Mit besonderer Würde und Feierlichkeit besteigt der Pfarrer die Kanzel und beginnt die Predigt, nachdem er die versammelte Gemeinde gesegnet. Des würdigen Mannes scharfes Auge hat Klärle eingekeilt in der Knechte Schar wahrgenommen, und unschwer errät Hochwürden, daß das Mädchen sich verspätet habe und sich nun wohl nach seiner Art über diese Umgebung schwer ärgern werde. Der Pfarrer erinnert an die Verheißung Christi, die am zehnten Tage nach des Heilandes Himmelfahrt in Erfüllung ging. In Jerusalem waren die Apostel, Maria und wohl an hundertzwanzig Gläubige versammelt, und alle beteten gemeinschaftlich um die dritte Stunde (neun Uhr morgens). Da entstand plötzlich ein Brausen, das das ganze Haus gleich einem Sturmwinde erfüllte, und der Geist Gottes kam in Gestalt feuriger Zungen über die Betenden herab, erfüllte sie mit seinen Gaben und bewirkte bei ihnen, daß sie die Lehre Jesu klar begriffen, gab ihnen die Gabe der Sprachen und erfüllte sie mit Mut, um die Lehre Gottes überall zu predigen. An jenem Tage hielt Apostel Paulus eine erschütternde Rede an das Volk, und dreitausend Juden bekannten sich zur Lehre Jesu und ließen sich taufen. Und heute ist das Pfingstfest, eine Gedächtnisfeier zur Erinnerung an die Gründung der christlichen Kirche für die ganze Menschheit. Mit der Feier dieses Festes steht auch die Natur im Einklang; das heilige Pfingstfest fällt in eine Jahreszeit, wo die Natur im Sinnbilde die Wirkungen darstellt, welche der heilige Geist bei seiner ersten Ausgießung in der Menschheit im Ganzen hervorrief, und welche er noch immer hervorruft, wenn er in die Seele der einzelnen Christen einkehrt. Unter dem wohlthätigen Einfluß der Sonne entwickeln sich in schnellem Wachstum die Keime und Knospen, welche die Früchte des Sommers und Herbstes tragen sollen, die ganze Natur prangt in vollendeter Schönheit. Die Knospen im christlichen Sinne sind aber hauptsächlich die Liebe, der Friede, Geduld, Milde und Güte, und um diese Früchte des heiligen Geistes sollen alle jene zu Gott flehen, in deren Herzen diese himmlichen Tugenden nicht wohnen.
Ist es Zufall, daß der Prediger den Kopf eben in die Richtung dreht, wo
Klärle mit hochrotem Kopf steht?
Geduld, Milde und Güte und die Gifthof-Klärle — —?!
Unwillkürlich guckt alles in nächster Umgebung auf das Mädchen, das zornglühend am liebsten in die Erde versinken möchte. Die Knechte stoßen sich gegenseitig mit den Ellbogen, ein leises Gezischel bei den Weibsleuten wird hörbar; die Leute haben erfaßt, daß die Worte von der Kanzel offenbar auf die Gifttochter gemünzt sind, und darüber ist sich auch Klärle klar. Wild drängt ihr heißes Blut zum Herzen, es hämmern die Schläfen, sie glüht vor Zorn über diese Bloßstellung nach ihrer Meinung und einem unwiderstehlichen Drange folgend, drückt das Mädchen die nächststehenden Burschen zur Seite, schafft sich Platz durch Püffe und Stöße und drängt sich durch die Menschenmauer hindurch ins Freie. Ein Gemurmel des Unwillens, des Staunens erfüllt den Raum, niemand achtet der weiteren Worte des Pfarrers; die Thatsache, daß die Gifttochter beleidigt und absichtlich die Kirche verlassen, wirkt zu überraschend. Das Ärgernis vergrößert sich, da auch noch der Gifthofhirt, der, auf der Chortreppe stehend, die Entfernung Klärles wahrgenommen hat, unter kräftigen Stößen und Püffen zum Ausgang drängt und sichtlich bestrebt ist, dem Mädchen Beistand zu leisten.
Klärle hat sich durch den Menschenwall durchgearbeitet und steht, tief Atem holend, an allen Gliedern bebend und hochrot im Gesicht, im Friedhof, begafft von den Burschen, die im Gotteshause keinen Platz mehr gefunden und nun ihrem Erstaunen über den verfrühten Austritt Klärles unverhohlen Ausdruck geben. So spottet einer der Lauterbacher Buben: „He, Klärle! Isch dir's zu warm worden drinnen, oder hat der Pfarrer gestichelt!“ Das Mädchen wird blaß bis in die Lippen, es flimmert Klärle schwarz vor den Augen vor Erregung. Im selben Augenblick tritt Martin an ihre Seite, faßt sie bei der Hand und führt sie mit den Worten: „Komm, Klärle, dir isch übel!“ hinweg.
