In der Prälatur, den Wohnräumen des Abtes, angekommen, sprach die Fürstin die Bitte aus, es möge ihr der „Novize mit dem Jägerblut“ vorgestellt werden. Zugleich bat sie den Abt um Mitteilung der Verhältnisse. „Kann ich etwas zugunsten und zum Nutzen des jungen Mannes tun, so bitte ich, es mir zu sagen!“

Abt Beda geleitete die Fürstin in das Empfangszimmer, während Fräulein von Gussitsch und die Stiftsherren Wilfrid und Leo in das für hohe Gäste bestimmte Speisezimmer der Prälatur traten.

Abt Beda teilte der Fürstin mit, daß der Novize Nonnosus ein übereifriger Student und beflissen sei, durch strenge Aszese der Jagdleidenschaft Herr zu werden. Dadurch schädigte der Novize seine Gesundheit in nicht unbedenklichem Maße. Väterliche Ermahnungen zur Einschränkung der selbstgewählten Aszese und des übereifrigen Studiums hatten keinen Erfolg. „Ich bin nun gerne geneigt, dem braven Novizen Erholung und Zerstreuung zu gönnen und sogar eine Ausnahme zu gestatten! Nur will es mir fraglich erscheinen, ob beispielsweise eine Beteiligung am Jagdvergnügen bei dem Novizen den seelischen Zustand bessern wird oder kann! Die Möglichkeit soll ja nicht bestritten werden! Anderseits kann die Ausübung der Jagd die Leidenschaft erst recht steigern!“

Fürstin Sophie fragte sehr interessiert: „Ist denn einem Kleriker die Jagdausübung überhaupt gestattet?“

„Um das Decorum clericale und namentlich die spezifisch klerikalen Tugenden zu wahren, sollen sich, gemäß den kirchlichen Bestimmungen, Geistliche gewissen Vergnügungen entschlagen! Direkt und streng verboten ist die Jagd mit Hunden und Falken, die Venatio clamorosa, das ist die lärmende Jagd! Die Kanonisten folgerten aus diesem strikten Verbot, daß die Jagd mit Netzen oder die Pirsche, die Venatio quieta, den Geistlichen erlaubt sei! Für diese Unterscheidung der Jagdarten scheint sogar das Konzil von Trient zu sprechen! Selbstverständlich können die Bischöfe jegliche Jagdart verbieten!“

„Was ist daraus zu folgern?“

„Wenn ich wüßte, daß ein kurzes, auf einige Tage beschränktes Jagdvergnügen dem Novizen gesundheitlich nützen und psychisch nicht schaden würde, wäre ich geneigt, ausnahmsweise die Erlaubnis zu erteilen! Der Aufenthalt in der Höhenluft dürfte dem armen jungen Manne sicher gut tun!“

„Unter diesen Umständen bitte ich, mir den Novizen in Zivilkleidung nach Hall zu senden! Ich werde ihn mit hinaufnehmen, etwa zur Pyrgashütte, und dort pirschen lassen! Dort oben hat er Höhenluft! Und vielleicht gewährt die nun doch ermöglichte Jagdgelegenheit eine Beruhigung der aufgewühlten Nerven! Der Mensch wünscht am heißesten das, was er nicht bekommen kann! Die Jägerei wird für den Novizen sofort an Wert und Lust verlieren, wenn er sie ausgiebig betreiben kann! Er soll nach Herzenslust Gemsen schießen, ich gönne ihm diese Freude! Ja, ich bin nun überzeugt, daß die Jagdleidenschaft durch reichliche Abschußerlaubnis sich vermindert und ganz verschwindet! Also, mit Ihrer Zustimmung, machen wir das interessante Experiment! Senden Sie mir demnächst den jungen Kleriker nach Hall, ich werde das Weitere veranlassen! Auf die Vorstellung jetzt verzichte ich!“

Mit aller Ehrerbietung und doch herzlich dankte der Abt für diesen Huldbeweis. Und dann geleitete er die Fürstin in das Speisezimmer, wo die Hofdame und die beiden Stiftsherren warteten.

„Nun rasch eine kleine Jause zur Stärkung! Ich möchte nicht länger stören!“ Kaum hatte die Fürstin Platz genommen, beeilte sich der Gastmeister Pater Wilfrid Flaschenwein zu kredenzen.