Der sonst so gefügige Hirt aber lehnt sich jetzt entschieden auf; ein
Hirt gehöre von altersher am Pfingstsonntag auf den Schellenmarkt am
Fohrenbühl, und wenn's den Bauern nicht recht sei, können sie zu
Pfingsten ihr Vieh selber hüten. So war's immer Brauch im Schwarzwald,
und er, der Martin, werde diesen Brauch der Klärle zu lieb nicht ändern.

„Du bleibscht daheim, sag' ich!“

Martin zuckt die Achseln und schickt sich an, das Mädchen einfach stehen zu lassen. Diese Respektswidrigkeit ahndet Klärle jedoch augenblicklich, und schwapp hat der Hirt einen Schlag um die Ohren, daß es patscht. Im Burschen kämpft es sichtlich, doch gewinnt alsbald die Vernunft die Oberhand; hochrot im Gesicht reibt sich Martin die geschlagene Wange und meint, es wäre nicht nötig gewesen, ihn zu schlagen, denn noch sei er nicht zum Schellenmarkt gegangen, das Verbot sei also noch nicht übertreten.

Höhnisch rät Klärle ihm, er soll es nur nicht wagen, den morgigen Schellenmarkt zu besuchen. Frühmorgens habe er wie immer die Kühe aufzutreiben, und wehe ihm, wenn er sich am Fohrenbühl sehen lasse. „Und jetzt geh' deiner Arbeit nach!“

Der Giftbauer hat sein Nachmittagsschläfchen gemacht und humpelt eben vors Haus, um seinen alten Körper etwas zu sonnen. Der scharfe Wortwechsel lockt ihn an und eiliger als sonst stapft er um die Hausecke, um zu hören und sehen, was denn schon wieder los sei. Beim Geräusch der klatschenden Ohrfeige bleibt der Alte erschrocken flehen, hebt seinen Krückstock wie abwehrend in die Höhe und ruft Klärle zu, sie solle es in ihrem Zorn und Ärger nicht zu weit treiben und die Dienstleute nicht auch noch körperlich mißhandeln.

Augenblicklich dreht sich Klärle um und schreit erregt dem Vater zu: „Soll ich mich vielleicht von dem rebellischen Volk schlagen lassen! Wer nicht pariert, der kriegt Hiebe; wer nicht hört, muß fühlen. Ist das auch eine Art, am helllichten Tag die Weide zu verlassen? Und wegen was? Bloß damit der Kerl seine Vorbereitungen zum Schellenmarkt machen kann! Haha! Ich werd' ihm den Schellenhandel austreiben!“

„Na, Klärle! Es ist ja alter Brauch, daß die Hirten sich am
Pfingstsonntag zum Schellenmarkt auf dem Fohrenbühl versammeln!“

„So, und soll dann vielleicht ich das Vieh hüten am Pfingstsonntag?“

„Wer redet denn von dir?! Das kann doch der nächstbeste Knecht besorgen. Der Pfingstsonntag gehört nun einmal seit undenklichen Zeiten den Hirten, und die Bauern des ganzen Bezirkes haben sich diesem Brauch gefügt und hüten am Jahrtag ihr Vieh selber!“

„Mögen die anderen thun, was sie wollen: ich leide es nicht, und der Gifthof fügt sich diesem Brauch nicht! Und ein Feigling ist der Martin, daß er sich schlagen läßt!“