Die bürgerliche Gesellschaft, deren Untergang Vaillant auf seinem Wege zur Guillotine herbeigewünscht hatte, vereinigte sich jetzt zu einer jener bekannten scheinheiligen Massenaktionen, mit denen sie seit jeher ihr Gewissen entlastet, mehr noch aber die Drohungen der Unterdrückten von sich abzulenken versucht. Um die Person, das gegenwärtige und zukünftige Schicksal des armen, hinterbliebenen Töchterchens Sidonie betätigte sich der Wohltätigkeitssinn des französischen Bürgertums, der mit Menschenliebe und Gerechtigkeit übertünchte gesellschaftliche Trieb des Feudal-Adels. Kampf und Rivalitäten entbrannten darum: wer Vormund von Sidonie Vaillant werden sollte. Das Testament ihres Vaters sprach sie seinem Freunde, dem außerordentlichen Vorkämpfer der anarchistischen Theorien Sebastian Faure zu. In einem ergreifenden Briefe, den der Verurteilte aus dem Gefängnis von La Roquette an sein Kind schrieb, und in dem er Sidonie mitteilte, daß von nun an Faure ihr wirklicher Vater sein werde, heißt es: „ein letzter und einziger Rat: sei stets gewärtig, meine Kleine, daß das einzige Ziel des Lebens ist, seinem Nächsten nicht wehe zu tun; sonst aber sollte jeder frei sein, um unbehindert das zu tun, was ihm beliebt. Lasse tun, lasse sagen. Gebe Deinem Leben ein Ziel: das Glück der Menschheit. Arbeite an Dir, damit jene, die Dein Wort hören und Deinen Taten zu folgen vermögen, sich Dir gesellen. Dann wird Dein Leben gut vollendet sein, und Dich wird, wenn Du Dein Leben lässest, dieselbe Genugtuung erfüllen, die Deinen Vater in der Stunde seines Sterbens beherrscht, – denn ich sterbe für all jene, die man die Verdammten in der Hölle dieser Gesellschaft nennen muß!“
Und in einem Tagebuchblatt, das er am Vorabend seines Attentates geschrieben und in einem letzten Willen seinem Genossen und Freund Paul Reclus zugedacht hatte, heißt es u. a.: „Ich sehe dem Tod gefaßt ins Gesicht, denn er ist der Hafen der Enttäuschten. Ich werde zumindest mit der Genugtuung sterben, daß ich für mein Teil alles getan habe, um das Kommen einer neuen Zeit zu beschleunigen. Jetzt verlange ich nur noch eins, das ist: daß bei der Auflösung meines Leibes alle meine Atome sich in der Menschheit verbreiten und ihr dieses Ferment des Anarchismus einimpfen mögen, damit die Gesellschaft der Zukunft endlich Wirklichkeit werde.“
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Fünf Tage nach der Exekution August Vaillants wies der unsichtbare Finger der Volksrache auf eine andere Stätte, an der sich die Moral der herrschenden Bürgerklasse manifestierte. Nach dem Bombenwurf gegen die Beamten der Klassenjustiz, nach dem Bombenwurf in die Kammer der gesetzgebenden Körperschaften flog an einem Abend im Februar 1894 eine Bombe in das große luxuriöse Caféhaus des Pariser Hôtels „Terminus“ vor dem Bahnhof „St. Lazare“.
In der Panik, die die Explosion unter den zahlreichen Gästen dieses Caféhauses verursachte, – einer kam ums Leben, etliche 20 erlitten schwerere und leichtere Verletzungen – versuchte ein junger Mensch, offenbar der Täter, durch die Menge zu entfliehen, wurde aber aufgehalten und gab einige Revolverschüsse auf seine Verfolger und jene, die sich ihm entgegenwarfen, ab. Dem Untersuchungsrichter erklärte er, sein Name sei Le Breton, bald aber gestand er seinen richtigen Namen ein: Emil Henry. War Vaillant in seiner ganzen Erscheinung, seinem Lebenslauf und den geistigen Konsequenzen, die dieser Lebenslauf hatte, auf eine höhere, nicht nur gesellschaftlich, sondern ethisch höhere Stufe zu stellen, als beispielsweise Ravachol, so repräsentierte der junge Henry unzweifelhaft eine in beiden Beziehungen gehobene Position über Vaillant, dessen Tod die Bombe im Hotel „Terminus“ rächen sollte.
