„Gebrandmarkt sagst du? Wie das und weshalb!“

Unter Thränen, an die Alte geschmiegt, erzählt Klärle stotternd, zaghaft das Ereignis, und besänftigend, tröstend legt Liefe ihre dürre Knochenhand auf den Scheitel Klärles.

„Das ist freilich schlimm, recht schlimm! Und den bösen Namen wirst so schnell nicht von dir bringen können, ledig nicht!“

Klärle reißt sich mit jähem Ruck los und blickt die Alte entsetzt an. Erst nach einer Weile stammelt sie, am ganzen Körper bebend: „Du wirst damit doch nicht sagen wollen, daß —“

Die Alte nickt und ergänzt den Satz: „Daß du erst als Weib eines Mannes den üblen Beinamen loswerden wirst!“

Klärle atmet auf; im ersten Schreck hat sie schon geglaubt, am Ende gar den Menschen heiraten zu sollen, der ihr den furchtbaren Schimpf angethan. „Du meinst, ich solle überhaupt heiraten!“

„Ja, den Kaspar!“

Klärle kreischt auf, wie wenn eine Schlange sie gebissen hätte: „Den, nein, niemals, lieber sterben!“

„Nicht so hitzig, Maidle! Mit dem Sterben hat es Zeit! Doch komm in die
Hütte, ich will abschließen und dir dann drinnen etwas erzählen, was ich
noch nie jemandem mitgeteilt. Komm, Klärle! Denk, ich sei deine Mutter!
Ich will dir wahrlich wohl, so verschrien ich auch bei den Leuten bin.“

Willig folgt Klärle der Alten in die Hütte und setzt sich zu deren Füßen. Die Alte hebt dann an, leise, geheimnisvoll: „Du hast am Bühl den ersten Schmerz erlebt und ich weiß es, wie weh es werden kann in der Menschenbrust! Nur wer Schmerz empfunden, versteht des anderen Schmerz und Leid. Schmerz läutert die Seele! Auch du mußt solche Läuterungen durchmachen, auf daß dein Gemüt anders, besser werde. Auch ich bin „geläutert“ worden!“