Im Dom begann diese uralte Ceremonie, welche der Fürst-Erzbischof in eigener Person vornahm. Wie Christus beim letzten Abendmahl den Aposteln die Füße wusch, um ihnen sinnbildlich die Tugenden der Demut und der brüderlichen Liebe einzuprägen, ist in Domkirchen der Bischof gehalten, zur Erinnerung an diese Handlung Christi diese Ceremonie zu vollziehen.

Nach abgelesenem Evangelium legte Wolf Dietrich den Mantel ab, ließ sich ein Vortuch reichen, und begann den zwölf Greisen die entblößten Füße zu nässen und gleich darauf mit dem Handtuch abzutrocknen. Dann folgte der Apostelkuß, den Wolf Dietrich allerdings etwas rasch vornahm.

Soweit ging alles nach uralter kirchlicher Vorschrift und hätte nun die Geleitung des Erzbischofes zum Hochaltar erfolgen müssen. Die Domherren und Kleriker ordneten sich zum Zug dahin, aber Wolf Dietrich ignorierte dieses Arrangement, schritt plötzlich wortlos quer durch das Kirchenschiff und stieg zur größten Überraschung des Kapitels wie der massenhaft anwesenden Gläubigen die Kanzeltreppe hinan.

Ein Flüstern ging durch die weiten Hallen des Domes, von Mund zu Mund flog es, daß der Erzbischof gegen allen Brauch unerhörterweise nun predigen werde.

Richtig erschien Wolf Dietrich in der Kanzel und begann mit der ihm eigenen Gabe hinreißend schon nach wenigen Sätzen zu predigen.

Alles hielt den Atem an, um kein Wort dieser überraschenden Kanzelrede zu verlieren, die also begann: „Am heutigen Tage folgen dem Beispiel Jesu der Papst und die Bischöfe, in den Klostern die Äbte und Vorsteher, häufig auch christliche Kaiser, Könige und Fürsten, und alle beweisen durch Fußwaschung, Bewirtung und sonstige Versorgung mehrerer Armen, daß die erhabene Würde, so sie als Erdenbeherrscher über die Unterthanen erhebet, sie nicht trennen dürfe von den Banden der christlichen Bruderliebe, durch die wir im katholischen Glauben alle Glieder eines Leibes sind. Wir haben uns zu befleißigen, aufzunehmen in uns den Geist der Demut und Bruderliebe, zu beherzigen die Worte, die Jesus nach der Fußwaschung zu den Aposteln gesprochen: ‚Ich habe euch ein Beispiel gegeben, daß ihr einander thuet, wie ich gethan habe. Wie ich, euer Herr und Lehrmeister, euch die Füße gewaschen habe, sollet auch ihr einander die Füße waschen.‘ — Kein Tag im ganzen Jahr mahnt mehr und besser zur Einkehr, zur Demut, und demütigen müssen sich alle wahrhaft Gläubigen vor Gott dem Herrn, demütigen auch die Unterthanen vor ihrem Fürsten und Gebieter.“

Wolf Dietrich hatte damit den gewünschten Übergang gefunden, um den Zuhörern ihre Pflichten der Ergebenheit darzulegen, und gewandt sprach der Kanzelredner zu Herzen, er spielte auf manche Ereignisse an, welche die schuldige Demut auch vor dem Fürsten und seinen Regierungsakten schwer vermissen ließen. Mit flammenden Worten rügte der Redner solchen Mangel an Ehrfurcht und Demut, er geißelte Unbotmäßigkeit und Nörgelsucht und führte aus, daß jeder Fürst ein Recht darauf habe, sich auch als Mensch zu fühlen, und der Unterthan zu schweigen habe. Besser sei da ein menschlich Leben in weiser Beschränkung als verhüllte Sünde; besser, es hält der Mann es mit einem einzig Weibe in Ehren, denn er führe ein ausschweifend Leben, wie beklagenswert anzutreffen sei an vielen Orten und leider auch in Priesterhäusern und im Widum.

Die Rede schloß mit einem Appell an den guten Sinn und demütige Ergebenheit aller guten Unterthanen, die den Balken im eigenen Auge erkennen sollen.

In höchster Überraschung flüsterten die Zuhörer wie die Kapitelherren, es kann kein Zweifel sein, daß Wolf Dietrich über sein Verhältnis zu Salome sich ausgesprochen, den Unterthanen eine Epistel vorgetragen habe. Ein unerhörtes Beginnen, überraschend, verblüffend, aber echt im Charakter des Fürsten, der so viel Unberechenbares in sich birgt.

Gelassen stieg Wolf Dietrich die Kanzelstufen herab und begab sich zu seinem erhabenen Platz neben dem rechtseitigen Chorgestühl des Kapitels. Zögernd nur, ringend nach Fassung, begannen die Priester und Domherren die Funktionen wieder anzunehmen und durchzuführen. Graf Lamberg saß wie zu Stein erstarrt an seinem Platz, auch er, der vertraute Freund des Erzbischofs, ist grenzenlos überrascht worden.