Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die vierjährige Schutzfrist.
„Ihr könnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine bestimmte Zeitdauer?“
Alphons nickt betrübt.
„Dann zahlt die Franzosen auch für diese Frist und wir sind die
Bluthunde los!“
„Das kostet schweres Geld — —“
„Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk völlig zu Grunde gerichtet wird. Denkt an das arme verwüstete Vaterland, o Herr!“ Euseb trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder überläßt sich seinen Gedanken.
* * * * *
Seit der Abt das Stift verlassen, geht es toll zu in Alpirsbach; es ist, als feiern die Mäuse Hochzeit, da die Katze aus dem Hause. Die Musketiere vertreiben sich die Langeweile durch Fahndung nach Gut und Geldeswert und betrachten raubgierig die Kirche des Stiftes, auf deren mutmaßliche Schätze sie urplötzlich aufmerksam geworden sind, als ihrer einige den P. Jakob in reichgesticktem Meßgewand die Messe lesen gesehen. Wohl zaudern die Kerle beim Überschreiten der gottgeweihten Stätte, doch ist die Scheu rasch überwunden, zumal niemand in der Kirche sich befindet als der Küster, der im Begriffe steht, das Münster wieder zu verschließen. In wenigen Augenblicken ist dieser überwältigt, gebunden und geknebelt; die Raubgesellen springen sodann auf den Hochaltar, sprengen das Tabernakel auf und rauben die kostbare Monstranze und das Ciborium. Aus anderen Altären werden Kelche, die Silberleuchter genommen, Kästen in der Sakristei geplündert, Gewänder weggeschleppt, alles in unheimlicher Eile und Geschäftigkeit, ohne Lärm. Erst draußen bei der Beuteteilung wird es laut, die Räuber streiten unter sich, keiner gönnt dem anderen einen Vorteil; die Monstranze wird zertrümmert, und in blutigem Geraufe wird um ihre Goldteile gekämpft, ebenso zerschlägt die Bande alle übrigen goldenen und silbernen Kirchengeräte, um eine Teilung zu ermöglichen. Da von dieser Beute nur ein kleiner Bruchteil der Räuber Anteil haben kann, die übrige Mannschaft leer ausgehen muß, ist die Unzufriedenheit, der Neid, Habgier und Raublust auch der anderen geweckt, die nun aufs neue nach Schätzen suchen. Vergeblich setzen und wehren sich die bestürzten Klosterbrüder gegen Kirchenraub und Schändung des Gotteshauses; sie werden verhöhnt und verspottet und unter Gejohl gezwungen, in der Kirche Führer in die Grüfte, wo die verdorbenen Abte beigesetzt sind, zu machen. Die wälschen Raubgesellen erbrechen mit Pieken die Särge und fahnden nach Schmuck und Ringen, Gebeine achtlos verschleudernd und durcheinander werfend.
In Verzweiflung ob solcher Unthaten hat einer der Fratres sich in den Glockenturm geschlichen, wo er die Sturmglocke zieht, um die Klosterunterthanen und Hörigen zu Hilfe zu rufen. Kaum wimmert die Glocke vom Turm, da stürmen einige Musketiere auch schon hinauf, fassen den Frater und werfen ihn hohnlachend durch das Schallloch hinunter, so daß der Ärmste mit zerschmetterten Kopf und gebrochenen Gliedern unten auffällt. Voll Entsetzen aber flüchten die Alpirsbacher mit Weib und Kind von dannen, hinein trotz rauhem Wind und Winterskälte in den Tann, gehetzt von den Peinigern, die ihre helle Lust an dieser Menschenjagd haben.
Und angesichts solcher Schreckenstaten der zügellosen Musketiere verhalten sich die Offiziere völlig passiv, sie rühren keine Hand zur Abwehr und obliegen in den Klosterwaldungen dem Gejaide. Vergebens sucht nach der Kirchenberaubung P. Jakob im Kloster nach den Herren, um sie zu beschwören, weitere Greuel zu verhüten; sie sind fort, die Raubgesellen sich selbst überlassen. Mit Verzweiflung im Herzen schließt sich der alte Konventuale in seine Zelle ein, den Erlöser Tod ersehnend.