„Die Sorglosigkeit, dieses Glück der Thiere, dieses Recht des Wilden, genießt man in der Zivilisation nur im Besitz großer Schätze. Aber neun Zehntel der Zivilisirten, weit entfernt, dem nächsten Tag ohne Sorgen entgegensehen zu können, sind mit täglichen Sorgen überladen und müssen eine widerwärtige und aufgezwungene Arbeit erledigen. Den Sonntag eilen sie dann in die Schenken und an die Vergnügungsorte, um wenigstens für einige Augenblicke eine Sorglosigkeit zu genießen, die so viele Reiche, von der Unruhe verfolgt, vergebens suchen.“
„Die Rechthaber (ergoteurs) werden sagen, die Sorglosigkeit sei eine Charaktereigenschaft und kein Recht; aber sie wird ein Recht, indem sie im Zustand der Zivilisation geächtet ist, wo man die Leichtlebigkeit als entehrend betrachtet und laut verurtheilt. Versucht ein mit wenig Glücksgütern bedachter Familienvater sich mit den Seinen einem Vergnügen zu überlassen und verläßt er seine Werkstatt, ohne für Steuern, Miethe und die künftigen Bedürfnisse gesorgt zu haben, so belehrt ihn die öffentliche Meinung durch ihre Kritiken und der Steuereinnehmer durch seine Exekutoren, daß er kein Recht zur Sorglosigkeit habe, und er muß, trotz seines Hangs dazu, sich derselben entschlagen. Ueberdies ist schon die zivilisirte Erziehung systematisch darauf bedacht, den Geschmack an der Sorglosigkeit zu bekämpfen, ein Vergnügen, dessen freie Entfaltung in der Harmonie durch nichts beeinträchtigt wird.“
„Der Wilde genießt diese Sorglosigkeit und beunruhigt sich nicht über die Zukunft. Wäre es anders, fürchtete er daß seine Kinder, seine Horde Hunger litte, er würde die Anerbietungen an Ackerbaugeräthen und den notwendigen Gegenständen für die Kultur des Bodens, welche die Regierungen der Zivilisirten ihm machen, annehmen. Aber er will keins seiner Rechte einbüßen. Gäbe er seine Sorglosigkeit auf, er würde allmälig seine ganze Freiheit, alle seine Rechte verlieren. Er macht freilich diese Berechnung nicht, aber die Natur macht sie für ihn. Die Attraktion leitet ihn auf den rechten Weg, wie man später sehen wird.“
„Den einzigen plausiblen Einwand, den man gegen dieses Glück des Wilden machen kann, ist, daß die Frauen es nicht genießen: die Frauen bilden die Hälfte des Menschengeschlechts und sie haben bei den Wilden eine sehr tiefe und unglückliche Stellung.“
„Nichts wahrer als das. Aber wenn ich diese Thatsache nicht anführte, die Philosophen würden keine Notiz davon nehmen, denn sie selbst haben die Gewohnheit, die Frauen für Nichts anzusehen. Von den drei Geschlechtern, aus denen das Menschengeschlecht sich zusammensetzt, dem oberen, den Männern, dem niederen, den Frauen, und dem gemachten oder neutralen Geschlecht, den Kindern, sehen sie nur ein Geschlecht und arbeiten nur für dieses, für das obere oder männliche. Aber welches Glück verschafften diesem die Philosophen? Statt der sieben Rechte, aus welchen die Freiheit sich zusammensetzt, nur die sieben Geißeln.“
„Ich bin einem vorauszusehenden Einwand bereits begegnet, indem ich die Freiheit des Wilden als divergirend zusammengesetzt bezeichnete; sie ist in doppelter Weise divergirend; sozial, durch die Unverträglichkeit des sozialen Körpers, Horde genannt, mit der industriellen Arbeit oder Bestimmung, materiell durch Ausschließung des weiblichen Geschlechts, das wenig oder gar nicht an den sieben natürlichen Rechten theilnimmt.“
Trotzdem, so führt Fourier weiter aus, stehe der männliche Wilde durch den Genuß der genannten sieben Rechte an Freiheit über der großen Mehrheit der Zivilisirten, welche die immense Mehrheit beider Geschlechter von diesen Vortheilen ausschlösse. Die Zivilisation schulde für das Ausgeben dieser natürlichen Rechte einem Jeden ein Minimum an Lebensnothwendigkeiten, Kleidung, Wohnung, und zwar proportional der sozialen Stellung, zu der er gehöre, denn nothdürftig genährt, gekleidet und logirt werde man auch in den Armenhäusern, wo der Mensch aber nichts als ein Gefangener und sehr unglücklich sei.
Statt den Zivilisirten für den Verlust seiner sieben natürlichen Rechte durch eine menschenwürdige Existenz zu entschädigen, garantirten ihm unsere Publizisten einige Träumereien und Gaskonnaden, wie: „daß er stolz sein dürfe auf den Namen eines freien Mannes und das Glück habe, unter einer Verfassung zu leben.“ Diese Lächerlichkeiten verdienten nicht einmal den Namen der Illusion und befriedigten keinen Arbeitenden, der vor Allem nach seinem Geschmack zu essen, sorglos und vergnügt zu leben wünsche.
„Der sozietäre Zustand garantirt dem Volk die sieben Rechte des Wilden in Fülle, indem er ihm ein ausreichendes Aequivalent bietet; er gewährt jedem Menschen so viel Wohlsein, daß z. B. Niemand mehr auf den Gedanken kommt, zu stehlen, was er so haben kann, oder daß er sich durch eine Handlung in der öffentlichen Meinung mehr zu Grunde richtet, als er durch eine schlechte Handlung zu gewinnen vermag. Schließlich werden alle Kinder in den Begriffen der Ehre erzogen und können alle Bequemlichkeiten des Lebens reichlich genießen. Es wird also Niemand mehr an Diebstahl denken, wo Alle im Ueberfluß leben.“
„Die Zivilisation, indem sie den Menschen der sieben Rechte des Wilden beraubt, gewährt ihm keinerlei entsprechende Aequivalente. Fragt einmal einen unglücklichen Arbeiter der Zivilisation, der keine Arbeit und kein Brot hat, vom Gläubiger und Exekutor bedrängt wird, ob er nicht lieber wie der Wilde das Recht der Jagd und des Fischfangs, des Früchtesammelns und der freien Weide seinem Zustand vorziehe und er wird keinen Augenblick zögern, sich für den Wilden zu entscheiden. Was giebt ihm die Zivilisation für seinen Verlust? Das Glück, unter der Verfassung zu leben. Dem Hungernden ist nicht damit gedient, daß er, anstatt eine gute Mahlzeit zu genießen, die Verfassung lesen kann; es heißt den Nothleidenden in seinem Elend beleidigen, wenn man ihm eine solche Entschädigung bietet.“