„Was die Versammlung bei Lantsch (Arbeiterversammlung in Köln)
betrifft, so hielt ich es nicht für zweckmäßig, viel davon zu sagen. Die
Stimmung an sich war vortrefflich. Ich will aber ebensowenig wie Sie die
Verantwortung übernehmen, in der jetzigen Zeit der Gärung auf eigene
Faust Parole auszugeben, und das wäre bei einem Bericht über diese
Versammlung mit ihren interessanten Folgen nötig gewesen….
Ich beurteile die Zeit ganz ähnlich wie Sie, als eine äußerst kritische. Uebrigens glaube ich nicht, daß Schweitzer völlig va banque spielt. Dann wäre das Spiel schon verloren. Es fällt den Arbeitern jetzt, namentlich im Rheinland, gar nicht ein, sich für das Prinzip zu erheben. Ich glaube, man geht darauf aus, den ‚Sozialdemokrat‘ ehrenvoll totschlagen zu lassen und dann, gestützt auf die öffentlich angebahnte Organisation, das System der geheimen Gesellschaften einzuführen. (?! A.B.) Durch den Glanz des Abgeordnetenfestes lasse ich mich nicht blenden. Ich habe niemals deutlicher gefühlt, daß es mit der bisherigen Fortschrittspartei vorbei ist, aber unsere Zeit ist noch nicht gekommen.
Beobachten und die Fäden in der Hand behalten, Verbindungen erweitern, Freunde sammeln; aber keine Parole ausgeben. Ob wir, falls es Zeit dazu ist, zusammengehen können, wird sich finden. Lassen Sie uns einstweilen den Zusammenhang pflegen….
Zurückkommend auf die Haltung unseres Blattes (der Flugblätter) und die politisch-soziale Krisis, empfehle ich nochmals, den sozialen Teil ausführlich und interessant, aber objektiv zu halten; den politischen Teil aber scharf, so offen gegen die gesamten Fürsten als nur möglich. Man kann in den Händeln dieser Menschen keine andere Partei ergreifen als gegen alle, und zwar unveränderlich und gegen diejenigen, welche momentan liberal flöten, erst recht.“
In einer Nachschrift schreibt Lange: „Ich sehe soeben, daß der Anfang meines Briefes unnütz mysteriös ist. Ueber die Versammlung bei Lantsch sind die Berichte sämtlicher liberaler Blätter total aus der Luft gegriffen. Es war außer W. Angerstein kein Berichterstatter da. Nach der Versammlung organisierte sich ein freiwilliger Zug durch die Stadt zur Begrüßung der Abgeordneten. Vor der Hauptwache Hochrufe auf das Vereinsrecht usw. Die Bewegung war den Lassalleanern ebenso vollständig aus der Hand genommen, wie sie den Liberalen quer ging. Das Volk suchte nach Führern. Es hätte auf einen Wink von Angerstein und mir getan, was wir wollten…. Die ganze Sache machte sich übrigens ganz von selbst. Niemand leitete. Man sah aber, was kommen kann, wenn die Regierung so fortfährt.“
* * * * *
In dem zitierten Schreiben deutet Lange an, daß es später zu einer
Spaltung im ständigen Ausschuß und zwischen den Vereinen kommen dürfte.
Darüber sprach er sich noch deutlicher aus in einem Brief vom 10.
Februar 1865 an Sonnemann. Darin hieß es:
„Meine Stellung zur Arbeiterfrage anlangend, hatte ich anfangs den Plan, mein Verbleiben im Ausschuß von der Aufnahme meines Schriftchens (Die Arbeiterfrage) abhängig zu machen; es scheint mir jetzt jedoch in jeder Beziehung zweckmäßiger, meine Stellung zu behaupten, auch falls ich mit der Mehrheit in etwas schärfere Opposition geraten sollte. Die Geister müssen ja aufeinanderplatzen.“
In den Jahren 1865 und Anfang 1866 schien es eine Zeitlang, als sollten die streitenden Brüder in der Arbeiterbewegung sich zusammenfinden. Abgesehen von den schon erwähnten Fällen, in denen Lassalleaner und Arbeitervereinler gemeinsame Sache machten und gemeinsame Forderungen erhoben, sprach sich am 17. Juli 1865 eine Versammlung des Maingaues, in der als Redner vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein Lauer und Welcker aus Frankfurt a.M. auftraten, folgendermaßen aus:
Der Arbeitertag erklärt, daß er im Interesse der guten Sache des
Arbeiterstandes die Spaltung in der Arbeiterbewegung für schädlich und
nachteilig hält, und erklärt sich die aus Mitgliedern der
Arbeiterbildungsvereine des Maingaus und aus Mitgliedern des Allgemeinen
Deutschen Arbeitervereins bestehende Versammlung bereit, allen
Schritten zur Vereinigung die Hand zu bieten.