Am 9. Dezember 1893 warf August Vaillant von der Galerie der Pariser Kammer, des Palais Bourbon, eine Bombe in den Saal, in dem das Ministerium Casimir-Périer und sämtliche Abgeordnete unter dem Vorsitz von Dupuy ihre Nachmittagssitzung abhielten.

Die Vorgeschichte dieses Attentates ist in kurzem folgende:

Unmittelbar nach dem Dynamit-Diebstahl in dem Pariser Vorort Soisy-sous-Étiolles hatte die Regierung, deren Oberhaupt Emile Loubet, nachmaliger Präsident der Republik war, der Kammer eine Gesetzesvorlage überwiesen, kraft der jeder, der bei der Verübung eines Dynamit-Attentates gleich jenem in der Lobau-Kaserne betroffen würde, die Todesstrafe erleiden sollte. Wie wir gesehen haben, war diese Gesetzesvorlage nicht imstande, die knapp darauf folgenden Dynamitanschläge zu verhüten. Gegen Ende 1892 trat das Kabinett Loubet zurück. Ihm folgte ein kurzlebiges unter der Führung Ribots, das schon im März 1893 das Zeitliche segnete.

Ribots Nachfolger war Charles Dupuy, konservativer Republikaner von ausgesprochen reaktionärer Färbung, ein in den Kreisen der Arbeiterschaft verrufener Mann, verhaßt vor allem wegen eines durch nichts motivierten Vorgehens gegen die Arbeits-Börse und verschiedene Gewerkschaftssyndikate im Lande. (Dupuys Vorgehen wurde immerhin Ursache einer starken Vermehrung der radikalen republikanischen und sozialistischen Parteien gelegentlich der Wahlen im August-September 1893.)

Die Zusammensetzung der Kammer hatte diesmal den Rücktritt verschiedener Minister aus dem Kabinett Dupuy zur Folge. Das Kabinett selbst ging in die Brüche und der 1. Dezember 1893 sah den Aufstieg eines Ministeriums Casimir-Périer, das sich aber in der Hauptsache infolge des Trägheits-Gesetzes der Politik immer noch aus gemäßigten, ja konservativen Elementen zusammensetzte. Dupuy und Casimir-Périer tauschten nun ihre Plätze. Der letztere überließ den Stuhl des Kammerpräsidenten dem ersteren, so daß in jener denkwürdigen Sitzung vom 9. Dezember Dupuy im Präsidentschaftssessel der Kammer saß, während auf dem Ministerpräsidenten-Fauteuil Casimir-Périer seinen Platz eingenommen hatte. –

Vaillants Bombe war vor allem diesen beiden Männern zugedacht. Durch einen Zufall explodierte sie aber nicht in dem Raum zwischen Dupuy und der Ministerreihe, sondern an einem Seitenpfeiler des Balkons, so daß mehr Besucher der Galerie von den umherfliegenden Nägeln, Eisenstücken und sonstigen Projektilen verletzt wurden als Mitglieder der Kammer. Im Augenblick, nachdem der Effekt der Detonation und des Schreckens überwunden war, sprach Dupuy, der reglos auf dem Präsidentensessel verharrt war, die legendär und historisch gewordenen Worte: „Die Sitzung nimmt ihren Fortgang.“

Wer war dieser Vaillant, der den Faden zerschnitt, an dem die Damokles-Bombe des Volkswillens über dem Haupt der Deputierten und Minister Frankreichs hing?

Vaillant, ein uneheliches Kind, hatte das elende Leben des gesellschaftlichen Parias bis zur Neige gekostet. Mit 14 Jahren auf sich selber angewiesen, trieb ihn die Not des Lebens von einer Arbeitsstätte zur anderen. Auf seinen regellosen Wanderungen kam er nach Algier, dann sogar bis Argentinien, wo er Land aufnahm, ohne sich als Farmer irgendwie bewähren zu können. In Buenos-Aires erschien zu dieser Zeit das Anarchistenblatt „La Liberté“, wie um 1893/94 Zentral- und Südamerika überhaupt ein Mittelpunkt der anarchistischen Weltagitation genannt werden konnte. Ruhelos wanderte Vaillant von Kontinent zu Kontinent. Ohne einen Pfennig kehrte er nach Frankreich zurück, mit ihm seine kleine Tochter Sidonie, die ihm sein frühverstorbenes Weib hinterlassen hatte. Nach schwierigem Kampf, vom Mißgeschick mehr als notwendig verfolgt, gelang es Vaillant endlich in Paris einen elenden Posten in einem kleinen Laden zu ergattern. Von seinem Monatsgehalt, ganzen 80 Franken, mußte er sich und sein Kind erhalten. Es wird berichtet, daß er bei seinen Arbeitgebern und im Kreise seiner Genossen als der arbeitswilligste, dabei nüchternste, rechtschaffenste, bescheidenste Mensch bekannt gewesen sei, ein Mann von träumerischer und zarter Veranlagung. Auch in ihm hatte die Idee des Anarchismus Fuß gefaßt, – nicht mit der Gewaltsamkeit, wie sie das in der wilden, muskulösen Robustheit Ravachols getan hatte, all sein Sinnen konzentrierte sich vielmehr in einer verzweifelten Auflehnung gegen das Unrecht, das den Armen, den Schwachen, den Zarten, den Hilflosen in dieser Welt der schamlosen Ungerechtigkeit geschieht.

Casimir-Périer, ein Mann von als außerordentlich anerkannten Fähigkeiten brachte es zuwege, mit seinen politischen Funktionen den Besitz eines der größten Grubengebiete von Frankreich zu vereinen. Dieses Gebiet von Anzin, dessen Direktor er war, ehe er die politische Karriere einschlug, war einer der berüchtigtsten Schauplätze des ewigen erbitterten Kampfes zwischen den Besitzern und den Arbeitern, zwischen Kapital und Ausgebeuteten. Und Casimir-Périer, dem man geheime Beziehungen zu den Royalisten und den Klerikalen, also zur ausgesprochenen Reaktion in Frankreich nachsagte, figurierte in den sozialistischen und anarchistischen Zeitungen der Epoche unter dem giftigen Spitznamen des „Mannes mit den 40 Millionen“ des „Blutsaugers von Anzin“.

Casimir-Périer war es auch, der mit voller Energie zwei Tage nach dem Attentat von Vaillant das unerbittliche Anarchistengesetz der Kammer vorlegte und durchsetzte, laut welchem anarchistische Attentate als gemeine Verbrechen betrachtet, anarchistische Zeitungen rücksichtslos unterdrückt und die Pariser Polizei in effektiver Weise vermehrt werden sollte. Zu gleicher Zeit verfügte ein Erlaß die Verhaftung einer Reihe bekannter und berühmter Theoretiker der radikalen sozialistischen und anarchistischen Richtung, Haussuchungen, Briefkontrollen, von der nach den Registern jener Zeit eine Reihe außerordentlicher Menschen betroffen wurde, unter anderem: Jean Grave, Sébastian Faure, Elisée Reclus, Paul und Elias Reclus, Louis Delorme, Louise Michel, die in London unter dem Namen Louise Fauvelle lebte, dann Josef Pauwels, der später die Bombe in die Madeleine schleuderte, Ortiz, der später im „Prozeß der Dreißig“ figurierte, Matha, der große Theoretiker des Anarchismus Karl Malato, Errico Malatesta, und auch der große ehrwürdige Fürst Kropotkin, der damals bei London seinen Wohnsitz hatte.