Klärle zetert jetzt aus vollem Halse und ruft den alten Vater zu Hilfe.
Doch der Giftbauer, der im Fenster des oberen Stockwerkes liegend den
Vorfall beobachtete, grinst vergnügt und kichert herunter: „Ganz recht
isch dir g'scheh'n! Der hat dir's gründlich b'sorget, hihi!“
Klärle macht zornglühend eine jähe Wendung, guckt sprachlos vor Entrüstung zum Vater hinauf und springt ins Haus. Gleich darauf gellt ihre Stimme durch den Flur: wieder ist's Bärbel, an der das Mädchen seinen Zorn ausläßt, und Tellergeklirr und prasselnde Scherben künden nichts Gutes. Wenn das so fort geht, wird bald kein Geschirr mehr im Hause sein und künftig alles aus Holzschüsseln gegessen werden müssen. Der Giftbauer, ein schwächlich, von Gicht häufig geplagtes Männlein, humpelt die ächzende Holztreppe hinunter ins Erdgeschoß, um sich den Kampf in der Nähe zu besehen. Kaum aber guckt er in die Küche, da schmettert ihm Klärle schon entgegen: „Was willscht? Mannerluit hent nüt z'suchen in der Küch'! Gang nur glei, oder i gang!“ Und zur Bekräftigung ihrer scharfen Aufforderung greift Klärle nach einem Besen, so daß der Giftbauer schleunigst den Rückzug antritt und in die Wohnstube flüchtet, wo er im Lehnstuhl am Fenster über sein harbes Töchterlein nachdenken und auf das Mittagsmahl warten kann. Es ist eine böse Sach' mit dem Klärle! Zwar hält sie die Wirtschaft ganz ordentlich zusammen und dirigiert das Gesinde wie ein General seine Truppen, hält es zur Arbeit an, besser, als es der Giftbauer in rüstigen Jahren selber vermochte. Aber Lust und Fröhlichkeit ist mit dem Heranwachsen der Tochter völlig aus dem Hause geschwunden; man hört kein frohes Liedel mehr, kein Lachen, dafür Gezeter und Gekeife, so schlimm, wie es sogar bei Mutters Zeit nicht gewesen, und Mutter war gewiß scharfzüngig und hatte eine Schneid' entwickelt, wie solche die schärfsten Lauterbacher Bueben nicht besaßen. Tief aufseufzend flüstert der Alte vor sich hin: Wenn nur der Rechte einmal käme und Klärle zähmen würde! Aber der darf gehörig Haare auf den Zähnen haben, sonst verspielt er und muß sich ducken und kriegt den Teufel ins Haus. So eine Zähmung wünscht der Gifter seiner Tochter vom ganzen Herzen, doch quält ihn auch wieder der Gedanke, wie es einsam im Hause sein werde, wenn Klärle einmal fort sein wird. Freilich ist dann immer noch die Bärbel da, aber die ist eben doch nicht sein eigen Fleisch und Blut.
Den Dienstboten macht Klärle heute ganz besonders flinke Füße, denn es ist ja Vorabend vor Pfingsten und muß daher gefegt und gescheuert werden mehr denn je im arbeitsreichen Jahre. Wie's Gewitter ist Klärle hinterdrein und ihre scharfen Worte treiben die Leute an wie Geißelhiebe die Pferde. Kaum daß die scharfe Tochter dem Gesinde Zeit zum Mittagessen ließ, so drängte sie zur Arbeit; sie selbst rührte keinen Bissen an und hielt während des Mittagsmahles nach ihrer Eigenart die Hände vor das Gesicht, um nur ja niemanden sehen zu müssen. Der Vater wagte die Bemerkung, daß es doch wohl nicht so arg pressieren werde mit der Arbeit, der Tag sei lang genug, und bis zur Dämmerung dürfte doch alles auf dem nicht zu großen Hof gerichtet sein.
