„Welche Formen soll die Propaganda annehmen?“ fragt Kropotkin weiter. „Jede, die durch die Lage der Dinge, durch Gelegenheit und Neigung vorgezeichnet wird. Bald mag sie ernst, bald scherzhaft, aber immer muß sie kühn sein. Bald mag sie von einer Mehrheit, bald von einem Einzelnen ausgehen. Niemals darf sie ein Mittel unbenutzt, niemals eine Tatsache des öffentlichen Lebens unbeachtet lassen, um die Geister in Spannung zu erhalten, der Unzufriedenheit Nahrung und Ausdruck zu geben, den Haß gegen die Ausbeuter zu schüren, die Regierung lächerlich zu machen, ihre Ohnmacht darzutun. Vor allem aber muß sie, um die Kühnheit und den Geist der Empörung zu wecken, immerfort durch das Beispiel predigen.“
Und weiter heißt es: „Männer von Herz, die nicht nur reden, sondern handeln wollen, reine Charaktere, die Gefängnis, Verbannung und Tod einem Leben vorziehen, das ihren Grundsätzen widerspricht, kühne Naturen, die wissen, daß man wagen muß, um zu gewinnen – das sind die verlorenen Posten, die den Kampf eröffnen, lange, bevor die Massen reif sind, offen die Fahne der Empörung zu erheben und mit den Waffen in der Hand das Recht zu suchen. Mitten in dem Klagen, Schwätzen, Erörtern erfolgt durch einen oder mehrere eine aufrührerische Tat, die die Sehnsucht Aller verkörpert.“
Schließlich aber kommt Kropotkin auf die Wirkung und somit das praktische Ergebnis dieser Propaganda zu sprechen, indem er resumiert: „Eine einzige Tat macht in wenigen Tagen mehr Propaganda als tausend Broschüren. Eine Tat gebiert die andere; Gegner schließen sich dem Aufruhr an; die Regierung wird uneins, Härte verschärft den Streit; Zugeständnisse kommen zu spät: Die Revolution bricht aus.“
*
Die Spannweite zwischen den angeführten Theorien des Anarchismus und den Motiven der Propagandisten durch die Tat, wenn man die im Folgenden zu behandelnden Individuen so nennen darf, ist eine beträchtliche; auch die eingestandene Auffassung, die diese letzteren von ihrer anarchistischen Gesinnungspflicht öffentlich kundgegeben haben, entfernt sich von der eben zitierten Darstellung Kropotkins, in der wir das grundlegende Bekenntnis eines aktiven Revolutionärs zu sehen haben. Immerhin lassen sich bei den Geständnissen dieser Propagandisten, in der Motivierung ihrer Taten vor Gericht, Abstufungen wahrnehmen, welche mehr oder weniger deutlich ihre Stellung zu der Idee des Anarchismus kundgeben. Die geringere oder weitere Entfernung ihrer emotionellen Motivierung von jenem nüchternen und festen Gesetz der Notwendigkeit der Propagandaaktion, wie sie Kropotkin dargelegt hat, ist weniger an dem Temperament als an dem Bildungsgrade der Propagandisten zu messen.
Es wäre verkehrt, die Menschen, von deren Taten ich berichten will, als Verbrecher anzusehen. Verbrecher darf sie nur jener nennen, der sich mit den Anschauungen der Gesellschaft, wie sie heute besteht, identifiziert. Wer aber auf dem Standpunkt beharrt, daß die Gesellschaft, in der wir leben, geändert werden muß, daß sie auf revolutionäre Weise aus ihren Fugen gebracht werden muß, weil eine evolutionäre die Widerstände stärkt, statt sie zu vermindern, wer eine freiere, glücklichere, utopistische Form der Gesellschaft in der Zukunft erkannt hat und vorbereiten will – wird die anarchistischen Propagandisten nicht als Verbrecher, sondern als Pioniere einschätzen müssen. Wenn auch ihre Taten zuweilen das Draufgängertum blindwütigen, rücksichtlosen Vernichtens von Leben und Eigentum erkennen lassen, so wurzeln diese Taten doch in einer anderen Sphäre. Folgt man dem Ursprung der Revolte dieser „Attentäter, Bombenwerfer, Mörder und Räuber“, dieser „Feinde der Menschheit“, – so findet man in der Ursache ihrer Empörung die Elemente der sozialen Ungerechtigkeit, der Unterdrückung, des Elends der Herkunft, ebenso der ursprünglichen Blutmischung, wie der sozialen Lebensbedingungen im Elternhaus, der Erziehung – – über all diesem aber den Zug der Zeit.
Der soziale Unfriede manifestiert sich am deutlichsten und entscheidendsten in Charakteren, die nicht erst die langsame Disziplin der sozialistischen Parteiorganisation durchmachen können. Er manifestiert sich in explosiver Form. Seit den Attentaten 1891-94 hat die revolutionäre Organisation der Massen ungeheure Fortschritte gemacht. Durch die Organisation aber ist augenscheinlich der revolutionäre Trieb in den Individuen zurückgedrängt worden, wenn nicht verkümmert. Organisation bedeutet: Abwälzung der Verantwortung des Einzelnen auf eine hinter ihm stehende, ihn schützende größere Masse, und in diesem Sinne fragt es sich, ob die Propaganda durch die Tat des Einzelnen heute noch stark genug sein könnte, die Organisation, d. h. die Massen in Bewegung zu setzen. Das Ergebnis besonders der deutschen Revolution, dieser Revolution eines überorganisierten Proletariats, antwortet auf diese Frage: Nein.
Besonderen Aufschluß über Wesen und Wirkung der Propagandaaktion des Einzelnen gibt die Legende, die sich um Namen, Tat, das Leben eines solchen Einzelnen im Volke bildet. Die Tat des Individuums, das sich von der Gesamtheit ablöst, übt auf die Masse, in deren Interesse diese Tat getan worden ist, einen außerordentlichen Zauber, eine starke Suggestionskraft aus. Dies hat auch Kropotkin erkannt. Ob aber diese Suggestion, wie Kropotkin meint, eine aktive Tat der Gesamtheit hervorrufen kann, bleibt dahingestellt. Jedenfalls bemächtigt sich das Bedürfnis der Massen nach Romantik des Lebens des revolutionären Propagandisten und hüllt es in eine Glorie ein.
Der Name Ravachol, der hier öfters erwähnt werden wird, ist auf diese Art, wie ein Symbol der Empörung, Sprichwort im französischen Volke geblieben.
Dieser Name Ravachol, fremdartig, einprägsam und populär, deckt eine ganze Epoche des revolutionären Lebens Frankreichs. Man kann nach anderen Epochen Umschau halten, Epochen, in denen sich große Staatsaktionen, bedeutsame Erlebnisse des Volkes abgespielt haben, und wird finden, daß diese in ihrer Gesamtwirkung bedeutsamen Zeitläufte von keinem einzigen Namen gedeckt werden, wo die Epoche des insurgenten Anarchismus von 1891-94 in Paris durch den Namen Ravachol gedeckt ist.