Es wurden darum auch von dem großen Publikum Frankreichs die würdevollen und selbstsicheren Verteidigungsreden von Grave und Faure mit derselben Sympathie aufgenommen, wie die witzig ironischen Wendungen, in denen der Kunstschriftsteller Fénéon seinerseits die Anklagen und die Behandlung des Verdachtes gegen ihn zurückwies. Die „Gemeinschaft der Verbrecher“ stand, wie man aus dem Fehlen von Belastungszeugen ersehen konnte, auf schwachen Füßen. Niemand war zu finden, der irgendwie stichhaltig, ja auch nur willkürlich bestätigen oder bejahen konnte, daß eine solche Vereinigung in der Tat bestehe.
Die Anklage behauptete, daß der Gelehrte Reclus die Finanzen dieser Vereinigung oder Partei geführt habe; daß Jean Grave der Schaffung der Studiengruppe oblag, daß die Zeitschrift Graves „La Révolte“ den verstreuten Mitgliedern der Vereinigung die Mittel bot, sich gegenseitig zu kennen und zu verständigen. Faure sollte die Bewegung in der Propaganda organisieren. Er war Herausgeber einer in Marseille erscheinenden Zeitschrift „L’Agitation“, hatte außerdem, wie nachgewiesen werden konnte, das Kapitalverbrechen begangen, Vaillant 5 Franken durch die Post überweisen zu lassen. Der Schriftsteller Chatel war Begründer der „Revue anarchiste“ und Mitarbeiter verschiedener anarchistischer Zeitschriften. Matha redigierte den „En-dehors“, er war es auch, der Emil Henry in London bei sich aufgenommen hatte, während Matha selber gelegentlich in Paris bei Fénéon, dem Kunstschriftsteller, der zur Zeit Beamter des französischen Kriegsministeriums war, zeitweilige Unterkunft gefunden hatte. Aus solchen losen Verknüpfungen sollte das Netz sich um die Dreißig knüpfen, und in diesem Netz zappelte zugleich die Bande um den Räuber Ortiz.
Dieser Ortiz, ein merkwürdiger Mischtypus, Sohn eines Mexikaners und einer Polin, stellte in seinem ganzen Wesen den idealistischen Räuber aus sozialen Beweggründen dar, wie die romantische Literatur aller Völker ihn aufweist. Daß dieser intelligente und gebildete Mensch sich bei seinen Taten, die einem unzweifelhaft gemischten, undurchsichtigen Instinkt entsprangen, anarchistischer Grundsätze rühmte und dabei unleugbar die Freundschaft Emil Henrys und anderer reiner Verkünder der Idee genoß, beweist: daß die verbrecherischen Instinkte der Ausbeutung und Knechtung des Einzelnen und der Massen, wie sie sich die heutige Gesellschaft zu schulden kommen läßt, durch gleiches Vorgehen des Einzelnen gerächt werden müssen. Nur dem oberflächlich in den Vorstellungen und Vorurteilen der bestehenden Gesellschaftsform träge Verharrenden wird es, wie bereits betont, einfallen, Verbrechen, die im Obigen als revolutionäre Taten gekennzeichnet worden sind, als Verbrechen zu betrachten.
Solange die Gesellschaft ihre Gesetze nicht den Geboten der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit anzupassen oder wenigstens anzunähern verstanden hat, wird das Verbrechen des Einzelnen, sofern es nicht eines der aus Leidenschaft begangenen genannt werden darf, vielmehr die Rache des Einzelnen an der Gesellschaft und rechtmäßiger Kampf des Empörers gegen die große Ungerechtigkeit genannt werden müssen.
Das schmähliche Scheitern des Prozesses gegen die stupid und mit brutaler Willkür, wie bei einer Razzia zusammengetriebenen Dreißig, das gleichzeitig mit der Verurteilung Caserios abschließende Verfahren gegen jenen Anarchisten, dessen Hand das verantwortliche Oberhaupt der Regierung getroffen hatte, schloß eine Periode der revolutionären Bewegung ab, die die anarchistische Periode in der Freiheitsbewegung Frankreichs genannt ist.
Sie bildet, wie gesagt wurde, ein Segment in der fortschreitenden, unter wechselnden Namen stetig gleichbleibenden Entwicklung der Freiheitsidee der Menschheit; die Zeit ihres Geschehens ist der Vorabend des XX. Jahrhunderts, dessen Morgen bereits solch ungeheures Vorwärtstreiben der Idee sah; ihr Schauplatz ist Frankreich, die bürgerliche Republik der Demokratie, des „juste milieu“.
Nach dem 26. August 1894, an dem der arme unwissende, wirre Schädel des italienischen Proletariers unter dem Fallbeil der bürgerlichen Justizmaschine fiel, ebbt die Welle der anarchistischen Propaganda der Tat in Frankreich ab.
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Es scheint nunmehr, als sollte sich die anarchistische Theorie aus dem aktivistischen mehr ins wissenschaftliche Feld zurückziehen. Der Anarchismus wird von dem sich langsam nach links, ins radikale Gebiet ausbreitenden Sozialismus als kleinbürgerliche Ideologie verworfen. Der Sozialismus erhebt die Autorität der Organisation zum leitenden Prinzip und leugnet das Recht des Individuums, aus Gründen der praktischen Erfahrung, wie aus Anbetung der Klasse als solcher, eines Götzen auf tönernen Füßen, sich außerhalb der Organisation, eigenwillig, selbstherrlich und unter voller persönlicher Verantwortung sein Recht zu suchen. Er erklärt das auf solche Weise aus der Organisation entweichende Individuum für einen Feind des Sozialismus und das Individuum sieht sich von dem demokratischen Sozialisten, in Übereinstimmung mit dem reaktionärsten Bürgertum, in Acht und Bann getan und vogelfrei erklärt.
Der Kommunismus, wie wir ihn nach dem Krieg sich ausbreiten und seine Grenzen erweitern sehen, zögert noch, die eigenmächtigen Energien aus dem Bereich des eng benachbarten Syndikalismus, aus den militanten Rängen des insurgenten Anarchismus aufzunehmen. Anzeichen deuten darauf, daß er sie zur gegebenen Zeit wohl aufnehmen, einreihen und benutzen wird. Denn in dem insurgenten Anarchisten brennt am leuchtendsten die Flamme der ewigen Revolte des Menschengeschlechtes. Was verschlägts, daß an ihrem Brand das ephemere Verordnungsblatt der Parteidisziplin rasch verkohlt!