Die Bücher der Führer der anarchistischen Idee und die Taten der Anarchisten in jenem Paris von 1891-93 entzündeten den Funken in dem jungen Mann, dessen rein geistig gerichteter Drang nicht durch seinen in der Irritation der Nerven unternommenen Fluchtversuch nach der Tat verneint wird.

Bei der Vernehmung Henrys ereignete sich das Überraschende: er gestand, zugleich der Urheber eines bisher ungeklärten Attentates zu sein, das im November 1892 gegen die Pariser Büros der Bergwerkgesellschaft Carmaux versucht worden war. Die Bombe wurde damals rechtzeitig entdeckt und von den Polizisten nach dem nächsten Polizeikommissariat in der Rue des Bons Enfants gebracht, wo sie explodierte, wobei vier Polizisten getötet wurden und eine große Zahl Anwesender schwer verletzt worden war. Henry gestand ruhig ein, daß er nach diesem verunglückten Anschlag gegen die Bergwerkgesellschaft sich für einige Zeit nach London begeben habe, wo er unter Anarchisten gelebt und sich zu seiner Tat offen bekannt, ja sich dieser Tat auch gerühmt hätte. Offenbar war es auch Henry, auf den sich eine Äußerung in den Memoiren Rocheforts bezieht, der zu jener Zeit in London im Exil lebte, weil er sich aktiver Beihilfe in den boulangistischen Machenschaften schuldig gemacht hatte. Rochefort berichtet, daß Charles Malato, der anarchistische Schriftsteller, ihm eines Tages gesagt habe: „Hier in London geht ein junger Bursche herum, der jene Explosion in der Rue des Bons Enfants verursacht haben will. Er ist wahrscheinlich ein Prahlhans und will die Leute hineinlegen.“ Es verhielt sich aber in der Tat so, der junge Prahlhans erwies sich als Henry, der Attentäter vom Café „Terminus“.

Henry entstammte einer Familie der höheren Bourgeoisie, die jedoch bereits zur Zeit der Pariser Kommune einige revolutionäre Mitglieder hervorgebracht hatte. Auch war Emils älterer Bruder Fortuné selber Anarchist. Emils außerordentliche Intelligenz wurde in dem Lyzeum in Paris, in dem er sich hauptsächlich in der Mathematik hervortat, dadurch anerkannt, daß er mit 16 Jahren ein Stipendium zum Eintritt in die berühmte polytechnische Hochschule zugewiesen erhielt. Da diese Schule aber eine militärisch organisierte und ihre Schüler für den Offizierstand vorbereitende Institution ist, und Emil sich als ausgesprochener Feind des Militarismus schon in frühester Jugend bekannte und betätigte, machte er von dem sozialen Vorrecht, in jene Hochschule einzutreten, keinen Gebrauch. Nach einigen Wanderjahren, die ihn in Geschäftsunternehmungen seiner Verwandten in der Provinz und in Venedig herumgeführt hatten, trat er plötzlich zu einem Uhrmacher in die Lehre, um, wie er in seiner Aussage bekundete, sich die notwendigen Kenntnisse in der Mechanik anzueignen, und später Höllenmaschinen selber herstellen zu können. Um diese Zeit betätigte er sich schon als eifriger Mitarbeiter anarchistischer Zeitungen. Das junge Leben Henrys zeigte also bereits die entscheidende Kurve zur ernsten Verfolgung der anarchistischen Ziele, die ihm durch Blutmischung, Familientradition und durch das Gebot seiner früh entwickelten außergewöhnlichen Intelligenz vorgezeichnet zu sein schien.

Der erste Eindruck, den die bei dem Prozeß Anwesenden von dem jungen, hübschen und besonnenen, dabei von einem schier maßlosen Idealismus erfüllten Menschen hatten, war: hier hat man den St. Just des Anarchismus vor sich.