Spitz kam es augenblicklich von Klärles Lippen, wobei das Mädchen zornig mit den kleinen Fäusten auf den Tisch schlug: „So, meint der Vater? So wird's recht! Den Dienstboten auch noch die Stange halten und vorreden, daß sie sich Zeit lassen sollen! Das wär' mir die rechte Wirtschaft! Warum denn nicht gleich der Stalldirn eine Seidenmantill' umhängen und den Kuhhirten regieren lassen! Nein, daraus wird nichts! Ich hab' die Verantwortung, und so lang ich im Hause bin, regier' ich, verstanden! — Auf jetzt, es ist abgegessen! Bärbel, bet' den Vaterunser und dann fort zur Arbeit!“ Gehorsam betet Bärbel vor und das Gesinde nach. Dann verschwindet alles aus der Stube, froh, der hantigen Tochter aus den Augen zu kommen. Auch der Alte humpelt von dannen, verdrossen ob der ihm gewordenen Abkanzlung, wo er es doch so gut gemeint hat. Bärbel begiebt sich wieder zur Spülarbeit in die Küche, indes Klärle die Fegarbeit vor dem Gehöft beaufsichtigt und die eine Dirn schilt, daß sie so viel Staub aufwirbelt und das Wassersprengen vergessen habe. Gleich darauf wettert das Mädchen, daß die Milchgeschirre, die Buttergefäße nicht blank genug gescheuert seien und Flecken aufweisen, die augenblicklich mit Seife und Sand nochmal gerieben werden müßten. Und über dem einen Fenster im oberen Stockwerk zeigen sich gar Spinnweben! Ob man wohl ersticken soll im Gifthof? Zornerfüllt packt Klärle einen Besen, streckt sich und sucht das Spinngewebe wegzuwischen. Um sich eine größere Körperlänge zu verschaffen, steigt das Mädel rücksichtslos auf ein umgestülptes, eben frisch gescheuertes Butterfaß und stochert nach dem Gewebe. Doch das Faß schwankt, Klärle verliert das Gleichgewicht, sucht mit dem Besen am Fensterrahmen einen Halt zu gewinnen, und klirr — eine Scheibe ist eingestoßen, und die Glasscherben fallen knirschend herunter. Mit einem Satze ist Klärle herabgesprungen und stößt das Faß mit dem Fuße vor. Das schadenfrohe Gekicher der Mägde entfacht ihren Zorn und Ärger zur hellen Wut, und ein wahres Donnerwetter prasselt auf die Dirnen herab.
Immer näher klingendes Schellengeläute heimziehender Kühe läßt Klärle mitten in der Rede einhalten, wie versteinert steht das Mädchen und starrt auf den Hirten, einen etwa zwanzigjährigen Burschen, der mit lautem „Hüh!“ die ihm anvertraute Herde dem heimatlichen Stall zutreibt und fröhlich dazu die Geißel schnalzen läßt. Und einmal von der Straße weg, setzen sich die prächtigen Hornisten in Trab trotz des vollen Gesäuges und drängen der Stallthüre zu. Jetzt findet Klärle die Sprache wieder; im Sturmschritt eilt sie auf den Hirten zu und fährt ihn an: „He Märte, bischt närrisch worde?! s' Dunnerwetter soll di versprenga, was kommst denn du gant am helllichten Tag hoim!“
Gelassen nickt Martin, der Hirt, der Hoftochter zu, schiebt sich zwischen den Kühen durch, öffnet die Stallthüre und läßt seine Hornisten ein; dann stellt er sich ganz gemütlich vor Klärle hin und meint, sobald die Kühe getränkt seien, könne Vrenele mit dem Melken beginnen.
Klärle ist ob solcher Frechheit völlig perplex; am helllichten Tage das Vieh von der Weide abzutreiben, das ist unerhört, und der Bursche entschuldigt sich darob noch nicht einmal und thut, als sei das selbstverständlich.
„Närrisch, rein närrisch isch es und zum greina! Aber dir soll der Grind gewaschen werde, du Bengel, du Tagedieb! Vom Lohn soll dir's abgezogen werde!“
Die letztere Drohung schüchtert Martin wohl etwas ein, doch meint er, am
Vorabend vor Pfingsten werde eine Ausnahme schon erlaubt sein, weil ein
Hirt sich doch auch vorrichten müsse zum morgigen Schellenmarkt.
Klärle zetert mit voller Lungenkraft, daß ihr der Schellenmarkt völlig
gleichgültig sei und sie nichts kümmere. Auch verweigere sie die
Erlaubnis zum Besuch des Schellenmarktes aus Strafe für das vorzeitige
Verlassen des Weideplatzes.