Der Spiritualdirektor Pater Lullus erschien in der Zelle, um den Profitenten Nonnosus abzuholen. Ein schmächtiges altes Männlein mit viel Runzeln im Gesicht, unansehnlich, aber mit geistkündenden blitzenden Augen; ein Gelehrter im Benediktinerhabit, der Spiritual der Kleriker und zugleich ihr Freund, Führer und Berater. In lateinischer Sprache fragte Pater Lullus, ob der Profitent zum Gange in die Kirche, zur Ablegung der Vota solemnia bereit sei. Ein forschender Blick auf den Novizen, dann nickte Lullus befriedigt; er hatte in den Augen des Profitenten den festen Entschluß, Verzicht und Überwindung gelesen.
Beide Mönche verließen die Klausur, schritten durch den langen Korridor gen Norden, dessen Fenster eine wundervolle Aussicht auf die Bergkolosse der „Haller Mauern“ boten.
Ein letzter Blick des Novizen flog zum Großen Pyrgas, hinauf ins Gamsrevier... Nonnosus zuckte für einen Moment zusammen, der glühende Kopf neigte vornüber. Heftig pochte das Blut in Herz und Schläfen.
„Mut!“ flüsterte der alte Spiritual, „Mut und Gottvertrauen!“
Nonnosus nickte zum Dank und senkte die Lider. Nicht einen einzigen Blick warf er mehr durch die vielen Fenster des Flankenkorridors. Sein Schritt verlangsamte sich, als die Mönche die breiten Steintreppen hinabstiegen, um die Sakristei des großen Domes zu erreichen.
Wieder mahnte der Spiritual: „Mut und Gottvertrauen!“
Noch ein Schritt über die Schwelle der Sakristei... Ein ehrerbietiger stummer Gruß für den Pater Prior, der bereits den Ornat zur Zelebrierung des Hochamtes angelegt hatte. Ein mittelgroßer, von der Last der sechsundsiebzig Jahre gebeugter Mönch im Silberhaar, der den Gruß mit aufmunternd wohlwollendem Blick erwiderte. Die Diakone als Assistenten des Priors nickten freundlich. Vom Spiritual geleitet, begab sich Nonnosus zu seinem Platze im Chorstuhl des Presbyteriums, wo der Profitent niederkniete. Pater Lullus blieb in seiner Nähe, gleichsam zum Schutz.
Feierliche Orgelklänge empfingen den von den Diakonen begleiteten Prior auf dem Gange zum prächtig geschmückten, von einer überlebensgroßen Statue des St. Blasius aus weißem Marmor überragten Hochaltar.
Das Hochamt begann und wurde wie an Sonntagen zelebriert bis zum Evangelium. Wie dieses aber gesungen wurde, ertönte die schrille, im ganzen Kloster vernehmbare Konventglocke, die alle Patres des Stiftes zusammenrief.
Wohl fünf Minuten gellte diese Glocke, dann verstummte sie.