Und in der Tat, wenn man die versprengten Erscheinungen dieser revolutionären Periode betrachtet, kann man sich der Anschauung nicht erwehren, daß nur der Mangel einer allgemeinen Erhebung sie zu den isolierten und sehr lose vereinten Taten geführt hatte, wo in einer revolutionär aktiveren Zeit jeder von diesen Individualisten seinen Platz in der allgemeinen Bewegung vorgeschrieben gefunden hätte. Jede Zeit gebiert die Menschen oder findet sie vor, die ihre Parole durchführen können; oft ist es aber die Zeit, die kleiner ist als die Menschen, die in ihr leben. Nur selten und in denkwürdigen Fällen der Freiheitsbewegung, der allgemeinen Entwicklung der Menschheitsidee deckt sich die Zeit mit dem Individuum, das ihr Exponent ist. Wenn dann die stupide Menge den an Energie seine Zeit überragenden Revolutionär kurzerhand als Verbrecher stempelt, ist eine von jenen oberflächlichen Meinungen geprägt, in deren Bann die minderwertige Allgemeinheit lange verweilt. Die Geschichte der Menschheit scheint durch solche Fehlurteile, Seichtigkeit des Gefühls, nicht zu Ende-denken-Können, gefälscht zu sein.

Nahm die Erscheinung und das Benehmen Henrys vor seinem Richter auch gleich am Anfang für ihn ein, so verscherzte er sich die allgemeine Sympathie durch einen zynisch klingenden, doch aus der Energie der Idee erwachsenen Ausspruch: auf die Frage des Vorsitzenden, warum er gerade das Café Terminus sich ausersehen hatte, antwortete Henry ruhig: weil er möglichst viele Bürger zu töten beabsichtigte. In der Tat hatte er mit seiner Bombe, bevor er ins Café Terminus kam, bereits einige weniger besuchte Lokale aufgesucht.

Unter den Verletzten im Café befanden sich aber nicht nur „Bürger“, sondern Arbeiter oder wenigstens werktätige Menschen. „Sie sehen, Henry,“ bemerkte der Präsident, „es sind arbeitende Menschen, die Sie töten wollten. Sie haben sie nicht gekannt. Sie konnten sie gar nicht hassen und trotz alledem bleiben Sie vollkommen kalt und gleichgültig vor diesen armen Menschen, die Sie hier, verstümmelt und zu Schaden gekommen, auf der Zeugenbank sitzen sehen!“ Darauf Henry: „Allerdings; diese Leute sind mir vollkommen gleichgültig wie im übrigen auch Sie, Herr Präsident. Diese Leute sind Bourgeois, die Leiden und Unglück verursachen. Ihre Misère, was geht die mich an. Ich habe genug andere Misère in meinem Leben gesehen, und wenn es einen Schuldigen und Verantwortlichen dafür gibt, sind Sie es und Ihre Partei.“ Der Präsident: „Gut. Genug. Setzen Sie sich.“ Henry, während er sich setzt: „Das ist es, was ich tue.“

Der Prozeß Henrys förderte keine besonderen Überraschungen zu Tage. Er rollte sich in den üblichen Formen des Verhörs ab; das übliche Aufmarschieren der Zeugen erfolgte. Es wurde vom Angeklagten kein Versuch gemacht, sich zu entlasten, und die Zeugen, die von seinem Vorleben Kunde geben sollten, bezeichneten ihn übereinstimmend als ernsten, gewissenhaften, nur in seinen Anschauungen und seinen politischen Zielen überreifen und intransigenten Menschen.

Seine Attitüde, die er vom ersten Augenblick an einnahm, blieb bis zum Schlusse des Prozesses die gleiche. Er wußte, daß sein Leben verwirkt war; aber dies beeinflußte seine Haltung oder die Handhabung seines Organs keinen Augenblick lang.

Die Kälte, die er den Opfern seines Attentates gegenüber zur Schau trug, entsprach nur der konzentrierten geistigen Anstrengung, nicht aber der wirklichen inneren Veranlagung Henrys. Er legte sie absichtlich an den Tag, um den Antagonismus des revolutionären Kämpfers zur öffentlichen Meinung darzulegen. Seine oft an Zynismus streifenden Aussprüche waren im Grunde nur Akzente, mit denen er die Theorie, deren Konsequenzen er vertrat, verstärkte. Fast gegen seinen Willen bekundete er bei der Vernehmung seiner Verwandten (auf seinen ausdrücklichen Wunsch hatte man es seiner Mutter verboten, bei der Verhandlung zu erscheinen) eine gewisse Rücksicht und Zartgefühl. Von ihnen hatte er ja nichts wie Gutes erfahren. Was gingen ihn aber diese intimen Eigenschaften an, wo er das Leiden der großen Massen vor eben diesen, in ihren privaten Beziehungen gütigen und gerechten Menschen im Auge hatte!