Weihevoller Abend ist's im Wald; das geheimnisvolle Flüstern in den Wipfeln ist erstorben, Meisen und Krummschnäbel sind zur Ruhe gegangen, majestätisches Schweigen waltet ringsum, und zauberhaftes silberweißes Mondlicht spielt herein auf die Blöße und zittert durch das dunkle Geäst der mächtigen Fichten und Tannen. Versunken in Gedanken lehnt ein lieblich Mädchen an der einen Seite des verfallenen Schuppens und blickt zum klaren, sternenbesäten Himmel empor, von dem ein kleiner Fleck von der Blöße aus zu sehen ist. Ringsum ragt der Tann auf, schützend und bewachend, ein ungeheurer Wall von Baumriesen. Es ist Klärle, die stumm, in sich gekehrt, vom Silberlicht umflossen steht und manchmal seufzt. Das Mädchen hat sich in die Waldeinsamkeit geflüchtet, hier bei der alten Kräuterliese hofft Klärle Ruhe zu finden vor den hämischen boshaften Leuten, Ruhe für das eigene Herz. Hier wird sie das schlimme Wort, das ihr auf dem Fohrenbühl zugerufen wurde, nicht mehr zu hören bekommen, jenes Wort, das sie getroffen bis ins Herz. Wie sie Unterkunft erbat bei der Kräuterliese unter Zusicherung guter Entlohnung, verschwieg Klärle die wahre Ursache ihrer Flucht vor dem Menschen, und schützte das Bedürfnis nach Waldluft und Ruhe vor. Und bereitwillig hat die Alte Klärle aufgenommen und ein dürftig Kämmerlein eingeräumt, so daß das Mädchen damit zufrieden wäre. Nach Gründen fragte das Weiblein nicht weiter; Ruhe werde 's Maidle schon finden und ein Tränklein auch, wenn es solchen wolle. Die Kost werde mager sein und dürftig das Lager aus getrocknetem Moos. Zum Tanzen werde es nicht kommen im Tann des Moserkopfes.

Ruhe hat Klärle; aber jenes verhaßte Wort drängt sich immer wieder ins Gedächtnis und rückt ihr die widerliche Scene auf dem Fohrenbühl vor das geistige Auge. Wie leicht hat sie früher Vorfälle vergessen, wie rasch ist sie über unangenehme Scenen hinweggegangen! Bittende Worte hat sie verlacht, die Menschen mißachtet, schlecht behandelt; sie ist kalt und unempfindlich geblieben bei anderer Not und Elend und hat die schlimmsten Auftritte wenige Augenblicke später vergessen. Bei einem Ohr hinein, beim andern wieder hinaus; nachhaltend blieb nichts als eine Leere im Herzen, ein immer unzufriedenes Herz. Und jetzt? Immer wieder mahnt ein unerklärliches Gefühl, immer tönt ihr jenes Wort im Ohr; sie sieht, wohin sie blickt, die Gestalt jenes stämmigen Burschen, der hochaufgerichtet, mit lohendem Blick und zuckenden Lippen ihr jenes Wort zuschleuderte; sie hört das Hohngelächter der Leute immer wieder, und es krampft sich das Herz zusammen, ein namenloses Gefühl von Haß, Zorn, Bitterkeit und Ohnmacht zieht schmerzend durch ihre wogende Brust. O, wenn nur jener Augenblick aus dem Leben zu streichen wäre! Und mußte es denn so kommen? Was hat der Kaspar gewollt? War es notwendig, ihn so zu behandeln? Hat der Bursch nicht recht gehabt mit dem vergeltenden Wort? Es nagt wie Reue in ihrem Herzen. Sie hätte die häßliche Scene verhüten können; das grausame Wort wäre ungesprochen geblieben, wenn — —. „Selbst bin ich Schuld!“ flüstert Klärle vor sich hin. Und mit Bangen fühlt sie, daß sie die ersehnte Ruhe selbst hier, mitten im Tann, nicht finden werde. Ist sie denn schlecht, verderbten Gemütes? Hat sie nicht manchmal Wohlthaten geübt, Hungrige gespeist, Durstige gelabt, die Armen bedacht? Ist es kein Samariterwerk, daß sie die Bärbel belassen auf dem Hof? Pflegte sie nicht stets den alten Vater und führte die Wirtschaft regsam und sorglich? Scharf und hitzig ist sie, aber nicht schlecht. Und dennoch diese Strafe! Erst der Pfarrer mit der öffentlichen Mahnung und dann der widerwärtige Auftritt auf dem Bühl. Vervehmt, verhöhnt, verspottet von allen! Gebrandmarkt für immer! Ausgestoßen aus der Gemeinschaft, sie, die Erste nach Geburt und Rang in der Bevölkerung des ganzen Thales! Ein Flüchtling mit namenloser Qual im Herzen! Mit jähem Entschluß hat sie das Vaterhaus verlassen, der Behaglichkeit am heimischen Herde entsagt. Zierat und Schmuck, alles zurückgelassen, geflohen vor den Menschen, und dennoch kein Friede, keine Ruhe!

Die Kräuterliese ist ins Freie getreten und mahnt zum Schlafengehen. Die
Nacht sei da, und die Hütte müßte geschlossen werden.

„Ich kann nicht schlafen!“ versichert seufzend Klärle und tritt zur
Liese.

„Hast wohl einen argen Kummer im jungen Herzen, Maidle?“ fragt teilnahmsvoll die Alte. „Mit frohem Mut und Lustigkeit bist wohl nicht fort und hereingeflüchtet zur alten Liese?“

Klärle schluchzt, heiße Thränen schießen über ihre Wangen.

„Komm, mein Kind, weine dich aus, Thränen lindern; sag, was dich drückt.
Schau, die alte Liese ist ein häßlich Ding, aber guten Herzens! Sie hat
Mitleid mit dir und will dir helfen, so dir zu helfen ist auf Erden!“

„Mir kann niemand mehr helfen!“

„Das wäre bös! Was hast denn verbrochen, Maidle!“

„Ich — nichts! Aber gebrandmarkt bin ich dennoch — unmöglich fürder im
Thale und unter den Leuten!“