Auf der Straße angelangt, reißt sich Klärle unwillig los und stürmt davon. Verdutzt guckt Martin dem Mädchen nach, Klärles Sinnen, Denken und Fühlen verstehe ein anderer, der Hirt kann's nicht verstehen. Gemächlich trollt Martin heim, unterwegs sich die Worte des Pfarrers zurechtlegend, die der Hirt wohl auch für richtig findet, nur hätte der Pfarrer nicht so deutlich auf Klärle sticheln sollen, die ja so arg empfindlich ist. Jedenfalls hat es der Pfarrer jetzt bei Klärle gründlich verschüttet. Die wird nun einen Humor entwickeln! Na, guet' Nacht! Das kann hübsch werden. Und wie von einer Vorahnung erfaßt, reibt sich Martin seine Wangen, entschlossen, der schlagfertigen Haustochter künftig sorgsam auszuweichen.
Im Hause steht das Thor angelweit offen, doch von Klärle ist nichts zu sehen. Martin sucht seine Kammer auf, kleidet sich wieder werktäglich, weil er ja doch laut gemessenem Befehl der Haustochter auf die Weide muß und ihm der Besuch des Schellenmarktes verboten ist. Und nach dem Vorfall in der Kirche ist an eine Zurücknahme des Verbotes ganz und gar nicht zu denken.
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Auf dem engen Kirchplatz zu Lauterbach ist es wohl seit der Kriegserklärung gegen Frankreich und der Thronbesteigung König Wilhelms II. des Guten nicht mehr so lebhaft zugegangen, als nach Beendigung des Gottesdienstes am heutigen Pfingsttag. Die Leute drängten aus der Kirche in einer Eile, als stünde das Dach in Flammen, und in Weiberröcken und Mädchenzierrat gab es Risse, die willig in Kauf genommen wurden, wenn es nur gelang, so schnell wie möglich das Ereignis der Predigt auf die Gifthofkläre besprechen zu können. Daß der Pfarrer recht hat, ist eine ausgemachte Sache; das bestätigt jedes, das mit der spitzen Klärle je in Berührung gekommen ist. Und unverdient ist diese Kanzelmahnung sicherlich nicht; dagegen ist die Nippenburg gegen ein Zündholzschächtelchen zu wetten, daß die Kanzelmahnung bei Klärle just das Gegenteil erzielen wird. Die jungen Lauterbacherinnen wundert daher die Kurasche des Pfarrherrn, den 's Klärle doch schon einigemale heidenmäßig respektwidrig schnippisch behandelt hat. Ältere Leute wieder äußern die Ansicht, daß damit der Pfarrer nur Öl ins Feuer gegossen habe.
Ein wahres Kreuzfeuer von Fragen und Bemerkungen hatte der alte Giftbauer auszustehen, als er ahnungslos aus der Kirche kam. Daß seine Tochter das Stichblatt der Pfingstpredigt gewesen, hat er nicht im geringsten gemerkt; im Gegenteil war er der Meinung, daß der würdige Pfarrer seit Langem nicht so eindringlich und gut das Wort des Herrn verkündigt hat. Und so ganz im geheimen hat der Alte gebetet, es möchte der Geist der Liebe, Milde, Güte und Geduld auch in Klärle einziehen und deren Herz weicher stimmen. Der Ansturm der Lauterbacher überrascht daher den Alten höchlich, er verblüfft ihn; der Gifter kann es nicht fassen, daß der „Stich“ auf Klärle allein gemünzt gewesen. Aber da versichert wird, daß seine Tochter in höchster Erregung vor Beendigung des Gottesdienstes die Kirche verlassen, sich gewaltsam den Austritt erzwungen hat, so wird dem wohl so sein, und der Alte seufzt, und flink, wie seit Jahren nicht, stapft er von dannen, die Leute einfach stehen lassend. Die Gichtschmerzen sind ihm ganz verflogen, schier gebraucht er den Krückstock nimmer im Bestreben, dem Geschwätz so rasch als möglich zu entkommen. Der Kaspar vom Jörgenmicheleshof mit der Zwiebel auf dem Hut, dem Andenken an die Begegnung mit der Gifthofklärle, hat Mühe, den fortstürmenden Gifthofer einzuholen und sich zusammenzureimen, wie doch das Zipperlein die Leute laufen läßt, wenn's pressiert. Und dem Gifter pressiert es, als stünde sein Hof in Flammen; er biegt eben von der Straße ab, wie Kaspar mit der Zwiebel am Hute in Rufnähe kommt. Soll er den Alten aufhalten? Lieber nicht! Auch künden erregte Laute aus dem Gehöft, daß das durch den Pfarrer heraufbeschworene Gewitter sich eben entladet. Offenbar läßt Klärle jetzt in ihren vier Wänden den Gefühlen freien Lauf. Kaspar entfernt sich gegen den Fohrenbühl zu, um vom Schellenmarkt möglichst viel zu profitieren, der nach dem Lauterbacher Gottesdienst seinen Anfang nimmt.