Diesem Beschluß wurde von einer Anzahl Arbeiterschaften keine Folge geleistet. Immerhin blieb die Gegnerschaft gegen die gewerkschaftlichen Organisationen unter einem Teil der einflußreichsten Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehen, so daß sogar noch 1872 auf dessen Generalversammlung Tölcke den Antrag stellte: Die Versammlung solle beschließen, alle innerhalb der Partei neben dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein bestehenden Verbindungen, namentlich der Allgemeine Deutsche Arbeiterunterstützungsverband, der Berliner Arbeiterbund, der Allgemeine Deutsche Maurerverein, der Allgemeine Deutsche Zimmererverein und sämtliche zu denselben gehörende Mitgliedschaften seien aufzulösen, ihre Bestände dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein einzuverleiben und sollten deren Mitglieder dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein beitreten. Sein Antrag konnte aber nicht angenommen werden, weil die Generalversammlung keine Macht hatte, außerhalb des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehende Organisationen aufzulösen.
Wie aber auch noch andere Führer als Tölcke dachten, zeigen zum Beispiel die Aeußerungen von Hasenclever: „Wenn der Bund (Berliner Arbeiterbund) seinen Zweck erfüllt hat, dann werden wir schon von selbst dafür sorgen, daß er wieder verschwindet.“ Hasselmann äußerte: „Wir haben nur deshalb den Bund gegründet, um diese Gewerke zu uns herüberzuziehen, was uns auch ganz gut gelungen ist. Wir haben also mit dem Bunde nichts Besonderes schaffen wollen, er war nur ein Mittel zum Zweck.“ Aehnlich sprachen Grottkau und andere. Schließlich wurde noch folgender Antrag angenommen: „Die Generalversammlung möge den Wunsch aussprechen, daß sobald wie möglich die innerhalb unserer Partei bestehenden gewerkschaftlichen Verbindungen aufgelöst und die Mitglieder dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugeführt werden. Es ist Pflicht der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, in diesem Sinne zu wirken.“
Kann man Mende trauen — und seine Angabe ist meines Wissens unwidersprochen geblieben —, so hatte auch Schweitzer gegenüber Mende und der Gräfin Hatzfeldt bei ihrem im Frühjahr 1869 abgeschlossenen Pakt — ich komme später darauf — versprochen, die Gewerkschaftsorganisation als im Widerspruch mit Lassalles Ansichten stehend mehr und mehr in den Hintergrund treten zu lassen. Später änderten sich die Ansichten im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugunsten der Gewerkschaften.
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Der dem Vorort Leipzig vom Nürnberger Vereinstag zugeteilten
Aufgabe kamen wir nach und entwarfen ein Normalstatut für
Gewerksgenossenschaften, dessen Verfasserschaft mir zufiel.
Sobald dasselbe fertiggestellt war, ging es in Massen an die
Organisationen mit der Aufforderung, für die Gründung internationaler
Gewerksgenossenschaften — welchen Titel wir gewählt hatten — tätig zu
sein. Ich selbst legte Hand mit an. Der Titel ging eigentlich etwas
weit, denn wir konnten doch nur darauf rechnen, die Deutsch sprechenden
Länder in die Organisation zu ziehen. In der Hauptsache sollte mit dem
Namen die Tendenz ausgedrückt werden. Es kamen denn auch eine
Anzahl solcher Organisationen zustande, so die Internationale
Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, der
Maurer und Zimmerer, der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der
Schneider, Kürschner und Kappenmacher, der Schuhmacher, der Buchbinder,
der Berg- und Hüttenarbeiter.
Es war klar, daß, wenn schon die politische Bewegung unter der Spaltung litt, die Gewerkschaftsbewegung in noch viel höherem Maße darunter leiden mußte. Das bekam Fritzsche im folgenden Jahre am eigenen Leibe zu spüren, in dem infolge der heftigen Parteikämpfe die Mitgliedschaft seines Verbandes von ungefähr 9000 Mitgliedern auf etwas über 2000 sank. Allerdings war an diesem Sturze teilweise der Bankrott der Berliner und der Leipziger Produktivgenossenschaften der Tabakarbeiter schuld, die nach einem verlorenen Streik gegründet worden waren.
Wir in Leipzig suchten den Zerwürfnissen in der Gewerkschaftsbewegung möglichst vorzubeugen. Wir beriefen Ende Oktober 1868 im Verein mit Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine stark besuchte Arbeiterversammlung mit der Tagesordnung ein: Die Gewerksgenossenschaften, in der Liebknecht referierte und folgende Resolution empfahl:
„In Erwägung, daß die Gründung von Gewerksgenossenschaften nach dem
Muster der englischen Trades Unions behufs Organisierung der
Arbeiterklasse zur Wahrung und Förderung ihrer Interessen und zur
Stärkung ihres Klassenbewußtseins notwendig ist;
in Erwägung ferner, daß durch die Beschlüsse der verschiedenen Arbeiterkongresse bereits die Anregung gegeben und der Anfang zur Gründung von Gewerksgenossenschaften gemacht worden ist, beschließt die heutige Arbeiterversammlung, energisch vorzugehen zur Bildung solcher Genossenschaften, und beauftragt ein zu diesem Zwecke zu wählendes Komitee, die dazu nötigen Schritte zu tun und namentlich mit den Verwaltungen der Arbeiterkassen usw. in Verbindung zu treten.“
Es wurde alsdann ein Komitee gewählt, in dem vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein unter anderen Seyferth und Taute neben Liebknecht und mir saßen. Das Komitee lud Angehörige aller Gewerke ein, um mit diesen die Organisation von Gewerkschaften zu besprechen. Diese Zusammenkunft fand unter meinem Vorsitz statt und wurde folgende von Liebknecht und mir verfaßte Resolution einstimmig angenommen: