„Ich weiß von gar nichts! Nicht ein Wörtel hab ich gesagt!“
„Also werd ich melden, daß die Krämerin von Hall sich allen Anordnungen der Herrschaft fügt, aus dem Frauenbund austritt und jede Agitation nunmehr meidet!“
„Äa! Sein Sie so gut und melden Sie das der Fürstin. Mit g’horsamsten Respekt und Handkuß! Ich laß mich empfehlen und um Aufträge bitten!“ Nun wollte die aus dem seelischen Gleichgewicht geworfene, schwer erregte Krämerin die Freundin mit Rosogliolikör bewirten, doch Amanda lehnte dankend ab. Befürchtete doch Frau Gnugesser, daß sie bei längerem Aufenthalt das Lachen nicht würde verbeißen können.
Hochbefriedigt und belustigt ging Amanda heim. Und im Bergwalde lachte sie sich satt und sang vergnügt ein Duliäh nach dem andern. Der Spaß mit der Krämerin war erquickend gewesen...
*
Für den Novizen Nonnosus war der schönste, aber auch schwerste Tag der feierliche Profeß, der Gelübdeablegung, des endgültigen Abschiedes vom Weltleben, des Verzichtes für immer, gekommen. Ein strahlender Spätherbsttag mit lachendem Sonnenglanze im schönen Admonter Becken des Ennstales. Der frühe Morgen war freilich frostig, herb und neblig; aber die Sonne siegte alsbald und vergoldete die wuchtigen Felskolosse, küßte die Zinnen und Zacken, die hehr und ernst in den lichtblauen Äther ragten. Feierliches Glockengeläute vom Blasiusmünster kündete den Beginn dieses bedeutungsvollen Tages für den jungen Mönch, der in seiner Zelle kniend betete um die Kraft zum Verzicht auf das Weltleben. Den besten und ehrlichsten Willen besaß der Kleriker, um nach der heute erfolgenden Aufnahme in das Kapitel dem Stifte Ehre zu machen durch treueste Pflichterfüllung, die oberste Tugend der Dankbarkeit zu üben immerdar bis zum letzten Atemzuge. Rein und abgeklärt war die Seele, wunschlos des irdischen Lebens, erfüllt von Begeisterung für den Beruf. Von der kleinen Verwandtschaft war Abschied genommen worden, tapfer und mutig der Trennungsschmerz überwunden. Rein und frei fühlte sich Nonnosus; ein ehrlicher Diener des Herrn wird heute die Vota solemnia ablegen... Ohne Mißton in der Seele!
Entscheidend wird die nächste Stunde für das ganze Leben sein, und darum ist sie die schwerste des Lebens. Mit der Welt hatte Nonnosus abgerechnet, er fühlte nichts mehr, was ihn zurückhalten könnte; dennoch befand er sich in einer starken seelischen Erregung, verbunden mit Angst und Beklemmung, über deren Grund und Inhalt er sich keine Rechenschaft geben konnte. Ihm war zumute, als stände er vor einem großen Unglücke, dem er rasch ausweichen soll... Eine tiefe Traurigkeit kam über ihn, für die er keinen Anlaß fand. Und er erinnerte sich der Warnung des Spirituals vor einem Rücktritt ohne bestimmte, klar erkannte Gründe; Nonnosus klangen die Worte des Spirituals im Ohre: „Jeder Theologe wird in letzter Stunde von einer tiefen Traurigkeit befallen, die überwunden werden muß! Der gewissenhafte Theologe soll zum Altare gehen wie in ein brennendes Haus, entschlossen, mutig! Dieser Mut bringt dann tiefe Freude, selige Ruhe, im Berufe die Festigkeit! Theologen, die schwer überwinden, stehen später in ihrem Seelsorgeramte viel fester als jene, die mit verklärtem Gesichte und in Sehnsucht zum Altare treten...!“
Die Erinnerung an diese goldenen Worte des alten erfahrenen Spirituals gab Kraft und Mut.
Wie die Glocken zum zweitenmal ertönten, erhob sich Nonnosus vom Betstuhl. Ein letzter Blick auf das Kruzifix an der weißgetünchten Wand... Nonnosus hatte Angst und Zweifel überwunden. Fest wie Granit ist der Entschluß zur Pflichterfüllung!
Gefaßt griff der Profitent Nonnosus nach dem Pergamentblatte, das die von ihm geschriebene Profeßformel enthielt. Bleich waren die Wangen, die Zähne aufeinandergepreßt; doch ruhig die Seele, der Kampf beendet. Ein Sonnenstrahl huschte in die kahle Zelle.