Dem Gaul die Sporen gebend, sprengt der herrische Abt davon.
Wie vernichtet steht der Pelagier, bittere Thränen fließen über seine Wangen. Mit zitternden Händen deckt er das Totenantlitz wieder mit dem Mantel zu und fährt hinab zum Kloster. Trübe Gedanken erfüllen ihn. Welch' harte Zeit! Und selbst im herbsten Schmerz wird unerbittlich Zins und Gefäll eingefordert! Wie arm doch ein Höriger ist im Vergleich zu den beneidenswerten freien Leuten!
Grausig rauscht's im Tann und die Wipfel neigen sich. Ist's ein letztes
Waldesgruß an die Tote? — — —
* * * * *
Düster ragt die Klosterstätte zu Alpirsbach in die Dämmerung auf; der wolkige Himmel, der brausende Sturm nehmen der sonst so lieblichen Gegend den sonnigen Zauber wie der Kinzig die Fröhlichkeit. Dunkler als sonst sind des Flüßchens Wellen, fast schwärzlich zeigt sich dessen Granitgrund. Auf den rostfarbigen Wiesen schleicht der Nebel entlang, den zeitweilig der Sturmwind zu dicken Schwaden ballt, dann wieder in wirre Fetzen zerreißt. Und der ringsum stehende dichte Forst beugt seine Wipfel. Wie immer zu abendlicher Stunde kündet die Glocke vom Klosterturm das Ave, doch diesmal verschlingt der Sturmwind die weihevollen Töne und entführt sie in die Lüfte. Am mächtigen Bau der stolzen Abtei rüttelt der Wind vergebens; wohlverwahrt sind all' die Fenster und Balken. Fest geschlossen die Pforte mit dem eisernen Klopfer daran. Majestätisch ragt die alte Kirche in die sturmgepeitschten Lüfte auf, ein herrlich Denkmal romanischer Baukunst, der Stolz vieler Jahrhunderte, der steinerne Ruhm des Zollernhauses. Um die Abtei scharen sich die Siedelungen der Klosterunterthanen, festgefügte Häuser in patriarchalischer Bauart. Inmitten der waldgekrönten Hügel wirkt die Kathedrale doppelt mächtig, und das Kloster gleicht einer Trutzburg.
Der schmerzgebeugte Pelagier ist den Siedelungen entlang mit seinem Karren der Abtei zugefahren und hält nun vor der Pforte, deren Klopfer er kräftig in Bewegung setzt. Doch fest geschlossen bleibt das gewaltige Thor, um welches der Sturm tobt mit wilder Gewalt. Wieder klopft der Hörige, doch übertönt der Wind sofort das Geräusch des Klöppels. Kaum vermag Euseb sich in diesem Sturm auf den Füßen zu erhalten. Es gilt indes, da die zunehmende Dunkelheit zur Eile drängt, die Tote zu bergen an geheiligtem Ort. Einlaß findet er nicht, man hört in der Abtei sein Klopfen nicht, so muß er denn selber sehen, wie er ins Beinhaus gelangt. Er nimmt die Tote auf den Rücken und schleppt die teure Last hinüber in den Friedhof, dessen Eisenthor der Sturmwind aufgerissen hat, so daß der späte Gast Einlaß findet. Wie schaurig es ist zu nächtlicher Stunde im Reich des Todes! Und arg wütet der Sturm an dieser geheiligten Stätte; Grabkreuze sind umgeworfen, die Trümmer verschleppt, Grabhügel aufgerissen, Cypressen entwurzelt, ein Chaos, das wirr durcheinanderwirbelt, im Kreisel an die Mauer geworfen wird und klirrend, klappernd, krachend wieder zurückfällt, um aufs neue vom Sturmwind erfaßt zu werden. Euseb erreicht mit knapper Not das Beinhaus; mit grimmer Wut hat der Sturm es versucht, ihm die Last zu entreißen. Wie Euseb die Thüre der Schädelkammer öffnet, fährt auch schon der Wind hinein, es rollen die Gebeine und Totenköpfe wirr und klappernd durcheinander. Mit Aufgebot aller Kraft drückt der Pelagier die Thür wieder ins Schloß, worauf Ruhe wird in der unheimlichen Kammer. Dann bettet er sein Weib auf dem kalten Fließ, setzt sich daneben und hält Totenwache durch die schaurige Nacht.
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Wie das leibhaftige Ungewitter jagt auf der Straße Abt Alphons dem
Kloster zu durch Nacht und Wind; der erschreckte Gaul stürmt in
rasendem Lauf heran, so daß der Reiter Mühe hat, im Sattel zu bleiben.
Vor der Pforte pariert er den Gaul, steigt ab, nimmt den Zügel in den
Arm und klopft kräftig Einlaß fordernd.
Vergebliche Mühe. Doch der stolze Abt kennt keine Geduld, er hebt den schweren Reitstock, ein kräftiger Schlag in die Fensterscheibe der Pförtnerstube, klirrend fallen die Scherben ins Gemach, und dröhnend ruft Abt Alphons hinein: „Aufgemacht! Knecht heraus!“
Der Kopf eines Klosterbruders taucht am eingeschlagenen Fenster auf und fährt erschrocken blitzschnell zurück. Gleich darauf dreht sich das schwere Thor, und vom Sturmwind erfaßt, schlägt es krachend auf. Ein Knecht springt heraus und übernimmt den Gaul. Der Abt tritt ein, indes der Pförtner sich bemüht, des Thores Herr zu werden und es zu schließen. Dann freilich jammert der Klosterbruder in seiner Zelle über den gewaltthätigen Abt und die eingeschlagenen Scheiben. Muß der Pförtner doch die schaurige Nacht bei zerschlagenem Fenster verbringen, preisgegeben der kalten Luft und dem eindringenden Wind.