„Die verkehrte oder gefälschte Anziehung herrscht dort, wo die Arbeit den Trieben Verstimmung erzeugt. Das ist der Fall, wo der Arbeiter nur dem Zwang gehorcht, wo seine Arbeitskraft gekauft ist, wo moralische Erwägungen ihn treiben, aber weder Freudigkeit für, noch Geschmack an der Thätigkeit vorhanden ist. Diese Nichtattraktion kann in der Phalanx nicht existiren, sie herrscht aber in sieben Achteln der Arbeiten der Zivilisation vor. Diese Zivilisirten hassen ihre Thätigkeit, sie üben sie entweder aus Hunger oder Langeweile, sie erscheint ihnen eine Strafe, zu der sie trägen Schrittes, mit trübsinnigem, niedergedrücktem Aussehen gehen.“
„Der Gewinnanreiz, der bei den für Lohn oder Gehalt Arbeitenden nur eine divergirende Anziehung ausübt, kann in der Assoziation oft ein edles Hülfsmittel sein. Zum Beispiel es handele sich um eine Erfindung wie die, die Rauchverbrennung herbeizuführen. Hier handelt es sich um Gewinn und Ruhm. Wer das Mittel entdeckt, empfängt von der Phalanx fünf Franken, da aber eine Million Phalanxen auf dem Erdboden bei dieser Erfindung interessirt sind, so erhält er fünf Millionen Franken und empfängt außerdem als Erfinder das Diplom als einer der Magnaten des Erdballs, wodurch er auf der ganzen Erde die diesem Rang zugebilligten Ehrenbezeugungen empfängt.“
„Durch diese Form der Belohnung für allgemein nützlich oder angenehm erkannte Leistungen wird selbst in den kleinsten Dingen der Gewinn enorm sein. Wird für eine Ode oder Symphonie eine Belohnung von zwei Sous gewährt und erklären sich bei der Abstimmung 500.000 Phalanxen für dieselbe, so werden dem Dichter oder Komponisten 50.000 Franken ausgezahlt. Er empfängt zu diesem Zweck die entsprechende Anzeige von dem Weltkongreß, und wird diese Summe ihm in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, ausgehändigt. So wird Jeder für außergewöhnliche Leistungen in demselben Verhältniß Belohnungen und Ehren empfangen, als diese Anerkennung finden. Denn nur diejenigen Phalanxen steuern, die sich zu Gunsten einer Leistung aussprachen, sie also für würdig erachteten und werthvoll fanden.“
„Die indirekte Anziehung wird man in der Zivilisation selten finden, sie kann nur durch einen mächtigen Anstoß angeregt werden. Ein Beispiel. Im Jahre 1810 gerieth bei Lüttich eine Kohlenmine in Brand und wurden achtzig Arbeiter, ohne Nahrungsmittel zu haben, darin eingeschlossen. Um sie zu befreien, mußte in wenig Tagen ein bedeutender Durchstich fertiggestellt werden. Alle Kameraden der Eingeschlossenen gingen mit Feuereifer an die Arbeit, Jeder setzte eine Ehre darein, das Höchste zu leisten, und nach vier Tagen war eine Arbeit vollbracht, zu der man sonst mindestens zwanzig gebraucht hätte. Es war nicht der Geldgewinn, der sie trieb, denn die Arbeiter wiesen jede Belohnung als eine Beleidigung zurück, es war der Drang, ihre Genossen um jeden Preis zu retten. So kann also die widerlichste unangenehmste Arbeit indirekt anziehend werden, wenn edle Impulse ihr zu Hülfe kommen.“
Fourier erläutert nun weiter die innere Organisation und Verwaltung der Phalanx. „In der Zivilisation kennt man keine andere Rangordnung, als die nach Stand und Vermögen; die sozietäre Ordnung dagegen wendet eine uns heute gänzlich unbekannte Klassifikation an, diejenige der Charaktere nach dem Lebensalter und nach Temperamenten. Die verschiedenen Alter vom dritten Lebensjahre an bis zum Greisenalter theilen sich in sechzehn Stämme (tribus) und, den beiden Geschlechtern entsprechend, in zweiunddreißig Chöre.