Die Führung übernahm hier der Archivar und Bibliothekar Pater Leo, ein großer, breitschulteriger Mönch in strammer Haltung, dem der Offizier aus den Augen leuchtete. Und ein Schmiß im freundlichen Gesicht verriet den früheren Studenten.

Mit ersichtlichem Wohlgefallen und vielem Interesse wandte sich Sophie diesem Benediktiner zu, der es ausgezeichnet verstand, alles für Damen Überflüssige und Uninteressante auszuscheiden und knapp nur auf das Wichtigste aufmerksam zu machen.

Die üppigen Formen der italienischen Spätrenaissance des prachtvollen, durch zwei Stockwerke reichenden Saales, die herrlichen Fresken und Deckenbilder, welsche Kunst und deutsche Skulpturen nahmen die Fürstin sofort gefangen und lösten Rufe der Bewunderung aus. Zur Erklärung der Bildhauerarbeiten des Meisters Stammel, für die Hinweise auf die drolligsten Burlesken, auf weihevolle Stimmung und beißenden Witz, auf olympische Schönheit und bäuerliche Derbheit in den Schnitzereien war Pater Leo der richtige Mann, dessen trocken witzige Bemerkungen die hohe Frau höchlichst belustigten und auch Fräulein von Gussitsch zum Kichern brachten.

Für die Manuskriptfragmente aus dem achten und neunten Jahrhundert setzte der Bibliothekar kein Interesse voraus, aber auf das kostbare prachtvolle Missale aus dem zwölften Jahrhundert machte er aufmerksam, ebenso auf die handschriftliche Reisebeschreibung des Marco Polo.

Vor diesem interessanten Manuskript im Glaskasten blieb die Fürstin stehen und sprach: „Wie ist es nur? Von dem uralten Zeug versteh’ ich nichts, dennoch klingt der Name so bekannt, ja modern! Haben Hochwürden dafür eine Erklärung?“

Pater Leo, ein Schalk wie sein Kollegissimus Wilfrid, verzog keine Miene, verbeugte sich leicht und erwiderte: „Durchlaucht wollen in Gnaden an die höchstmoderne – Teesorte Marco Polo denken!“

„Ach ja! Das ist es! Danke bestens!“ Zufällig blickte Sophie dem in ihrer Nähe stehenden Pater Wilfrid ins Gesicht, der abermals die Lippen gespitzt hatte. Auflachend drohte sie dem Gastmeister mit dem Zeigefinger: „Sano compatrioti, ein Schalk ärger wie der andere! Aber liebenswürdige Herren, die Gott sei Dank gar nichts – Spanisch-Inquisitorisches an sich haben! Was meint mein ‚Hofpfarrer‘?“

Wilfrid erwiderte respektvollst und strohtrocken: „Durchlaucht haben immer recht! Im Stift spricht nur einer Spanisch, nämlich ich, und zwar kann ich nur die wenigen Worte: beso la mano! Mehr ist vom Übel!“

Der Reihe nach wurden die herrliche Kirche, der Stiftsgarten und Keller besichtigt, und zwar unter Führung des Abtes. Als Sophie dann den Wunsch aussprach, die Klosterküche anschauen zu dürfen, tauchte als Cicerone wieder Pater Leo auf und sprach verbindlichst: „Darf ich bitten, sich abermals meiner Führung anzuvertrauen?“