Emil Henrys Erscheinung bildet sozusagen den Übergang, die notwendige Verbindung zwischen dem aktiven Propagandisten der anarchistischen Idee und jenen Anarchisten, die das theoretische Ideal zu seiner höchsten Vollendung führen, denen aber die physische Kraft zu Propagandataten mangelt, weil sich ihre ganze Energie in der Gedankenaktion konzentriert hat, jede materielle Energie aber durch die Arbeit des Gedankens aufgebraucht und absorbiert wurde.
War die Verteidigungsrede Vaillants, dem lückenhaften Bildungswege des Verfassers entsprechend, noch nicht frei von sentimentalen oder manifestartigen Ingredienzien, so stellt Henrys Plaidoyer ein klassisches Beispiel der durch einen geistig hochstehenden Menschen vollkommen verarbeiteten wissenschaftlichen Theorie dar, die sich notwendigerweise in physische Energie und Tat um setzen mußte.
In der Geschichte der anarchistischen Bewegung ist dieses Dokument dann auch eine der grundlegenden Äußerungen des in bestimmter Weise durchgeführten revolutionären Willens geblieben. Zu den theoretischen Schriften der großen Denker des Anarchismus bildet das Manifest des jungen Henry – er war zur Zeit seiner Tat etwas, über 21 Jahre alt – ein, fast möchte ich sagen, notwendiges Komplement, denn es beweist die aktive Kraft, die jenen Schriften der Theoretiker innewohnt; und damit führt dieses Manifest den Beweis, in welcher Weise Theorie, in den geeigneten physischen Bereich verpflanzt, die notwendige Wirkung erzeugen muß.
Es gibt wohl in der Literatur, die sich um die Berichte der Taten des individuellen revolutionären Willens gebildet hat, keine reinere und wirkungsvollere Beweisführung für die Kraft des Gedankens, der sich in junge enthusiastische Seelen versenkt, als die durch dieses Manifest des Einundzwanzigjährigen geoffenbart ist. Ein Berichterstatter jener Epoche charakterisiert die intellektuelle Einstellung des jungen, begabten und gebildeten Bürgersohnes sehr originell, indem er sagt, daß Henrys Haß gegen seine eigene Klasse weniger der Haß des Hungerleiders gegen den Satten genannt werden kann, sondern eher mit der Verachtung verglichen werden darf, die ein junger Maler der realistischen Schule gegenüber dem süßlichen, verlogenen Kitsch der Schule Bouguereaus empfindet.
Auf alle Fälle haben wir in der merkwürdigen und noch mehr denkwürdigen Erscheinung des jungen Henry einen Vorläufer jener Generation, die wir heute in unserer Zeit der sozialen Umwandlung, des Kataklysmus, in dessen Mitte unsere bürgerliche Welt geraten ist, und in der sie versinkt, entstehen und aufwachsen sehen. Ein klarer, scharfer, ohne Zynismus, mit absoluter Sicherheit seiner Instinkte bewaffneter Geist, der die Konsequenzen seiner Überzeugung wie ein mathematisches Exempel in realen Faktoren zu ziehen versteht. Skepsis beirrt ihn noch nicht, dazu ist er zu jung. Trotzdem hat seine Lebenserfahrung kraft seiner ungemeinen Intelligenz und überlegenen Beobachtungsgabe schon die Zahl seiner Lebensjahre Lügen gestraft. Noch einige Jahre Leben, und er wird sich entweder zum glänzenden geistigen Anwalt seines eingeborenen revolutionären Dranges entwickelt haben, oder ein leergebrannter, kühler und kalter Verächter der Menschheit geworden sein.