Verärgert klagte die Fürstin zu Hartlieb über Schießwut und Undankbarkeit.
„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Es ist mit echter Jagdpassion ein eigen Ding, die Selbstbezwingung ist sehr schwer, zuweilen ganz unmöglich! Es ist meine Schuld, daß der Theologe den guten Anlauf ausgenützt hat, denn ich hatte vergessen, dem Theologen mitzuteilen, daß Durchlaucht nur ein Gams bewilligt hatten! Der Abschuß des kranken Bockes mit dem verkrüppelten Hinterlauf ist unter allen Umständen weidmännisch korrekt zu nennen, dieser Abschuß war geboten und hätte auch gegen den Befehl erfolgen müssen!“
„Was? Nicht übel! Meine Befehle müssen stets beachtet werden!“
„Gewiß, Durchlaucht, beachtet! In jagdlichen Angelegenheiten ist der Vollzug hingegen auf die Möglichkeit beschränkt! Oberstes Gesetz ist stets die weidmännische Handlungsweise!“
„Ich bin sehr erstaunt, solche Äußerungen zu hören!“
„Halten zu Gnaden, Durchlaucht! Krankes Wild muß vom Personal oder von geladenen Gästen unbedingt abgeschossen werden; es ist heilige Pflicht, die Leiden zu beenden!“
Spitz erwiderte die Gebieterin: „Ja doch, selbstverständlich! – Sie haben kürzlich wegen Schlägerung angefragt! Ich wünsche, daß die Schlägerung unterbleibt!“ Und nun fügte Fürstin Sophie genau die vom Jäger Eichkitz geäußerten Worte hinzu: „Wo sollen denn unsere Hirsche leben und gedeihen, wenn der Wald immer weniger wird!“
Trocken murmelte Hartlieb: „Zu Befehl, Durchlaucht!“
Am Abend dieses getrübten Jagdtages saß Martina von Gussitsch wieder in ihrer Stube der Villa im einsamen Halltale und kritzelte etliche Bemerkungen in das „Tagebuch“.
„Was die Diener bei Hof mit dem Ausdruck ‚Herhängen‘ meinen, weiß ich jetzt aus eigener Erfahrung. Wenig zu tun haben und doch wie ein Kettenhund angehängt sein! Für mich lautet es natürlich feiner: ‚zur Disposition stehen‘! War das ein ‚Vergnügen‘ auf der Pyrgas-Jagdhütte!! Nichts zu tun, nichts zu lesen, keine Gelegenheit zu irgendeiner Selbstbeschäftigung! Beschränkt die Räumlichkeiten aufs äußerste! Absonderung unmöglich! Dazu noch die untertänige und doch freche Zudringlichkeit der Kammerfrau Hildegard, die, wie mir scheint, es wagt, die Augen zu Hartlieb zu erheben! So eine Frechheit! Aber Hartlieb ignoriert sie! Auf der Hütte war es ein höheres Mopsen. Gegend ja allerdings imponierend, bei Nebel freilich weniger großartig! Und wie der Wind in der Felsenwelt gern und häufig umspringt, so auch die Meinungen, Ansichten usw. Launen der gnädigsten Gebieterin. – – Hui, wie schnell verflog doch das Jagdinteresse! – Und wie schnell vollzog sich die Übersiedlung von der Pyrgas-Hütte herunter in die Villa! Mit nahezu nüchternem Magen, denn das Gabelfrühstück wurde abgesagt! Der ‚Strecke‘, den erlegten Gemsen, nicht ein Blick gegönnt! Ich verstehe – leider – vom Jagdbetrieb, vom Jagdwesen usw. nichts, aber so etwas wie eine Ahnung habe ich doch, daß ‚unser‘ Jagdbetrieb in seiner Unbeständigkeit nicht der richtige sein kann. Wetterwendisch, ohne Rücksicht auf weidmännische Sitte und Brauch! Mit dem Oberförster Jagdleiter Hartlieb und der Gebieterin muß es ‚etwas‘ gegeben haben, irgendeinen Verdruß; kein Wunder übrigens, wenn der Jagdleiter ob dieses Kuddelmuddels verdrossen ist. Auch über die Bevorzugung eines Jagdgehilfen über den Kopf des Oberbeamten hinweg. Der Eichkitz muß bei solcher Verhätschelung bald frech werden, wenn er es nicht schon ist. Ob sich Hartlieb diese Eingriffe in seine Kompetenz, die Ignorierung des Instanzenzuges auf Dauer gefallen lassen wird? Hartlieb in seinem Ernst sieht nicht darnach aus! Zu ernst, sehr verschlossen; aber männlich, korrekt, zweifellos ehrlich: ein richtiger Mann in des Wortes bester Bedeutung. Vielleicht durch den rauhen harten Dienst ein bisserl ‚eckig‘ geworden; sicher alles, nur kein Hofmann! Aber wie er ist, mir gefällt er sehr gut; die ‚Ecken‘ könnten abgeschliffen werden von sanfter Frauenhand... Ach du lieber Himmel! Wohin verirren sich die Gedanken?!! So ‚heiß‘ kann Liebe ja gar nicht sein, um lebenslang und besonders im Winter hier auszuhalten; ein solches Opfer kann es nicht geben! Das Diktum von der ‚alles besiegenden Liebe‘ gilt nicht für das Halltal, weil unmöglich! Übrigens bin ich nicht in Hartlieb verliebt! Nein! Er gefällt mir sehr gut; das ist alles und sicher nicht viel! Ecco la verità!“