„Alle drei Hypothesen sind nichtig. Die Darlegung der Attraktion der Triebe wird beweisen, daß im sozietären Zustand Vernunft und Triebe sich ausgleichen und aussöhnen und daß sie nur im heutigen sozialen Zustand sich im Diskord befinden. Man sagt: der Mensch sei für die Gesellschaft geboren, man vergißt aber, daß es nur zwei Gesellschaftsordnungen giebt, die der Privatwirthschaft und der Gemeinwirthschaft; der isolirte Zustand und der sozietäre Zustand. Der gegenwärtige Zustand setzt die isolirte Familie voraus, der sozietäre die Arbeit und die Lebensweise in zahlreichen Vereinigungen, welche nach einer bestimmten Regel für Jeden sich theilen und ausgleichen, nach den drei Eigenschaften: Arbeit, Kapital und Talent. Gott, als höchster ökonomischer Leiter, muß nothwendig die Assoziation als den besseren Zustand wollen.“
„Es giebt nunmehr viererlei Wissenschaften zu beachten: über die Assoziation, den aromalen Mechanismus, die Attraktion der Triebe und die universelle Analogie.“
Die vier Hauptbewegungen und die fünfte, die soziale als pivotale oder Angelpunkt, sind bereits hervorgehoben worden. Gehen wir also über zum „Studium der Assoziation“.
„Das Band ist die Basis jeder Oekonomie; wir finden die Keime in dem ganzen sozialen Mechanismus zerstreut, von der mächtigen Ostindischen Kompagnie bis zu den armen Gesellschaften der für eine bestimmte Industrie vereinigten Dorfbewohner. So sieht man die Bergbewohner des Jura sich zur Käsefabrikation vereinigen; 20–30 Haushaltungen bringen täglich ihre Milch zum Fabrikanten und am Ende der Saison erhält jede ihren Theil an Käse, entsprechend der Quantität Milch, die sie lieferte. Wir haben überall im Kleinen wie im Großen diese Keime für das Wohlsein bei der Hand, es sind rohe Diamanten, welche die Wissenschaft schleifen muß. Das Problem ist, diese Fetzen einer Assoziation, die in allen Zweigen der menschlichen Arbeit zerstreut sind, zu einem Mechanismus, einer allgemeinen Einheit zu verbinden, wo sie bisher nur mit Hülfe des Instinktes entstanden. Bisher hat die Wissenschaft diese Studie vermieden, die allein wahrhaft dringlich war. Ein Jahrhundert, das sich so vieler Vernachlässigungen in wissenschaftlicher Ordnung und Erforschung schuldig machte, mußte des Ueberblicks über das Ganze ermangeln; es hat weder die Eintheilung des ganzen Systems der Bewegung, noch die drei Einheiten wahrgenommen, woraus es hätte schließen müssen, daß die soziale und die materielle Welt im Widerspruch miteinander, also im Widerspruch mit der Einheit organisirt sind.“[9]
„Was die soziale Bewegung betrifft, so sieht man jede interessirte Klasse der anderen das Böse wünschen, überall setzt sich das persönliche Interesse in Gegensatz zu dem Allgemeininteresse. Der Arzt wünscht, daß seine Mitbürger recht viel Krankheiten bekommen, denn er würde zu Grunde gerichtet sein, wenn alle Welt ohne Krankheit stürbe; dasselbe geschähe den Advokaten, wenn jeder Streit schiedsrichterlich auszugleichen wäre. Der Geistliche ist interessirt, daß es viel Todte giebt und zwar viele reiche Todte, Beerdigungen à 1000 Franks. Der Richter ersehnt jährlich wenigstens 45.000 Verbrechen, damit die Gerichtshöfe stets beschäftigt, also nothwendig sind. Der Wucherer wünscht Hungersnoth; der Weinhändler Hagel; Architekten und Baumeister ersehnen Feuersbrünste. So handeln in diesem lächerlichen Mechanismus der Zivilisation die Theile gegen das Ganze und jeder Einzelne gegen Alle. Die ganze Ungeheuerlichkeit eines solchen Zustandes wird man erst begreifen, wenn man die sozietäre Organisation kennen lernt, wo die Interessen eine ganz entgegengesetzte Richtung nehmen; wo Jeder das Gesammtwohl wünscht, weil dieses seinem persönlichen Wohl am meisten entspricht. So zeigt sich überall statt der Einheitlichkeit der Handlung, welche die moralischen und politischen Wissenschaften rühmen, die allgemeine Doppelseitigkeit. Wenn je die Zivilisation über sich erröthen und das Bedürfniß nach einem anderen Zustande empfinden muß, so heute, wo alle ihre Illusionen zerstört sind; wo ihre Freiheit als der Weg zur Anarchie erkannt ist, ihre Zerwürfnisse zum Despotismus führen und ihre Handelsmaximen den Wucher, den Betrug, den Bankerott begünstigen, die Nationen schließlich unter das Joch des Monopols beugen und zur Dürftigkeit und Verarmung der Masse führen. So lösen sich alle Chimären von der Vollkommenheit dieser Gesellschaft auf, wodurch man uns in ihren Schafstall führte.“
„Will die Wissenschaft zum Ziele kommen, so muß sie folgende Grundsätze zur Richtschnur ihrer Bethätigung nehmen:
„Sie muß 1. das ganze Gebiet des Wissens erforschen und muß festhalten, daß nichts gethan ist, so lange noch etwas zu thun übrig bleibt; 2. die Erfahrung zu Rathe ziehen und sie zum Führer nehmen; 3. vom Bekannten zum Unbekannten vermittelst der Analogie vorschreiten; 4. von der Analyse zur Synthese übergehen; 5. nicht glauben, daß die Natur auf die uns bekannten Mittel beschränkt ist; 6. die Spannkräfte im ganzen sozialen und materiellen Mechanismus vereinfachen; 7. sich nur an die durch das Experiment festgestellte Wahrheit halten; 8. sich an die Natur schließen; 9. beachten, daß aus Irrthümern entstandene Vorurtheile keine Prinzipien sind; 10. die Thatsachen beobachten, die wir kennen lernen wollen und sich solche nicht vorstellen; 11. vermeiden, daß zum Schließen Worte mißbraucht werden, die man nicht versteht; 12. vergessen, was wir gelernt haben! Man muß die Ideen wieder an ihrer Quelle aufnehmen und die menschliche Einsicht wieder herstellen. Alsdann wird man zu der Einsicht kommen, daß Alles im System der Natur verbunden ist, und daß es zwischen ihren Theilen eine Einheit giebt. Der Mensch, als einer ihrer edelsten Theile, muß in Uebereinstimmung sein mit den Harmonien des Weltalls, also mit der mathematischen oder rationellen Harmonie, der planetären oder sozialen, der musikalischen oder sprechenden. (Einheit der Sprache, Weltsprache.) Ist der Mensch also bestimmt, sich den Harmonien zu assimiliren, so muß er das Band suchen, das ihn mit Allem vereinigt, dieses Band ist die Synthese von der Attraktion der Triebe.“
Fourier fährt dann fort: Er wolle an der Hand von Prinzipien, welche nicht er, sondern die Philosophen feststellten, die Erforschung der sozialen Bewegung vornehmen. Man werde sehen, wie die Sophisten, trotz solcher vortrefflichen Führer, wie ihre Prinzipien, auf alle Klippen geworfen wurden und der Menschheit nur sieben Geißeln brachten: Dürftigkeit, Betrug, Unterdrückung, Menschenschlächterei, klimatische Exzesse (Folge von Waldverwüstungen etc.), Krankheiten erzeugende Gifte, dogmatische Finsterniß. Es sei in der Natur begründet, daß jede soziale Periode ihre Aufmerksamkeit auf Fragen richte, die sie zu einer höheren Stufe der Entwicklung führten; so beschäftige man sich unter den Zivilisirten mit zwei Wegen, dem Handelssystem und der Freiheit. Das seien die beiden Paradepferde der Philosophen, die sie mit Vorliebe ritten. Man wolle die freie Zirkulation im Handel und komme zum Seehandelsmonopol; man wolle die Meinungsfreiheit und komme zur Herrschaft der Denunzianten und des Schaffots.[10]
Nach der Gesundheit und dem Reichthum sei nichts werthvoller, als die Freiheit, diese müsse man in körperliche und soziale Freiheit scheiden. Der Gewohnheit entsprechend, Alles nur einseitig anzusehen, habe man nicht erkannt, daß die Freiheit zwei- und mehrseitig sein könne. Tausend Jahre vergingen, ehe man nur an die körperliche Freiheit (die Beseitigung der Sklaverei) dachte. Plato und Aristoteles hielten die Sklaverei für nothwendig. Letzterer erklärte sogar, „der Sklave sei der Tugend nicht fähig“. Unter dem Christenthum wurde die körperliche Freiheit allmälig durchgesetzt, aber noch existirte die Sklaverei vielfach.
„Aber was ist diese körperliche Freiheit werth ohne die soziale? Der Bettler hat ein Einkommen, das kaum zum Leben genügt, trotzdem genießt er größere Freiheit als der Arbeiter, der, um leben zu können, an die Arbeit gefesselt ist. Doch seine Triebe bleiben unbefriedigt. Er will in's Theater gehen, aber er hat kaum genug, um sich zu nähren, er möchte Volksvertreter werden, aber dazu gehört ein großes Vermögen.[11] Mit dem stolzen Titel, ein freier Mensch zu sein, hat er nur den Dunst statt der Wirklichkeit der sozialen Freiheit; er ist nur ein passives Mitglied der Gesellschaft. Streng genommen hat der Arbeiter nur einen Tag in der Woche, den Sonntag, wo er körperlich frei ist, alle anderen Tage ist er gebunden. So sehen wir die Freiheit nur sehr einfach, rein körperlich. Doppelt ist die Freiheit, wo sie körperlich und sozial aktiv ist; sie genießt der Wilde. Der Wilde berathschlagt über Krieg und Frieden, wie bei uns ein Minister; er hat, soweit dies überhaupt in seiner Horde möglich ist, den freien Aufschwung der Triebe seiner Seele, er genießt eine Sorglosigkeit, die der Zivilisirte nicht kennt. Er muß zwar jagen und fischen, um sich zu ernähren, aber das sind anziehende Beschäftigungen, die ihm die körperliche aktive Freiheit nicht nehmen. Eine Arbeit, die Freude macht, wird nicht als drückende Verpflichtung empfunden. So geht's auch dem Kaufmann; wenn er Stoffe ausbreitet, flott Lügen verzapft und dabei seine Waaren verkauft, so ist ihm das ein Vergnügen; er würde sehr mürrisch und grämlich sein, wenn kein Käufer käme und er weder lügen noch verkaufen könnte.“