“ Die Kinder vom frühesten Lebensalter — bis zu einem Jahre Säuglinge, bis zum zweiten Poupons und bis zum dritten Lutins genannt — zählen als unentwickelt noch nicht mit. Jeder der sechzehn Stämme hat seine besondere Bezeichnung. Stamm Nr. 1, 3–4½ Jahre zählend, umfaßt die Bambins; Nr. 2, 4½–6½ Jahre, die Cherubins; Nr. 3, 6½–9 Jahre, die Seraphins; Nr. 4, 9–12 Jahre, die Lyzeisten; Nr. 5, 12–15½ Jahre, die Gymnasiasten; Nr. 6, 15½–20 Jahre, die Jugendlichen. Die weiter folgenden Stämme sind nicht streng nach den Lebensaltern geregelt; die drei letzten, aus den höchsten Lebensaltern gebildet, heißen: die Ehrwürdigen, die Verehrten, die Patriarchen. Abgesehen von den sechs ersten Stämmen, für die eine besondere Organisation und ein besonderes Erziehungssystem besteht, wobei beim Aufsteigen von einem Stamm in den andern besondere Prüfungen verlangt werden, hat diese Stammeseintheilung kaum einen praktischen Zweck, wenigstens ist er nicht zu erkennen. Nur die ältesten Stämme haben gewisse Ehrenposten in der Phalanx inne, sie sind aber ohne wesentlichen Einfluß.
Die werthvollste Anwendung von dieser Stufenleiter wird bei den Kindern gemacht, sie soll die natürliche Erziehung erleichtern und den Korpsgeist erzeugen, mit Hülfe dessen sie mit Eifer zu den Studien und zu den Arbeiten hingezogen werden. Sobald die Kinder in das Reifealter übergetreten sind, besuchen sie wie die älteren Lebensalter täglich die Börse, wo alle Abmachungen für die Arbeiten und die Vergnügungen des nächsten Tages besprochen und geordnet werden.
Die oberste Leitung der Phalanx liegt in den Händen der Regentschaft. Diese wird aus den Mitgliedern des Areopags gewählt, der sich zusammensetzt: 1. aus den Chefs aller Serien; 2. aus den drei ältesten Stämmen: den Ehrwürdigen, Verehrten und Patriarchen; 3. aus den Aktionären und 4. aus den Magnaten und Magnatinnen der Phalanx. Der Areopag hat wenig zu thun, da sich Alles durch Anziehung und den Korpsgeist der Stämme, Chöre und Serien regelt; er giebt nur über wichtige Geschäfte, wie die beste Erntezeit, die Weinlese, Neubauten etc., seine Meinung kund, doch ist diese Meinung nicht verpflichtend. „Weder sind der Areopag noch die Regentschaft mit lächerlichen Verantwortlichkeiten belastet, wie z. B. ein Finanzminister in der Zivilisation.“ Das Rechnungswesen ist Sache einer besonderen Serie, welche die Bücher führt, die jedes Mitglied der Phalanx einsehen kann. Ueberdies ist das Rechnungswesen so einfach wie möglich. Tägliche Zahlungen giebt es nicht, jedes Mitglied hat, entsprechend seinem Vermögensantheil und dem voraussichtlichen Arbeitsertrag, Kredit. Ebenso rechnen die verschiedenen Phalanxen auf Grund ihrer Bucheintragungen von Zeit zu Zeit miteinander ab. Die Rechnung für die Einzelnen wird am Ende des Jahres, wenn die Bilanz gezogen ist und die Vertheilungen vorgenommen werden, beglichen. Dasselbe Verfahren wird seitens der Phalanxen dem Fiskus gegenüber beobachtet, der vierteljährlich seine Steuern für die Gesammtheit der Mitglieder einer Phalanx pünktlich, und bei dem viel ergiebigeren Ertrag aller Arbeit auch in entsprechend höheren Beträgen, abgeführt erhält. Herr Fiskus erspart also seine gesammten Steuerbeamten, Exekutoren und die für diesen Zweck in Thätigkeit zu setzenden Gerichtsbeamten. Ebenso geben die industriellen Armeen, worunter diejenigen Abordnungen der Phalanxen verstanden werden, welche sich in einem mehr oder weniger entfernten Lande oder in einer Provinz mit Abordnungen anderer Phalanxen zu gemeinsamen, besonders gearteten größeren Arbeitsleistungen zusammenfinden, auf ihrer Reise einfache Schuldverschreibungen ab, die der betreffenden Phalanx präsentirt und von dieser berichtigt werden. Da nun solche industriellen Armeen ziemlich oft zusammentreten und Reisen unternehmen, ist jedes Phalansterium mit den entsprechenden Unterkunftsräumen für Menschen und Thiere versehen. Ferner haben die Kinder keinen Vormund mehr nöthig, das große Buch der Phalanx hat für jedes derselben sein Konto und verwaltet seinen Besitzstand und sein Einkommen. Die Kinder können sogar vom fünften Lebensjahre ab schon über ihr Einkommen verfügen.
