Pater Wilfrid eilte nun in das Schulgebäude, um den Sonntagsschülern Unterricht in der Christenlehre zu erteilen.

Dann ein Halbstündchen Pause für einen kleinen Imbiß und für eine Rüge der Dienerin wegen Belauschungsversuchen von Dienstgesprächen. Die weißhaarige Frau Erna verhalf dem jovialen Pfarrer zu einer nicht geringen Überraschung, indem die alte Dienerin statt mit einer Entschuldigung mit dem Vorwurf anrückte, daß Pater Wilfrid zu den – nichtsnutzigen, hartherzigen und grausamen Mannsbildern halte! Deshalb sei es eine heilige Pflicht der Weiber, sich zusammenzuschließen und alles aufzubieten, daß die segensreichen Bestimmungen des neuen Gesetzes voll und ganz zur Durchführung gelangen...

Pater Wilfrid griff sich an den Kopf und rief: „Ja, wie wird mir denn?“ Die alte Witwe richtete sich gravitätisch auf, stemmte die Hände auf die schmalen Hüften und erwiderte triumphierend: „Jawohl! Gucken Sie nur verwundert, Hochwürden! Ihr Staunen ändert nicht das geringste an der Tatsache, daß das neue Gesetz die Stellung der Frauen im Haushalt und Ehestand bedeutend heben und bessern wird! Ich für meine Person werde allerdings von dem neuen Gesetz nichts profitieren! Dennoch erachte ich es als meine Pflicht, mich den Frauen anzuschließen und tapfer mitzukämpfen, bis der Sieg errungen ist!“

Kühl gab Pater Wilfrid zur Antwort: „Gewiß, Frau Erna! Sie können mitkämpfen, meinetwegen heldenhaft mit Schwert und Spieß, nur nicht als Pfarrhäuserin! Bevor Sie die Waffen zum Heldenkampf ergreifen, müssen Sie das Pfarrhaus und Ihre bisherige Stellung verlassen! Und das heute noch! Im Hause eines friedfertigen Priesters wird eine Revolution, die Unterstützung verrückter Frauen nicht geduldet! Eine Stunde Zeit zum Überlegen sei Ihnen gegönnt! Ich muß jetzt wieder in die Schule zur Christenlehre für die Mädchen gehen! Hernach ist Segen und Rosenkranzgebet in der Kirche! Sodann geben Sie Ihre Erklärung ab! Guten Tag, Frau Erna!“

Verblüfft guckte die Matrone; ihr Kopf wackelte, die knöcherigen Finger bebten. Und weinerlich klangen die Worte: „Mit Vergunst, Herr Pfarrer! Wenn Sie die Sach so scharf anfassen, wird es für mich wohl gescheiter sein, wenn ich meine Finger nicht hineinstecke! Wo soll ich altes Weibel denn ein anderes Heimatl finden, so ich aus dem stillen Pfarrhaus außig’schmissen werd! Ich bitt um Verzeihung! Die Frauen sollen ohne die alte Erna kämpfen und sich die Finger verbrennen! Ich tue nimmer mit!“

„Gut! Dann bleibt alles beim alten! Adieu!“

Im Dienste vollzog sich für Pater Wilfrid die an Sonntagen übliche Hetzjagd: Schulunterricht, nachmittägiger Gottesdienst, Beteiligung an einer Versammlung christlicher Arbeiter. Während dieser Verhandlung wurde der Pfarrer abberufen, er mußte dem todkranken Zirnitzbauern die Sterbesakramente bringen. Hernach noch die Vorkehrungen für den Todesfall treffen, Kranke besuchen und trösten. Darüber wurde es Abend. Im Einspännerwägelchen fuhr dann der Haller Himmelsführer zurück ins Admonter Kloster. Das Tagewerk war aber immer noch nicht beendet; als Gastmeister des Stiftes hatte Pater Wilfrid die Pflicht, sich um die Gäste des Klosters zu kümmern, für ihr leibliches Wohl, für gute Unterkunft und nach Möglichkeit auch für gesellschaftliche Unterhaltung zu sorgen. Verpflichtungen von nicht gerade angenehmer Natur, wenn der Gastmeister so viele Sorgen im Kopfe hat. Die größte Rolle spielte das neue „Gesetz“ und die Haller „Weiberrevolution“. Beiläufig und sehr dunkel glaubte Pater Wilfrid sich erinnern zu können, in einer Zeitung vor Wochen einen Artikel gelesen zu haben, der sich mit der Frage: Entlohnung der Hausfrauenarbeit im Ehestande, irgendwie beschäftigte. Flüchtig gelesen und schnell vergessen. Emsig suchte Pater Wilfrid in einer hofseitig gelegenen Zelle nach jener Zeitung. Einer der weltlichen Klosterdiener kam und meldete pflichtgemäß, daß einige Gäste gekommen seien, die sich jetzt in der Hofmeisterei befänden. Provisorisch hätte der Diener des Gästetraktes die Zimmer angewiesen und das Nötige für Beherbergung besorgt.

Rasch kontrollierte der Pater Gastmeister, ob der Rang der Gäste mit den angewiesenen Zimmern und ihrer Ausstattung einigermaßen übereinstimmte. Eine Umlogierung mit Verbringung des Reisegepäckes mußte vorgenommen, Rücksicht auf Rang und Etikette, auf die altberühmte Gastfreundschaft des Stiftes geübt werden. Nun eilte der vielbeschäftigte Gastmeister hinauf in die im obersten Stockwerke gelegene sogenannte Hofmeisterei. Ein großer, vielfenstriger Saal, klösterlich einfach ausgestattet; ein Billard, von dem der Klosterwitz erzählt, daß schon Kolumbus vor Antritt seiner Reise nach Amerika auf diesem Vergnügungsmöbel gespielt hätte, etliche runde Tische für Kartenspieler, an der einen Wand ein langer Tisch für Gäste und Stiftsherren mit etlichen seltsam geformten Flaschen, die zwei Sorten Klosterwein enthielten. Eine Kredenz mit Gläsern, ein Kleiderrechen und ein Ständer für Zeitungen bildeten die Ausstattung des von einer großen Hängelampe dürftig erleuchteten Saales. Klösterlich einfach und bescheiden. Dennoch hatte dieser Raum eine Kostbarkeit aufzuweisen: die herrliche, überwältigende Aussicht auf die „Haller Mauern“, auf das wuchtig ragende Felsengebirge im Norden von Admont. Freilich waren von diesen Zyklopenmauern am späten Abend nur noch die düsteren Schatten zu sehen.

Etliche Stiftsherren mit dem Abte, den die goldene Prälatenkette kenntlich machte, und drei Laiengäste saßen an dem langen Tische, rauchten und plauderten. Nippten zeitweilig vom Weine, der an Sonntagen auf Klosterrechnung den Stiftsherren gereicht wird. Gästen natürlich auch an Wochentagen für die Dauer ihrer Anwesenheit.

Pater Wilfrid stellte sich den fremden Gästen als Gastmeister vor, bat wegen verspäteten Erscheinens um Entschuldigung und verständigte den einen Herrn wegen der Umlogierung. Und nun waltete er mit allem Eifer seines Amtes, auf daß die Gäste rechtzeitig die Gläser gefüllt erhielten und Unterhaltung fanden. Seine Weltgeläufigkeit wie die höfisch geschulten Umgangsformen kamen dem Gastmeister gut zu statten und machten den denkbar besten Eindruck. Benediktinerhöflichkeit und -gastlichkeit.