Und weg ist das schmächtige Mädel.

Martin guckt Bärbel verdutzt nach und brummt dann: „Die hat auch ihre
Mucken wie die andere!“

Wie von einer Natter gestochen, ist Klärle, die alles gehört, zurückgefahren, sie hat im Nu begriffen, weshalb Bärbel in ihre Stube gelaufen ist, und die Einhändigung der Spargroschen zum Schellenkauf will Klärle verhindern, sie weiß selbst nicht warum.

Ein schriller Ruf dringt durch das kirchenstille Haus: „Bärbel!“ Martin zuckt zusammen und bringt sich in Sicherheit, indem er eiligst die Knechtstube aufsucht.

* * * * *

Ein herrlicher Pfingsttag ist angebrochen mit all' der Sommerpracht und goldigstem Sonnenzauber. Grün schimmert es von den Wiesen und Hängen, frisch und saftvoll; mild ist selbst der Tann geworden, dessen düsteres Schwarz sich lichtet durch die jungen Triebe. Durch den jungen Sommermorgen zittern die Glockentöne herüber, die mit eherner Zunge mahnen zum Gottesdienst. Schon sind die Ehehalten fort, festlich gekleidet, die Dirnen geputzt in der schmucken Wäldlertracht mit hängenden Zöpfen.

Der alte Giftbauer steht zum Kirchgang gerüstet vor dem Hause, denn zu heiligen Zeiten pflegt er, wenn auch humpelnd, seiner Christenpflicht zu genügen, wenn anders das Wetter es erlaubt. Und heute ist ja ein Pfingsttag, wie er schöner nicht erträumt werden kann. Doch die Zeit drängt, die Glocken rufen schon zum zweiten Male, und Klärle ist noch immer nicht fertig. Ungeduldig klopft der Alte mit seinem Krückstock auf die Bank vorm Hause und ruft in den Hof: „He, Klärle, wo steckst so lang! Wir versäumen sicher noch Amt und Predigt!“

Von drinnen tönt es durch den Flur heraus: „Geh nur voraus, Vater, ich komme gleich nach!“

Ärgerlich humpelt der Giftbauer der Straße zu. Daß doch Klärle immer was
Extriges haben muß! Und niemals ist ein Fertigwerden mit den
Weibsleuten.

Als Letzte verläßt richtig Klärle den Hof, nachdem sie das Hausthor vorsorglich abgesperrt und den Schlüssel in der Tasche ihres Festtagsrockes geborgen. Eilig läuft das wundersam geputzte Mädel gen Lauterbach und erreicht das Gotteshaus just im Augenblick, wie Pfarrer und Ministrant die Sakristei verlassen und die Orgel ertönt zum Beginn der heiligen Handlung. Bis zur Bank, wo seit Menschengedenken die Giftischen ihren Platz in der Kirche haben, kann Klärle nicht mehr vordringen, die Andächtigen bilden eine dichte Menschenmauer, und Klärle ist gezwungen, inmitten des „geringen Volkes“ von verspäteten Knechten und Mägden stehend der Messe anzuwohnen. Das ärgert die stolze Klärle nicht wenig, doch ist's nicht zu ändern. Von besonderer Andacht ist bei Unmut und Arger keine Rede; Klärle möchte am liebsten die Kirche wieder verlassen, doch stehen die Gläubigen hinter ihr in so dichten Scharen hinaus bis auf den Friedhof, daß an ein Durchdrängen jetzt mitten im Amt nicht zu denken ist. Auch würde es heilloses Aufsehen erregen, wenn just die Tochter des Giftbauern die Kirche während des Gottesdienstes verlassen würde.