„Du?“
„Ja, ich! Daß ich die alte Kräuterliese bin, ein runzlig altes Weible, das weißt du! Daß auch ich einst ein schmuckes Ding war wie du anjetzo, das kannst du nicht wissen, weil es damals noch keine Gifttochter gegeben hat!“
„Oh, das schlimme, häßliche Wort!“
„Na, nur nicht übertrieben sein, Maidle! Dein Elternhaus ist nun einmal der Gifthof und dieser Heimat brauchst du dich nicht zu schämen! Höre denn: Wenn es je im Schwarzwald ein lustig, aber hochfahrend trutzig Maidle gegeben, war ich es in meiner Heimat, im Murgthal. Der alten guten Mutter machte ich das Leben sauer durch Übermut und frevlen Leichtsinn. Körbe austeilen, als die Freier kamen, war mir höchste Lust, so sehr auch Mütterlein mahnte. Und ein besonderes Vergnügen war es mir, einen braven, guten Burschen, der ehrlich um mich freien wollte, zu quälen und zu verspotten. Und je eifriger er sich um mein Herz bemühte, treu zu mir hielt, desto größer war mir die Lust, ihn zu schmähen. Klein war sein Hab und Gut, ich nannte ihn öffentlich einen Bettler und schrie vor Lust, als er zusammenzuckte und ihm das Herz verkrampfte. Umstehende Flößer lachten dazu, was mich reizte, meinem getreuen Verehrer zuzurufen: Bevor ich dich nehme, du Habenichts und Hasenfuß, geh' ich mit dem nächstbesten Flößer in die weite Welt! Die Flößer gröhlten vor Vergnügen. In meiner Verblendung warf ich mich einem besonders starken, stattlichen Burschen an die Brust, herzte denselben und ließ mich lachend hinwegführen“.
„Wie sagst, Liese?“
Mit zitternder Stimme erzählt die Alte weiter: „Ja, ja, das Unglaubliche ist wahr geworden. Durchgegangen bin ich, wie ich stand und war in meinem grenzenlosen Übermut und Leichtsinn. Und dann ward ich verlassen, höhnisch davongejagt. Und ich hab's nicht besser verdient, Fern der Heimat, mittellos und ehrlos geworden, mußte ich bettelnd heimziehen…. Mütterchen lag draußen im Friedhof, und mein guter, treuer Freund ist fortgezogen, verschollen. Mit Fingern deuteten die Dörfler auf mich, die ich zur Schande des Dorfes geworden. Für weniges Geld veräußerte ich den kleinen Besitz und folgte überall nach meinem Freunde fragend, dessen Spur in die Fremde“.
„Hast ihn gefunden, den guten, braven Menschen?“
„Ja, weit weg von der Heimat und tot. Sein Grab zu schmücken und zu pflegen, erschien mir höchste Pflicht auf Erden. So lange die Groschen aus dem Erlös reichten, konnte ich in dem fremden Ort verbleiben, dann versuchte ich mich zu verdingen, ich wollte ja gerne als Magd dienen, nur um dem teuren Grabe nahebleiben zu können. Doch als ausweislose Fremde, mittellos schaffte man mich aus, zwangsweise wurde ich fortgeführt. Als Bettlerin sah ich die Grenze wieder. Im Heimatsdorfe gab es böse Gesichter, niemand wollte von mir was wissen. Es war eine furchtbare Zeit. Man mied mich wie eine Pestkranke. Und Beeren suchend kam ich immer tiefer in den Wald, herein zu euch, als gebrochenes, schwergeprüftes Weib und fand durch deines Vaters Güte ein Unterkommen hier in dieser dem Verfall preisgegebenen Hütte, wo ich die „Kräuterliese“ geworden bin und Gott für diese Unterkunft danke jeglichen Tag!“
„Dann bist du ja noch nicht so alt, als es allgemein heißt!“
„Bin ich auch nicht, aber Not und Entbehrung, die Seelenqual und endlose Reue haben mir Falten ins Gesicht gegraben und den Rücken gekrümmt. Ich büße ein Leben lang und habe mich dreingefunden, daß ich's so und nicht anders verdiene. Und büßen will ich bis ans Ende. Geläutert ist die Seele!“