Fourier geht nun über zur Kostenberechnung für die Gründung einer Phalanx. Diese veranschlagt er auf fünfzehn Millionen Franken. Das Hauptgebäude, ungefähr 500 Fuß lang und 250 Fuß tief, bilden zwei hintereinander liegende, durch Gallerien verbundene parallel laufende Bauten und besteht aus Parterre, Entresol und vier Etagen. Das Zentrum des Gebäudes tritt nach hinten zurück, wodurch ein großer freier Platz zwischen den Flügeln entsteht, der als Paradeplatz Verwendung findet. Der Raum zwischen den beiden parallel laufenden Bauten ist mit Blumenparterren, Orangerien, Springbrunnen ausgefüllt. Der große Mitteleingang führt in eine mächtige Säulenhalle, von wo Gallerien und Treppen nach allen Theilen des Gebäudes fuhren. Im Parterre des Mittelraums befindet sich der große Wintergarten. Die Alten wohnen in den Parterreräumen, die Kinder im Entresol. In den Flügeln der ersten Etage logiren die reichen Phalansterianer, in der Mitte der ersten Etage befindet sich der Börsensaal, die Speise- und Vergnügungssäle. Außerdem giebt es eine Menge Räume für kleine Gesellschaften. Die oberste Etage bleibt für die Fremden und die Besucher reservirt. Küchen und Bäder befinden sich im Souterrain. Die Werkstätten, Waaren- und Getreidelager und Stallungen liegen symmetrisch geordnet dem Hauptgebäude gegenüber, getrennt durch eine breite mit Bäumen und Blumenbosquets bepflanzte Straße. Alle Passagen und Uebergänge sind gegen die Unbilden der Witterung geschützt und im Winter erwärmt. Hinter den beiden Flügeln des Hauptgebäudes liegen rechts und links die Kirche und das Theater, beide ebenfalls durch verdeckte Gänge mit dem Wohngebäude in Verbindung stehend.
Die Thätigkeit der Phalanx wird sich besonders erstrecken auf die Vieh- und Geflügelzucht, eine Thätigkeit, die namentlich in der ungünstigsten Jahreszeit ausgenutzt werden kann. Garten- und Feldbau wird im ausgedehnteren Maßstab betrieben, und wird während der milden Jahreszeit die meisten Hände in Anspruch nehmen. Die Küchenarbeiten mit ihren umfänglichen Vorarbeiten erfordern Tag für Tag eine große Anzahl verschiedener Kräfte. Der Küche werden die Phalansterianer eine besondere Sorgfalt schenken, denn gut zu essen betrachten sie als eine ihrer vornehmsten Pflichten, und daher wird allen Thätigkeitszweigen, die mit der Küche in Verbindung stehen, eine besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Dazu gehören also insbesondere Gemüse und Obstzucht, Vieh- und Geflügelzucht, Fischzucht, Wildpflege, Konservenbereitung. Manufakturen und Gewerbe sollen nach Bedürfniß eingerichtet und hauptsächlich im Winter betrieben werden.
Die Phalanx richtet ihre ganze Thätigkeit und ihr Bestreben dahin, daß Alles, was sie leistet, sich durch Solidität wie durch Schönheit und Geschmack auszeichnet, sie sucht mir einem Wort in Allem das Vollendete zu liefern. Dadurch wird sie im Vergleich zu der Zivilisation in vielen Dingen geringere Quantitäten an Produkten verbrauchen, z. B. an Tuchen, Kleidungsstoffen, Möbeln, Werkzeugen.