Eine Angst befällt Petern, der lauft wie noch nie im Leben. Schon sieht er den Albbach glitzern tief unten im Thale, eine kurze Stecke noch und er wird in Kuchelbach sein. Was ist das für ein Lärm? Wie rasend flüchten Menschen die Hänge hinan, schreiend, von Verzweiflung getrieben, und hinterdrein jagen Husaren; Gewehre knattern, Pulverdampf steigt auf — eine entsetzliche Menschenjagd ist's — die Salpeterersache ist verloren!
Peter starrt einen Augenblick hinab ins Thal, dann aber regt sich der Selbsterhaltungstrieb in ihm und jäh kehrt er um, zurück in rasendem Lauf, hinein in den Wald und heimwärts mit fliegendem Atem. Verloren die Salpeterei! Verloren, bevor sie zum Sieg ausgezogen! Verloren die Grafschaft, das alte Recht, die alte Einung! Sie werden nun Soldaten in alle Dörfer legen, die Mitglieder der Bruderschaft einzeln herauszufangen und zu Freiburg vor'm Hofgericht massakrieren. Drum hinein in den dichtesten Wald — der Tann allein schützt den Schwarzwälder — dort, wo die Nadeln am dichtesten sind.
Atemlos, abgehetzt, von Angst gefoltert, an allem verzweifelnd, erreicht Peter sein heruntergekommenes ärmliches Haus am Bühl; scheu blickt er um sich, namentlich gen Hochschür hinüber, er fürchtet überall Panduren und Husaren hervorbrechen zu sehen. Alles ist ruhig wie vordem: schwarz der Tann, graugelb die Matten und Hänge, weggewaschen der Schnee — eine Totenstille liegt über dem Bühl. Gottlob! Hier herauf sind die Häscher noch nicht gedrungen. Aber sie werden kommen! Hastig sucht Peter nach dem Thorschlüssel; endlich findet er ihn und schließt auf. Schnell rafft er Proviant zusammen und bindet alles in ein Linnen. Soll er auch einen Krug Wein mitnehmen? Ein Geräusch draußen läßt Petern davon Abstand nehmen, schreckerfüllt packt er das Linnen und jagt, wie von Furien verfolgt, in den Tann. Sogar seine Akten hat er im Stich gelassen, und angelweit offen steht die Hausthür.
Vom „Schild“ rasselt ein leerer Blumentopf völlig herunter, den die
Hauskatze ins Rollen gebracht; das war das Geräusch, das Peter in die
Flucht gejagt.
* * * * *
Es ist wieder Winter geworden auf dem Wald; erst zog es an und wurde scharf kalt in der Nacht, dann schob der Westwind graue Wolken heran, aus denen die Flinsen anfangs zaghaft herabfielen, bis die Flocken Mut bekamen und in tollem Wirbel zur Erde flatterten. Immer größer wurde das Geflock, Hügel und Matten kleiden sich wieder weiß, ins Leichentuch der Natur, und geduldig halten auch die ernsten Tannen still bei dieser Liebeswerbung des weißen Wintergastes. Es schneit ununterbrochen stundenlang; dann wird es kalt, bitter kalt, wie sich's gehört zur Adventszeit. Steif gefroren ist alles, ein ungeheurer Panzer hält die Schwarzwalderde umschlungen, fest, ehern und silberweiß.
„Und wo me luegt, isch Schnee un Schnee,
Me sieht ke Stroß' und Fueßweg meh.“
So grimmig der Winter wiedergekommen mit Ungestüm und Macht, im alten Hause bei Biber ist Frühling: Michel ist wieder gesundet, er steht, wenn auch noch etwas schwach und matt, wieder auf den Beinen und verbringt die kurzen Tagesstunden auf der „Kunst“ beim warmen Kachelofen im Untergelaß. Thrinele hat ihre Kräuterreste zusammengepackt und sich fertig gemacht, das Haus zu verlassen. Ihre Pflegeraufgabe ist gethan, und damit der Zweck ihrer Anwesenheit erfüllt. Mit rührenden Worten hat sie der alten Biberin herzlich gedankt für die gütige Aufnahme und Erlaubnis, daß sie dem Michel Pflegerin sein dürfte. Und Muetti nahm das Maidli in die Arme und küßte es ab und nannte Thrinele „Tochter“; und 's Maidli weinte Freudenthränen am Herzen der alten seelensguten Frau. Ob es freilich dazu kommen werde, daß Michel und Thrinele vereint am Altar stehen werden, das kann nur Gott allein wissen. Die Zeiten sind schlimm, und böse die Verhältnisse. Wollten auch Bibers — der Ätti muß doch auch erst gefragt werden — zustimmen in der Erkenntnis, daß es weit und breit auf dem Wald kein braveres Maidli gebe, Thrineles Vater ist streitsüchtig und der Salpeterersache ergeben. Und niemals hat man gehört, daß Kinder aus Halunken- und Salpetererfamilien im Wald zusammen geheiratet hätten. Sicherlich wird der Streitpeter böse sein, daß Thrinele über Hals und Kopf das Vaterhaus verließ und Aufnahme bei Halunken gefunden; von einer Heirat wird er erst recht nichts wissen wollen. Ist ja doch landbekannt, daß er lieber verderben, als die Sache der Salpeterer aufgeben wolle, für die er nahezu alles geopfert, für die er sozusagen bettelarm geworden ist. Ein halbdutzend Kühe, Pferde und Fahrnisse hat seine Streitlust, sein Kampf gegen die Obrigkeit schon verschlungen, das Anwesen ist verschuldet, heruntergekommen, aber zäh hält Peter an seinem Wahne fest. Das weiß man am Bühl wie zu Herrischried, und drum — so meint Muetti — müsse man das Weitere Gott, dem Lenker der Schicksale überlassen. Wortlos, das Köpfchen geneigt, hat Thrinele der Alten zugehört; 's Maidli nickt unter Thränen und ist bereit sich zu fügen, zu entsagen. Nur dem Ätti möchte sie noch danken, sich von ihm verabschieden. Aber der alte Biber ist seit einigen Tagen — Thrinele hat das gar nicht bemerkt — von Hause fort und nach Säckingen zu Amt gegangen. Heute wird er zurückerwartet; bis zu seiner Rückkehr solle Thrinele daher im Hause bleiben, und solle es dann zu spät zum Heimgehen auf den Bühl werden, so müsse 's Maidli eben noch eine Nacht bei Bibers verbringen. Und so wartet denn Thrinele, rückt die Kunkel ans Fenster und spinnt fleißig, daß das Rädli summt und surrt. Zartfühlend hat Muetti auf ein Weilchen die Stube verlassen und sich anderwärts zu schaffen gemacht, auf daß das Pärchen Abschied nehmen könne, wer weiß auf wie lange Zeit.
Michel kommt denn auch, noch etwas unsicher gehend, auf das emsig spinnende Maidli zugeschritten, legt liebkosend seine Hand auf Thrineles Köpfchen und flüstert: „Will d'Sunne wirkli von mir goh?“
Seufzend nickt's Maidli, und salziges Wasser füllet die Äuglein.