Ärgerlich fragt Klärle: „Was hat denn der Esel? Er erstickt wohl noch an
Butterspätzlen!“
Das kühlt die Glückseligkeit des Martin augenblicklich ab, und auch der
Kloß rutscht sofort in den Magen, aus Respekt vor der Giftbauerntochter.
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So stillruhig es auf dem Höhenzug zwischen dem Gutach- und Berneckthal, Fohrenbühl genannt, sonst ist und menschenleer auf der an Wiesen und Weideplätzen und Tannenwäldern vorbeiziehenden Straße nach dem badischen Städtchen Hornberg, heute wimmelt es von Hirten, Knechten und Dirnen, Bauern und Bäuerinnen, die alle der Grenze und Wasserscheide auf der Höhe zuwandern, wo noch auf württembergischem Boden das Wirtshaus zum „Adler“, etwa fünfzig Schritte davon auf badischer Erde das Wirtshaus zum „Schwanen“ steht. Die Straße durchschneidet quer die Landesgrenze und stehen die Grenzpfähle zwischen den beiden Häusern, die Wiesen, Granitfindlinge und die ungeheuren Felder der für die Schwarzwaldhänge typischen gelben Ginsterblume, hier zu Lande „Herrgottschühle“ genannt, trennen. Beide Wirte haben für den heutigen, vom besten Wetter begütigten Fohrenbühler Schellenmarkt Vorkehrungen getroffen, fliegende Schänken errichtet, Tische und Bänke vor die Häuser gestellt, um den „Einfall“ zu erleichtern. In einer Bude hält ein Schramberger Kaufmann neue Kuhschellen feil und Peitschen dazu, in einer anderen sind Tücher, Lebzelten und dergleichen für die Dirnen zum Kaufe ausgelegt, die von den Marktbesuchern denn auch gebührend bewundert werden. Innen und außen sind die beiden Wirtshäuser bereits dicht belagert von Durstigen; auf der Straße und bis hinüber in die Wiesen jedoch stehen die Hirten, die Löwen des heutigen Tages, und probieren die Schellen, daß es wirr durcheinandertönt. Gar mancher Bursch hält sich die Schelle dicht an das Ohr, um sich vom Klang, von der Gesamtharmonie zu überzeugen, bevor er den Kauf oder Tausch abschließt. Da jeder läutet und unzählige Schellen probiert werden, ist es nicht leicht, einen richtigen Dreiklang oder ein größeres harmonisches Geläute zusammenzubringen. Es schwirrt und klingt über die Höhe hinein in den sonnenbegossenen, harzduftenden, kirchenstillen Wald: ein vielstimmiges Kontert von Kuhglocken, ein Schellenchaos, bei dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Hat ein Hirt aber das Kunststück fertig gebracht und seine Glocken harmonisch vereinigt, ist der Tausch oder Kauf abgeschlossen, dann tönt wohl ein Jauchzer der Freude dazwischen und Neugierige umzingeln den Glücklichen und probieren seine Schellen. So lärmt es und tönt es, die Hirten jubeln und jauchzen, trinken und streiten, wenn einer oder der andere auf Tausch oder Verkauf nicht eingehen will.
In das Menschengewoge, das sich zwischen den beiden Wirtshäusern staut, taucht eben Klärle mit dem Hirten Martin, welchem die Gifttochter, nachdem sie wortlos mit ihm den Fohrenbühl hinangestiegen, knapp vor dem „Schwanen“ eröffnete, daß er nach den zum Geläut noch fehlenden Schellen suchen und solche einhandeln solle, wozu ihm Klärle das nötige Geld überreichte. Freudestrahlend bedankte sich der Hirt und steuerte der Hauptgruppe von Glockenhändlern zu, indes Klärle, von der Menschenmenge schier geschoben, allmählich den Buden nahekam, in welchen Tücher und dergleichen feilgehalten werden. Das Getriebe ist zu lebhaft, als daß eine einzelne Person auffallen könnte. Hie und da streifte das Mädchen wohl Bekannte, die dann untereinander tuschelten und sich wohl über die Stichelei unterhielten. Klärle achtete ihrer nicht weiter und ließ sich weiterschieben, teilnahmlos, gleichgiltig und gelangweilt. Schier reut es sie, auf den Fohrenbühl in dieses Menschengewoge gegangen zu sein, und allmählich reift in ihr der Entschluß, wieder heimzukehren. Hart vor einer Bude stehend, wird Klärle plötzlich angesprochen, der Kaspar vom Jörgenmicheleshof steht vor ihr und fragt: „Nun, schöne Klärle, wie ist's mit uns beiden? Willst für die Zwiebel nicht ein Halstüchel eintauschen? Bist noch so spitzig wie neulich?“
Unangenehm überrascht sieht das Mädchen zu dem stämmigen Burschen auf, und zornig kommt es von Klärles leicht zitternden Lippen: „Laß mich' in Ruh! Mit Bänkelsingern hab' ich nichts zu schaffen!“
Die scharfe Rede erregt Aufsehen unter den nächststehenden Leuten, die nähertreten und erwartungsvoll aufhorchen. Das schöne Paar ist im Nu von einer Menschenmenge eingekeilt, ein Entrinnen so leicht nicht möglich. Gutmütig meint Kaspar: „Mußt nicht gar so spitz sein! Es war nicht bös gemeint, und schau, dein Wurfgeschoß trage ich noch am Hut! Ein Nägele von dir war' mir lieber!“
Mit einem Griff reißt Klärle die Zwiebel von Kaspars Hut und ruft: „Für so 'nen Lumpen ist das selbst zu gut! Du brauchst nichts zu tragen von mir!“
„Halt, schnippisches Ding! Der Knollen ist mein! Dir aber rate ich, geh manierlicher um mit den Leuten!“
„Du willst Manier predigen, du, der wie ein Räuber in friedliche Häuser einbricht und Mädchen überfällt! Schande über dich, Kitteljäger!“