Nur flüchtig konnte Hartlieb noch einen Blick von Mustela, vom zierlich-hübschen Hoffräulein erhaschen. Ein funkelnder Blick wie von Marderlichtern im Dunkel der Nacht.
Die Damen zogen sich in den Anbau zurück. Die Kammerfrau flüsterte dem Oberförster die Frage zu, ob er wohl mit allem Nötigen versorgt sei oder besondere Wünsche hege. Kühlhöflich lehnte Hartlieb alles dankend ab. Und merkte gar nicht, wieviel Zärtlichkeit Hildegard in den Flüsterton gelegt hatte und wie heiß ihre Augen flammten.
Schwer enttäuscht huschte die Kammerfrau dann in den Damenanbau.
Alles „Männervolk“ nächtigte in der alten Hütte. Der Theologe durfte auf einer Holzbank liegen, eine Rücksichtnahme auf seinen Stand.
Der Morgen ließ sich trüb und nebelig an. Und sehr spät wurde es, bis die Fürstin erschien. Für das „Riegeln“ war alles vorbereitet. Eichkitz und Gnugesser saßen wohl schon oben in der „Sauwiel“ und froren im Nebel und warteten auf den Hebschuß, der als Zeichen des Jagdbeginnes vereinbart worden war. Aber dieser Schuß fiel nicht, da die Fürstin immer wieder Befehle zu erteilen hatte und von der Hütte nicht wegzubringen war. Hartlieb wartete geduldig zwar, doch auch ziemlich verdrossen. Und Nonnosus bebte vor Freude und Jagdlust.
Endlich war es so weit, daß zu den Ständen gegangen wurde. Nonnosus erhielt seinen Stand angewiesen und erkannte nun sofort, daß es sich um eine kleine Treibjagd handeln wird. Ängstlich flüsterte er dem Jagdleiter zu: „Verzeihung! Ich darf nur pirschen!“
Hartlieb konnte keine Antwort geben, es rief ihn die Fürstin zu sich.
Sehr einfach, doch recht praktisch war für den Theologen ein Sitz errichtet in der Weise, daß der Schütze den Anlauf in der Flanke bekommen muß. Unbehindert der Anschuß. Der Theologe mit dem Jägerblut kämpfte hart und schwer um einen Entschluß, denn mit aller Klarheit erinnerte er sich der Vorschriften, die dem Kleriker die venatio clamorosa, die lärmende Jagd, verbieten. Zur Pirsche war er eingeladen, heute aber eine Treibjagd befohlen. Was soll der Theologe nun tun? Sitzenbleiben und zuschauen, wie die Gams vorüberspringen werden? Oder schlankweg den Stand verlassen, gehorsam den Vorschriften? Und was wird die Fürstin sagen, die doch mit besonderer Rücksicht auf ihn diese Treibjagd angeordnet hat, auf daß er sicher zu Schuß komme?
In dieser Gewissensklemme stellte sich ein Beschwichtigungsgedanke ein: bezüglich der venatio clamorosa ist ausdrücklich die Jagd mit Hunden verboten; auf Gams wird aber nie mit Hunden „geriegelt“; also kann der Kleriker sich an dieser Jagdart beteiligen.
Recht wohl befand sich Nonnosus bei dieser Beschwichtigung des Gewissens nicht. Er blieb auf dem Stand und rang sich zu dem Entschlusse durch, das Wild unbeschossen zu lassen und später auf eventuellen Vorhalt zu erklären, daß er wegen ungenügender Sicherheit im Ansprechen des Geschlechtes auf das Dampfmachen verzichtet habe. Eine Notlüge wird das sein, um den Vorschriften zu gehorchen und Rücksicht auf die Fürstin zu üben.