Alles in diesem Prozeß schien sich auf das Plaidoyer zuzuspitzen, in dem Henry sein Lebensbekenntnis ablegte. Und dieses Lebensbekenntnis allerdings ist nicht nur eine Rechtfertigung der zufälligen Existenz eines ungewöhnlichen, in vielen Beziehungen einzigen Menschen, sondern es sichert seinem Verfasser auch eine rühmliche Stellung innerhalb der Geschichte der großen sozialen Bewegungen aller Zeiten.
Ehe ich einige Teile, bedeutungsvolle Bruchstücke aus seinem Plaidoyer hier reproduziere, will ich noch rasch einige Worte über den Tod Henrys niederschreiben.
Anfang Februar fand die Explosion im Café Terminus statt, Ende Mai starb Henry unter dem Messer der Guillotine. Es wird berichtet, daß er aufrechten Ganges zum Schafott schritt, aber daß seine Stimme ihn verriet, als er wie ins Leere ins Weltall hinaus, die Worte: „Kameraden, Mut, es lebe die Anarchie!“ zu rufen suchte.
Gleichviel. Es ist ja gleichgültig, wie dieser Mensch starb. Es ist fast gleichgültig zu nennen, wie er gelebt hatte. Sein Plaidoyer, sein Werk, das er hinterließ, ist das Wesentliche an seiner Erscheinung.
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Nach der Rede des Staatsanwaltes, – es war wieder jener Bulot – in der selbstverständlich die Todesstrafe gefordert wurde, bat der Angeklagte um das Wort, noch ehe sich sein Verteidiger erhoben hatte. Aus dem Dokument der Verteidigungsrede Henrys, die er am Anfang kühl und sachlich, ohne das Schriftstück in der Hand zu halten, vortrug (erst später, nach den einleitenden Sätzen, erbat er sich von seinem Verteidiger das Konzept) – aus diesem denkwürdigen, ja, wie man mit Fug sagen darf, historischen Dokument folgen hier etliche kurze Auszüge. –
Nachdem er eine rapide Übersicht über seinen Werdegang gegeben, präzisierte Henry seine Stellung innerhalb der sozialen Bewegung auf folgende Weise: „Einen Augenblick lang zog mich der Sozialismus an; doch es dauerte nicht lange, da lehnte ich diese Partei ab. Ich war viel zu sehr von der Liebe zur Freiheit erfaßt, hatte zu große Ehrfurcht vor der persönlichen Initiative; die Einkapselung in eine gleichgerichtete Truppe flößte mir zu großen Widerwillen ein, als daß ich eine Nummer in der organisierten Körperschaft des Vierten Standes hätte werden können. Übrigens bemerkte ich gar bald, daß der Sozialismus im Grunde an dem Stand der Dinge gar nichts ändert; er respektiert und hält das Autoritätsprinzip aufrecht, und dieses Prinzip ist, was auch die sogenannten Freidenker sagen mögen, nichts anderes als ein Überbleibsel jener atavistischen Furcht vor einer höheren Vorsehung. Ich bin Materialist und Atheist: Studium der Wissenschaften hat mich nach und nach das Spiel der Naturgewalten erkennen lassen; ich habe bald verstehen gelernt, daß die Hypothese, es gäbe einen Gott, durch die moderne Wissenschaft beiseite geschoben worden ist, als unnütz und überflüssig erkannt wurde. Infolgedessen mußten die religiöse Moral und die Autorität, die ebenfalls auf einer falschen Voraussetzung beruhen, verschwinden. Wo also war das milde Gesetz der Sittlichkeit zu suchen, das in einer Harmonie mit den Naturgesetzen diese alte Welt erneuen und eine glückliche Menschheit gebären könnte? Als ich dies erkannt hatte, verband ich mich mit einigen Genossen, die Anarchisten waren, und die ich heute als die besten Freunde liebe, die mir jemals begegnet sind.“
„In den Kampf ging ich mit einem tiefen Haß, den der tägliche, empörende Anblick dieser Gesellschaft schürte; denn in dieser Gesellschaft ist alles niedrig, alles feige, alles häßlich, alles ist Hindernis zur Entfaltung der Leidenschaften des Menschen, des edlen Willens der Herzen, des freien Aufschwunges des Gedankens. Ich wollte so hart und auch so gerecht zuschlagen wie ich es nur vermochte.“
Henry gibt nun eine Darstellung seiner Freude, die ihn angesichts der ersten Ereignisse des Streiks von Carmaux ergriffen hatte; dieser Streik hatte zu Anfang den Anschein einer revolutionären Tat erweckt, bald aber bemächtigten sich einige Männer der Seelen der Arbeitnehmer, und der Streik schien abzuflauen. Was waren diese Männer? „Es waren dieselben, die alle revolutionären Bewegungen vernichteten, aus Angst, das Volk könnte, losgelassen, nicht mehr auf ihre Stimmen hören. Es waren dieselben, die die Tausende der Arbeiter überreden, monatelang ihr Elend geduldig zu ertragen und die dann auf dem Rücken der Arbeiter sich Volkstümlichkeit und ein Deputiertenmandat ergattern. Dies waren die Männer, die sich an die Spitze der Streikenden stellten. Mit einemmal sah man einen Schwarm von Schönschwätzern sich über das Land niedersenken. Die Grubenarbeiter legten alle Macht in die Hand dieses Packs. Man weiß, was nun geschah. Der Streik drohte ins Unendliche hinauszuwachsen. Die Arbeiter gewöhnten sich an den Hunger, ihren täglichen Gefährten. Die kleinen Reserven ihrer Gewerkschaften und anderer Angeschlossenen kamen ihnen zu Hilfe, waren bald aufgebraucht, und nach zwei Monaten krochen die Armen demütig und elender als je in ihre Gruben zurück. Es wäre einfach gewesen, die Gesellschaft, Besitzerin des Bergwerks, gleich zu Anfang dort anzugreifen, wo sie am leichtesten zu verwunden war: die Kohlenvorräte zu verbrennen, das Maschinenhaus zu zerstören, die Entwässerungsanlagen zu vernichten. In diesem Falle hätte die Gesellschaft rasch nachgegeben, doch die Großbonzen erkennen diese Methoden nicht an, denn es sind unsere Methoden, der Anarchisten.“
„Für mein Teil hatte ich meinen Anschlag auf das Gebäude der Gesellschaft in Paris rasch beschlossen. Der Vorwurf gegen Ravachol: Die unschuldigen Opfer! kam mir in den Sinn. Das Haus aber, in dem sich die Büros der Carmaux-Gesellschaft befinden, ist ausschließlich von Bürgern bewohnt, daher konnte es keine unschuldigen Opfer geben. Da die gesamte Bourgeoisie der Ausbeutung der Unglücklichen teilnahmslos zusieht, muß sie in ihrer Gesamtheit ihre Schuld büßen. Im vollen Bewußtsein der Legitimität meines Unternehmens habe ich jene Höllenmaschine vor den Pforten des Büros niedergelegt.“