„Die Versammlung beschließt: Die von der Mehrheit des Nürnberger Arbeitervereinstags und der Mehrheit des Berliner Arbeiterkongresses gegründeten respektive zu gründenden Gewerksgenossenschaften haben darauf hinzuwirken:

1. daß von beiden Seiten nach gegenseitiger Verabredung eine gemeinschaftliche Generalversammlung zum Behuf der Einigung und Verschmelzung berufen werde;

2. daß, bis eine Einigung und Verschmelzung zustande kommt, die beiderseitigen Gewerksgenossenschaften in ein Vertragsverhältnis zueinander treten, sich namentlich mit ihren Kassen gegenseitig unterstützen und womöglich einen gemeinsamen provisorischen Ausschuß wählen;

3. daß beide Teile unter allen Umständen jede Gemeinschaft mit den
Hirsch-Dunckerschen Gewerksgenossenschaften zurückweisen, die, von
Feinden der Arbeiter gestiftet, keinen anderen Zweck haben, als die
Organisation der Arbeiter zu hintertreiben und die Arbeiter zu
Werkzeugen der Bourgeoisie herabzuwürdigen.“

Dieses Verlangen fand auf der anderen Seite kein Entgegenkommen. In Nr. 141 des „Sozialdemokrat“ vom 2. Dezember 1868 veröffentlichte Schweitzer eine Resolution, wonach das Präsidium und der Zentralausschuß des Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverbandes unsere Anträge zurückgewiesen hatten und aufforderten, „jedem Versuch, die Bewegung zugunsten der persönlichen Zwecke einzelner zu zersplittern, mit allem Nachdruck entgegenzuarbeiten“.

Damit war der Versuch, zu einer Verständigung zu gelangen, bis auf weiteres hinfällig geworden.

Die Gewerkschaftsfrage kam unsererseits wieder auf dem Eisenacher Kongreß im August 1869 zur Erörterung. Man mißbilligte namentlich, daß die Aufnahme von Mitgliedern von einem politischen Glaubensbekenntnis abhängig gemacht würde, wie das von Schweitzer verlangt wurde. Greulich sprach sich für eine internationale Organisation aus, es gelte die Massen in die Gewerkschaften zu bringen. Vor diesen habe der Kapitalist Angst, nicht vor unseren paar elenden Pfennigen. Zuletzt wurde auf Antrag Yorks eine Resolution zugunsten der Einigung der Gewerkschaften angenommen. Ein Antrag Mottelers, der verlangte, daß die Gewerkschaften den Abschluß von Rückversicherungen (Kartellen) betreiben sollen, fand ebenfalls Zustimmung. Auf dem Parteikongreß zu Stuttgart — Juni 1870 — stand abermals die Gewerkschaftsfrage auf der Tagesordnung. Die Verhandlungen bewegten sich im alten Geleise. Die Frage der Einigung spielte wieder die Hauptrolle. Von 1871 ab begannen die Gewerkschaften unter der Gunst der Prosperitätsepoche sich besser zu entwickeln und traten selbständiger auf. Die Prosperitätsepoche, die bis zu Beginn des Jahres 1874 währte, hatte eine ungezählte Zahl Arbeitseinstellungen in allen Branchen im Gefolge. Diese Erscheinung veranlaßte schon Ende Mai 1871 den sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig nach längerer Diskussion, folgende Resolutionen zu beschließen und zu veröffentlichen:

„1. Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für die Dauer nicht helfen; 2. daß das Ziel der Sozialdemokratie nicht bloß dahin geht, innerhalb der heutigen Produktionsweise höhere Löhne zu erstreben, sondern die kapitalistische Produktionsweise überhaupt abzuschaffen; 3. daß bei der heutigen bürgerlichen Produktionsweise die Höhe der Löhne sich nach Angebot und Nachfrage richtet und auch durch die erfolgreichsten Streiks über diese Höhe nicht dauernd emporgehoben werden können; 4. daß in letzter Zeit mehrere Streiks nachweisbar von den Fabrikanten veranstaltet worden sind, um einen plausiblen Grund für die Erhöhung der Warenpreise während der Messe zu haben, und daß solche Streiks nicht den Arbeitern, sondern nur den Fabrikanten zugute kommen, die den Preis der Waren ungleich mehr erhöhen als den Arbeitslohn; 5. daß verunglückte Streiks die Fabrikanten ermutigen und die Arbeiter entmutigen — also unserer Partei doppelten Schaden verursachen; 6. daß die großen Fabrikanten sogar bisweilen einen Extravorteil von den Streiks haben, indem sie, während die kleinen Fabrikanten nicht arbeiten lasen, ihre Vorräte mit erhöhtem Gewinn absetzen; 7. daß unsere Partei augenblicklich nicht imstande ist, so viele Streiks materiell zu unterstützen.

Aus allen diesen Gründen wird den Parteigenossen dringend empfohlen, einen Streik nur dann zu beginnen, wenn eine gebieterische Notwendigkeit vorliegt und man über die dazu erforderlichen Mittel verfügen kann; ferner: nicht so planlos zu verfahren wie bisher, sondern nach einem ganz Deutschland umfassenden Organisationsplan. Als bester Weg, Geldmittel und Organisation zu beschaffen, wird die Gründung und Pflege der Gewerksgenossenschaften empfohlen.“

In Wien erging sich das Zentralorgan der österreichischen
Parteigenossen, der „Volkswille“, in ähnlichen Betrachtungen und
Ratschlägen, da auch dort das Streikfieber immer mehr um sich griff. Die
Ratschläge waren gut, aber befolgt wurden sie in den seltensten Fällen.
Immerhin nahmen in jenen Jahren die Gewerkschaften eine erfreuliche
Entwicklung.