„So meinst?! Na warte, das Wort soll dir noch einmal auf der Zunge brennen! Wir rechnen noch ab miteinander! Hört zu, Bueben am Fohrenbühl:
Sie hat auf die Zähn' wohl e Härle,
Schneidet ab den Leuten die Ehr':
So bleib denn fürder: Giftklärle,
Dich nimmt der Teufel nimmermehr!“
Schallend Gelächter folgt diesem Trutzgesangel, laut rufen die Leute: „Giftklärle!“ und spotten, da sie augenblicklich den Doppelsinn in dieser Bezeichnung begreifen und fühlen, daß Kaspar ihr den Spottnamen für ihr „giftiges“ (schnippisches) Wesen aufgebracht hat. Von Mund zu Mund fliegt der Spottname; nicht einer findet ihn ungerecht, man gönnt dem unverträglichen Mädel diese öffentliche Abkanzelung und witzelt allenthalben übers „giftige Giftklärle“.
Wutentbrannt, zornglühend drängt sich Klärle durch die Menschenmenge, die dem enteilenden Mädchen den neuen Spottnamen nachrufen. In rasendem Lauf flüchtet Klärle die Bühlstraße hinab, dem heimatlichen Hofe zu. Kaspar aber, der Held des Tages, feiert seinen Sieg über die trutzige Dirn bald im „Schwanen“, bald im „Adler“. Immer lebhafter wird es auf dem Fahrenbühl; der Wein thut seine Wirkung, immer hitziger werden die Burschen. Martin hat einen Hirten gefunden, der die Ergänzung im richtigen Glockenton zu seinem Geläut hätte, die paffende Schelle aber nicht hergeben will. Martin giebt sich die größte Mühe, den Burschen zu bereden, und bietet die gesamte von Klärle erhaltene Barschaft für die Glocke. Je dringlicher Martin wird, desto störrischer zeigt sich der Hirt, der schließlich, um den lästigen Händler abzuschütteln, höhnisch sagt: „Und wenn ich die Schelle auch dir gäbe, sie käm dann doch auf den Hof und der — Giftklärle geb' ich sie nicht!“
Martin stutzt; von dem Vorfall an der Tücherbude hat er nichts wahrgenommen, doch fühlt er augenblicklich den Hohn in der Bezeichnung für seine Bauerntochter und ist zur Abwehr bereit. Die Schellen in den Sack schiebend, streift Martin die Rockärmel zurück, holt zum Schlag aus und ruft: „Nimm das Wort zurück, Lump, oder —!“
„Was oder — nichts oder!“ Schwapp hat Martin einen Hieb, daß ihm die Ohren sausen. Auf so ein erstes Zusammenprallen streitender Hirten wird beim Schellenmarkt förmlich gewartet, um sodann eine regelrechte, saftige „Holzerei“ ins Werk zu setzen, die zu den notwendigen Freuden des Festes gehört. Im Nu sind die Kampfhähne umringt; die Lauterbacher Bueben schlagen sich auf Martins Seite im Gefühl württembergischer Zusammengehörigkeit, und die Partei des badischen Gegners nehmen selbstverständlich die Burschen und Hirten aus dem Gutachthal. Um die Streitursache wird weiter nicht gefragt, es wird gerufen auf württembergischer Seite. „Hie Beutelsbach!“, kampflustig brüllen die Badener: „Hie Zähringen!“ und nun prallen die Burschen aufeinander, das Gebalge beginnt, kreischend fliehen Dirnen und Weiber aus dem Kampfbereich, die älteren Bauern hingegen beobachten mit Feldherrnaugen die „Schlacht“. Der Hirt vom Gifthof hat entschieden Pech am heutigen Pfingstfest; jämmerlich durchgebleut kommt er zu Fall, und im Kampfgewühl wird wenig Rücksicht auf deinen gebräunten Teint und seinen Gesichtsvorsprung genommen. Freund und Feind, Zähringer und Beutelsbacher treten auf seinem Körper herum, hin und her wogt der Kampf. Das bemerkt Kaspar, der erst die Flucht Klärles eine Weile beobachtet hat, und Mitleid erfaßt ihn; mit einem wuchtigen Satz springt er in den Menschenknäuel, wirft die Burschen links und rechts zur Seite, packt den am Boden liegenden Martin und zerrt ihn mit kräftiger Faust vom Kampfplatz weg.
Arg zerschunden, getreten und verschlagen braucht der Hirt eine Weile, bis er auf eigenen Füßen stehen kann. Kaspar stützt den Burschen und führt ihn dann den Bühl hinab, heim bis in die Nähe des Gifthofes, den kläglich nach dem verlorenen Geld und um die vertretenen Schellen jammernden Hirten tröstend und beruhigend.
Auf dem Fohrenbühl giebt es grimmig verschlagene Köpfe mit den schönsten Beulen, die aber augenblicklich auseinanderfahren, wie der Landjäger auftaucht. Hei, wie die Burschen nun flüchtig über die Grenze springen! Wie ein Schwarm Heuschrecken hupfen sie ins badische Land,[17] und fallen im „Schwanen“ ein, friedlich jetzt und einig, durstig und ob der Kraftausübung seelenvergnügt. Der Schellenhandel wird jetzt friedfertiger fortgesetzt, es klingt und tönt aufs neue hinaus in den verklärten Abend, und die letzten Sonnenstrahlen vergolden die fernen Höhen des Kniebis wie die Wipfel der langgedehnten Wälder.
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Tannenumschattet steht am Moserkopf, in eine Mulde eingebuchtet auf einer kleinen, windgeschützten Blöße inmitten des düsteren Tanns eine ziemlich verfallene Blockhütte, auf deren flachem Dach eine Moosschicht grünt und deren Fugen mit dürrem Farrenkraut verstopft sind. Klein und sparsam sind die Fenster mit teils eingetragenen, teils erblindeten Scheiben in der schwarzen Hütte angebracht, vom Tann beschattet, so daß sie stets im Dunkel stehen. Eingefallen liegt nebenan ein Schuppen in Trümmern, der wohl einst Aufbewahrungsort der Kienstöcke für einen Theerschweeler gewesen sein mag, als noch an dieser Stelle in tiefer Waldesabgeschiedenheit getheert und Pech erzeugt wurde. Bruchstücke eines Theerofens liegen verstreut, von Farrenkraut umwuchert, auf dem schwärzlichen Boden. Ein unheimlich Bild der Verwahrlosung, des Verfalls bietet diese einsame Siedelung im dichten finsteren Tann, zu welcher durch den stillen Wald ein wenig betretener, moosiger Pfad führt. Würde nicht ein blauer Schurz an der verwitterten Hüttenthür hängen und bläulicher Rauch sich den Weg ins Freie suchen, man würde die Blockhütte für unbewohnt, verlassen gehalten haben. An dieser Stätte jedoch haust seit Jahren, Winters wie Sommers über ein altes Weiblein, gemeiniglich die Kräuterliese genannt, die hier aus sorglich gesammelten Kräutern heilsame Tränklein braut und an Hilfsbedürftige draußen im Lauterbach- und Berneckthale für wenige Groschen abgiebt und davon das karge Leben fristet. Durch ein abschreckend Äußeres ist das alte Weiblein immer, wo es sich in bewohnten Gegenden sehen läßt, ein Gegenstand der Furcht für Kinder, die das Weiblein für eine Hexe halten, für eine unheimliche Zauberin. Übermütige Burschen üben Spott am Weiblein, und die Dirnen weichen der Kräuterliese aus. Aber wenn so ein junges Ding einen Trank oder Rat braucht, wenn ein Mädel wohl gar durch geheimnisvolle Karten einen Blick in die Zukunft thun und erkunden will, wie der ersehnte Bräutigam heißen wird, dann huscht wohl so ein Waldmaidle durch den kirchenstillen Tann zur Hütte und fordert Einlaß in die dumpfe einsame Hütte.