Siebentes Kapitel
Pater Wilfrid, der „Hofpfarrer“ von Hall, hatte einen schlimmen Tag hinter sich, als er nach Admont zurückkehrte in nichts weniger denn rosiger Laune. Was für einen Krach hatte es beim Spielbüchlerbauern wegen der Verlegung des Requiem gegeben! Für den 30. August hatte dieser Bauer einen Trauergottesdienst zum Gedächtnisse eines Verwandten bestellt, und der Pfarrer hatte diesen Jahrtag notiert. Somit wäre diese Angelegenheit in Ordnung gewesen, wenn nicht auch die Fürstin von Schwarzenstein auf den gleichen Tag ein Requiem zum Gedächtnisse des seligen Gemahls bestellt hätte. Dieser Frau mußte doch, obwohl die Anmeldung verspätet einlief, der Vortritt eingeräumt werden. Von dem Grundsatze: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ wollte der Spielbüchler aber nicht abgehen, mit erschrecklicher Deutlichkeit hatte er sich dahin geäußert, daß er auf die Fürstin von Schwarzenstein – huste, soweit die deutsche Zunge klinge. Eine niedliche Bescherung für den Haller Pfarrer! Aber als Diplomat wußte sich Pater Wilfrid doch zu helfen, indem er die heikle Angelegenheit auf ein Gebiet hinüberschob, wo der Spielbüchler empfindlich und zu treffen war: Wildschadenvergütung! Auf die Anspielung, daß der Mangel an Rücksicht die Fürstin veranlassen werde, künftig dem Spielbüchlerbauern gegenüber die Wildschadenvergütung nicht mehr mit Noblesse in gewünschter Höhe zu bewilligen, reagierte der Bauer doch und er erklärte, einen Tag warten zu wollen, wenn der Pfarrer garantiere, daß die Verschiebung des Requiems dem Verstorbenen nicht wehe tun werde. Diese Garantie konnte der Pfarrer geben mit gutem Gewissen. Nach dem Krach war also der Zweck doch erreicht worden.
Hingegen blitzte der gewandte, erfahrene und weltkundige Pater Wilfrid bei Amanda Gnugesser jämmerlich ab. Die Försterin gab ihm zwar die Zeitung zurück, aber sie weigerte sich mit erstaunlicher Entschiedenheit, die Agitation für die Vergütung der Arbeit der Ehefrau im Haushalte aufzugeben. Auf Grund des neuen Gesetzes müsse das hohe Ziel in jeder Familie erreicht werden. Und die Agitation sei auch bereits im besten Zuge, werde alsbald zu vollem Erfolge führen.
Vergebens hatte Pater Wilfrid aufmerksam gemacht, daß der Gesetzentwurf in der – Schweiz, nicht hier im Lande geplant sei, also von einer gültigen Gesetzesbestimmung gar nicht gesprochen werden könne. Hartnäckig hielt Frau Amanda am segensreichen Prinzip dieser Frauenfrage fest, die Verbesserung der Rechtslage müsse errungen werden, und es sei ganz gleichgültig, von wem die Anregung zur Entlohnung der Frau im Ehestande ausgegangen sei. Tue der Staat nicht mit, wolle man diese hochwichtige Frauenfrage nicht im Wege eines Staatsgesetzes erledigen, so werde eben der Privatweg beschritten, der Kampf mit den Ehemännern in Hall von den Weibern ausgefochten werden. Die Männer müssen zahlen, egal, ob ihnen die Augen tropfen.
Pater Wilfrid verbot dann jedwede Agitation in seinem Pfarrsprengel.
Frau Amanda aber lachte ihn aus, verwies auf die Tatsache, daß die Haller Weiber bereits revolutioniert seien, und daß die Fürstin von Schwarzenstein auf Seite der Frauen stehe, mit der Entlohnungsbestrebung wärmstens sympathisiere.
Unter solchen Umständen konnte ein weiterer Disput mit dieser hitzigen Frau keinen Zweck mehr haben. Einstweilen mußte der Pfarrer den Rückzug antreten. Demnächst aber wird der Kampf aufgenommen werden, und zwar von der Kanzel aus.
Im Stifte suchte Wilfrid den Archivar Pater Leo auf, der gleich ihm Pfarrer des Nachbardorfes Weng ist, also ein spezielles Interesse für die Haller Frauenrevolution haben mußte. Pater Leo sprach denn auch offen die Befürchtung aus, daß die Funken und Flammen dieser Weiberrevolution nach Weng überspringen und überschlagen werden, und daß es kaum möglich sein werde, mit einer Predigt die rabiat gewordenen Frauen zu besänftigen.
„Ein anderes Mittel zur Bekämpfung der Revolution steht uns aber nicht zu Gebote!“ meinte Pater Wilfrid.