Im Gifthof sind die Dienstboten nach Amt und Predigt wieder vollzählig erschienen, und gemächlich freuen sich die Knechte der Festtagsruhe vor dem Essen, nur die Dirnen müssen Hausarbeit in der Küche verrichten. Martin, werktäglich gekleidet, mit der langen Geißel bewaffnet, schreitet eben der Stallthüre zu, um seine Kühe loszuketten und auf die Weide zu treiben, da kommt Klärle aus dem Flötz und ruft ihn an: „He, Märte, was soll's?“

Verwundert dreht sich der Hirt um und guckt Klärle an.

„Wohin willst, Märte? Warum steckst du am heiligen Fest in
Werktagskleidern?“

„Auf die Weide will ich! Hast es ja ausdrücklich befohlen!“

„Du bleibst hier! Augenblicklich ziehst dich um, dem Pfingsttag zu
Ehren! Und die Kühe treibt Vrenele aus bis zum Abend!“

Martin starrt Klärle fassungslos an.

„Hörst schlecht? Dageblieben sag' ich! Und nach dem Essen begleitest du mich zum Schellenmarkt, verstanden!“

Den Befehl hat der Hirt verstanden, aber warum die Gifttochter jetzt den Sinn so geändert, warum sie sogar ihn zur Begleitung auffordert, das will ihm nicht in den Kopf. Aber ihm kann's recht sein! Vergnügt begiebt er sich wieder zurück in seine Kammer und kleidet sich abermals um. Mit offenen Mäulern stehen die Knechte herum und staunen; der heutige Tag bringt eine Überraschung nach der anderen. Klärle geht dann hinüber in den Garten, um den Vater zu verständigen, daß sie nach Tisch mit dem Hirt auf den Fohrenbühl gehen werde. Es möge der Vater mit Bärbel unterdessen das Haus hüten.

Der Alte hat alles schon vernommen; Klärles Stimme ist nicht zu überhören. Ihm kann's recht sein, nur meint der Gifter, daß es vielleicht für Klärle besser sei, sich nach dem Vorfall in der Kirche lieber nicht unter die Leute zu mischen. Auch pflege es auf dem Schellenmarkt nicht immer glatt abzugehen! Jedenfalls werde Klärle gut thun, vor Dämmerung heimzukehren! Denn nach dem Gebetläuten sei noch immer gerauft worden beim Schellenmarkt am Fohrenbühl!

Klärle ist ganz vom Widerspruchsgeist erfaßt; die gutmütige Mahnung erzielt bei ihr das Gegenteil; sie geht jetzt erst recht. Auf die Leute hat sie nicht aufzupassen, und mit dem stichligen Pfarrer werde sie schon noch abrechnen. Und vom Vater wäre es auch schöner gewesen, wenn er, statt wie toll heimzurennen und sich vor den Leuten zu verstecken, dem Pfarrer seine Meinung gesagt hätte. Der Hirt — so ein Wicht! — hat mehr Schneid und Anhänglichkeit bewiesen und hat wenigstens versucht, ihr beizustehen. Drum darf er zur Belohnung für seinen guten Willen auf den Schellenmarkt, und sein zweites Geläut werde sie, die Tochter vom Gifthof, ihm aus eigenen Mitteln ergänzen.