere Ereignisse gab es nicht, selbst bei Hof ging es ruhig, ohne Prunktafeln oder sonstiges Schaugepränge zu; Salzburg trug mit dem Schnee auf den Dächern eine gewaltige Schlafmütze auf dem Kopf. Ein stilles Schaffen in den Schreibstuben der Handelsherren wie auch in den Kanzleien der Behörden; lauter ward es in den Arbeitsstätten der Wagner und Schmiede, bei letzteren geht die Hufbeschlagsarbeit und Wagenbereifung ja das ganze Jahr über nicht aus.
Der Winter ließ sich ehrlich an, wie es Brauch ist im Gebirg. Es schneite etliche Tage ununterbrochen, dann setzte Frost ein, der die Schneeschicht rasch erhärtete, so daß die Kärrner nach den Kufen griffen und die Lasten auf Schlitten verfrachtet wurden.
Haar und Bart weißbereift zogen die Knechte neben den gleichfalls an Kopf und Schwanz bereiften Pferden schneewatend die Straße vom Paß Lueg über Hallein gen Salzburg und die Schlitten verursachten im harstigen Schnee ein knisternd singendes, pfeifendes Geräusch. Vom Staufen her wirft die zur Rüste gegangene Sonne leuchtende Strahlenbündel zum Untersberg und hinein in den grauen Himmel. In der Richtung des Gaisberges wogt nebliger rötlichblauer Dunst, der sich rasch über die gurgelnde Salzach verbreitet, die Thalung bis zu den Felstürmchen der Salinenstadt erfüllt. Die Kärrner wandern peitschenknallend durch die Dämmerung und fluchen über die Verspätung, das langsame Vorwärtskommen durch den tiefen Schnee. Der Hochthron des Untersberges erglüht im letzten Sonnengold, ein purpurn Aufleuchten bis hinüber zum Göhl und den vereisten Zinnen des Tennengebirges, dann steigt kalter Nebel aus der Thalung auf, immer rascher sich hebend, bis erst ein feiner Dunst das Firmament verschleiert, durch den die Sterne funkeln, bis sich der Nebelschleier stark verdichtet.
Die Kärrner wußten wohl, warum sie ihre Rosse immer wieder antrieben und die Fahrt beschleunigen wollten. Folgte ihnen doch auf Entfernung eines Halbtages ein Trupp „Gartbrüder“[7], denen ein übler Ruf vorauslief. Der Trupp, so hieß es, komme von der ungarischen Grenze und ziehe gen Salzburg, weil auf Gebot des Erzbischofes in Kärnten den gartierenden Knechten nichts verabreicht werden dürfte, ja weil ein Punkt der Verordnung ausdrücklich besagte, daß ein Gartbruder in Widerlichkeit totgeschlagen, der Thäter aber nicht zur Strafe gezogen werden dürfe. Die Kärntner machten sich diese Erlaubnis gerne zu nutze und vertrieben diese Landplage rasch, weshalb den mit vielem Gesindel vermischten Gartbrüdern nichts anderes übrig blieb, als dem Urheber ihrer Verjagung einen Besuch abzustatten und die „Ritterzehrung“ vom Erzbischof zu erbitten. Mit solchem Gesindel im Rücken wird jeder Fuhrmann eilig, und schneller, als man es bei Frachtfuhrwerken möglich halten sollte, erreichten die Kärrner die schützende Stadtmauer von Salzburg, und ehe noch völlig ausgeschirrt war, flog die Alarmkunde von dem Anrücken der Gartbrüder durch die Stadt, überall Aufregung und Schrecken erzeugend.
Im Keutschachhofe, der fürstlichen Residenz, erfuhr man davon auch, und den Thürstehern schien die Kunde wichtig genug, sie den Kämmerern zu überbringen, auf daß der Landesherr verständigt werde.
Wolf Dietrich verbrachte aber den Winterabend in den wohlig erwärmten, behaglichen Räumen Salomens, wo er nicht von Außendingen behelligt werden will. Das Licht einer venetianischen Ampel bestrahlte mild das reichgeschmückte Gemach und ließ Salomes Blondhaar in zauberhaftem Goldton erscheinen. Bleich waren der Gesponsin Wangen, müde der Blick der sonst so lebfrischen Augen; Salome schien kränklich, die frühere Munterkeit, das schalkhafte Wesen, der sprühende Witz ist verflogen, die nimmermüden Hände ruhen unthätig im Schoß, die Perlenarbeit ist unvollendet geblieben.