Diese Liste, aus einer wesentlich größeren exzerpiert, zeigt so ziemlich alle Namen auf, die um diese Zeit in der theoretischen wie der praktischen Übung der anarchistischen Idee sich hervortaten. Am Neujahrstage 1894 wurden von den 100 mit Verhaftung bedrohten Personen 64 eingeliefert, unter ihnen Elias und Paul Reclus, Mitglieder jener wunderbaren und denkwürdigen Familie von Gelehrten und enthusiastischen Vorkämpfern der Menschenbefreiung, der wahren Geistes- und Seelenaristokratie der Welt, und schon 10 Tage nach dem Neujahrstage begann der Prozeß gegen Vaillant vor den Assisen von Paris.
Der Prozeß war, in der überstürzten Art, wie sein Termin angesetzt worden war, und auch durch den ganzen Verlauf des summarischen Verfahrens gegen den Angeklagten, eine offenkundige, empörende Infamie. Der Protest des ursprünglich für die Verteidigung eingesetzten, ausgezeichneten Advokaten Ajalbert verhallte ungehört: der Termin wurde nicht verschoben. In letzter Stunde erklärte sich ein anderer hervorragender Anwalt, der später als Verteidiger von Zola im Dreyfus-Prozeß weltberühmt gewordene Ferdinand Labori, bereit, den Prozeß für Vaillant zu führen. Es war ja vorauszusehen, welchen Verlauf dieser Prozeß nehmen würde. So wurde dann Vaillant am 10. Januar 1894 in einer einzigen Gerichtssitzung zum Tode verurteilt.
Mit der selben sträflichen Beschleunigung wurde dann das Todesurteil durch den Präsidenten der Republik Carnot bestätigt – der wohl kaum im Unterbewußtsein ahnen mochte, daß er mit demselben Federstrich sein eigenes Todesurteil unterfertigt hatte!
Vaillant, ein Mann von sympathischer Erscheinung, ernst, einfach, Herr seiner Worte wie seiner Gedanken, verweilte in seiner Selbstverteidigung nur flüchtig bei seinem eigenen Schicksal, dem Unrecht und den Brutalitäten, die er im Laufe seines bedrückten Lebens erfahren hatte. Er erbat und erhielt die Erlaubnis, eine längere Erklärung vorzulesen, in der er seine Theorien, seinen Standpunkt, dem Leben, der Notwendigkeit der Freiheit und dem selbstgewählten Weg der Propaganda gegenüber ausführte.
„Unter den Ausgebeuteten gibt es im wesentlichen zwei Arten von Menschen; die eine Art gibt sich keine Rechenschaft darüber, was mit ihr geschieht, was mit ihr geschehen, und wie sie eigentlich leben sollte. Diese Menschen nehmen das Leben, wie es ist; sie sind als Sklaven geboren, glauben, daß es so recht ist und sind froh über den Bissen Brot, den man ihnen für ihre Arbeit hinwirft. Die andere Art aber ist nicht so leicht mit dem Schicksal versöhnt. Menschen dieser Art denken, studieren, blicken mit hellen Augen um sich, sehen und erkennen die Ursache der sozialen Ungerechtigkeit. Soll man es ihnen vorwerfen, daß sie klar sehen und die Leiden der anderen mitfühlen? Sobald sie aber das eingesehen haben, werfen sie sich in den Kampf und stellen als Rächer der allgemeinen Bedrückung ihren Mann. Ich gehöre zu diesen letzteren. Wo immer ich auch hingekommen bin, überall habe ich Elende, unter das Joch des Kapitals Gebeugte gesehen. Überall war ich Zeuge derselben Folterungen, derselben blutigen Tränen – bis in die Tiefen der wenig bevölkerten Provinzen Südamerikas hinein, wo ich als ein Mensch, der an der Zivilisation verzweifelte, glaubte unter Palmen ausruhen und die Natur genießen zu können. Und hier wie überall habe ich das Kapital gesehen, wie es den letzten Blutstropfen des unglücklichen Parias vampyrgleich aussaugt. Die Meinen in so hoffnungsloser Weise leiden zu sehen – das brachte den Kelch zum Überlaufen. Ich war dieses Leben der Qual und der Feigheit satt. Meine Bomben warf ich unter jene, die ich als in erster Linie verantwortlich für die Leiden der Allgemeinheit erachte. – Aber geben Sie sich keinen Illusionen hin, die Explosion meiner Bombe ist nicht allein das Zeichen der Verzweiflung eines einzelnen Menschen, sie ist der Ausdruck der Not einer ganzen Klasse, die bald den Schrei des einzelnen übertönen wird. Mit Ihrem Gesetz werden Sie die Ideen der Denker nicht zum Schweigen verurteilen. Alle Kräfte der regierenden Klassen vermochten es im letzten Jahrhundert nicht, zu verhindern, daß Diderot, daß Voltaire ihre befreienden Ideen ins Volk auswarfen; alle Gewalt der heute Regierenden wird es nicht verhindern, daß Reclus, Darwin, Spencer, Ibsen, Mirbeau und die anderen ihre Ideen des Rechts und der Freiheit aussäen, die Vorurteile der unwissenden Menge aus der Welt schaffen. Diese Ideen werden die Unglücklichen zu Akten der Empörung stacheln, wie das in mir geschehen ist – und dies wird bis zu dem Tag sich fortsetzen, an dem das Verschwinden der Autorität allen Menschen gestatten wird, sich frei zusammenzufinden nach Maßgabe ihrer inneren Zusammengehörigkeit. Dann wird jeder sich der Früchte seiner Arbeit erfreuen können. Jene Sittenkrankheit, die man Vorurteil nennt, wird in den Tagen verschwinden. Ebenso wird es Allem, was Menschenantlitz trägt, erlaubt sein, in Harmonie zu leben, ohne anderen Willen als dem zum Studium der Wissenschaften und der Liebe zum Nächsten.“
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Die Verteidigung Vaillants hat nicht nur unter den Genossen seiner eigenen Klasse, sondern in der großen, in den Tiefen des Gewissens erschütterten Allgemeinheit Frankreichs ihre Wirkung getan. Als am 5. Februar sein Haupt fiel, erhob sich in Paris, in Frankreich, in der Welt ein Schrei der Empörung.
Die Worte, die er am Fuße des Schafotts ausrief, wie berichtet wird mit starker und jubelnder Stimme: Tod der bürgerlichen Gesellschaft, lange lebe der Anarchismus! fanden einen Widerhall überall, wo um das Menschenrecht gestritten wurde.
Ich erinnere mich deutlich an die Erschütterung, die sich der radikalen Arbeiterschaft um die Zeit der Exekution Vaillants an dem Ort, an dem ich um diese Zeit lebte (es war in Wien), bemächtigt hatte.
Als Vaillants Leiche in jener schmählichen „Ecke der Hingerichteten“, im kleinen Friedhof von Ivry im Süden von Paris verscharrt worden war, pilgerten in den nächsten Tagen Hunderte zum Grabe dieses reinen und edlen Empörers. Es wird berichtet, daß man Blumen mit Schleifen auf dem Grabhügel gefunden hat, Blätter, auf denen Gedichte standen. Eine Zeile: „Ehre und Ruhm Deinem Andenken. Ich bin nur ein Kind, aber ich werde Dich rächen!“ Ein Gedicht lautete wie folgt: