Rücksichtslos, gewaltthätig vollzieht sich zu später Stunde bei Fackelschein die Einquartierung bei den Klosterunterthanen, deren Schreckensrufe zum nächtlichen Himmel tönen. Auch Abt Alphons wird durch das Geschrei und Gejammer der Leute, die man aus den Betten riß, um selbst darin zu ruhen, aus seiner Erstarrung geweckt und verstört blickt er durch das Fenster auf den Schauplatz der heraufbeschworenen Kriegsgreuel. Johlend hetzen betrunkene Soldaten dürftig gekleidete Mädchen, die sie aus den Häusern gejagt, umher; Weiber werden von Gatten und Kindern gerissen und mißhandelt, Burschen geprügelt, wenn sie sich im geringsten wehren gegen verlangte Knechtesdienste, und Männer gefangen gesetzt, sobald sie gegen solches Gebahren protestieren.
Wird einer der Offiziere sichtbar, so weichen die Musketiere wohl zurück und geben Ruhe; kaum aber kehren die Befehlshaber den Rücken, wird um so wilder getobt, und behaglich lachen die aufgestellten Posten zu den wüsten Scenen.
Eine schönere Gelegenheit zu einem Lasterleben ohne Dienst kann der Soldateska nimmer geboten werden; sie ist Gast eines reichen Klosters und Schützer, daher auch Gebieter. Die Soldaten haben rasch die günstige Lage begriffen und lassen ihrem Übermut vollends die Zügel schießen, zumal der überreiche Weingenuß die rauhen Kriegsknechte toll gemacht hat.
Händeringend steht der Abt am Fenster, Verzweiflung im Herzen. Ist er völlig wehrlos gegen solche Greuel in nächster Nähe der geweihten Stätte? Noch ist er Herr auf eignem Grund und Boden, noch ist er und nicht die Franzosen Abt und Gebieter von Alpirsbach. Alphons rafft sich auf, er will solche Übelthaten gleich am ersten Abend unterdrückt sehen, heute noch, ehe sie weiter um sich greifen. Entschlossen geht der Abt hinab zum Refektorium, wo er die Offiziere beim Wein sitzend wähnt. Dem ist wirklich so: die Franzosen sitzen an der Klostertafel beim Würfelspiel.
Entsetzt besieht Alphons diese Gruppe: im Refektorium ein Würfelspiel! Und wie bereitwillig die jüngeren Konventualen und Brüder den Herren immer neue Kannen zutragen und vergnüglich dem Würfelspiel zusehen! Wie einst Jesus Christus die Händler aus dem Tempel, so möchte Abt Alphons die Offiziere jetzt in heiliger Entrüstung von dannen jagen … Aber hat nicht er selbst sie gerufen, sie als Gäste aufgenommen im früher so stillfriedlichen Kloster?! —
Wieder dringt Geschrei und Johlen herein. Der Abt zuckt zusammen, fest pressen sich seine Lippen aufeinander, würdevoll schreitet er auf den Kapitän zu.
Ärgerlich ob der Störung im Spiel, erhebt sich der Kommandeur und fragt, halb zum Abt, halb aber zu den Spielern gewendet, nach dem Wunsche des Klostervorstandes.
Mit bebender Stimme weist Alphons auf die beobachteten wüsten Vorgänge draußen hin und fordert Zucht und Ordnung.
Der Kapitän zuckt die Achseln und erwidert leichthin: „à la guerre comme à la guerre, Monsieur l' Abbé!“ und wendet sich vollends zu den Spielern.
Eine jähe Röte schießt dem Prälaten ins Antlitz, zornig ruft er. „Nein,
Herr Kapitan! Hier giebt es keinen Krieg zu führen, zunächst noch nicht!
Was ich gesehen, sind Kriegsgreuel, und solche dulde ich nicht! Ich bin
Herr und Gebieter hier und verbiete dergleichen!“