„Durchschnittlich betrachten die Männer die Ehe als eine Falle, die ihnen gestellt wird, und so sind es die Väter selbst, welche ihre Söhne veranlassen, das eheliche Band von diesem Standpunkt aus anzusehen. Und warum? Weil sie aus eigener Erfahrung wissen, daß der Reinfall unreparirbar ist. Und indem sie sich bemühen, ihre Söhne von dieser Wahrheit zu überzeugen, machen sie dieselben für den Ehehandel habgierig und verschlagen.“
„So kommt es, daß die „Dreißigjährigen“ oder Ehestandskandidaten sich in Berechnungen erschöpfen, ehe sie zum ersten Schritt sich entschließen. Nichts spaßhafter, als die Unterweisungen zu hören, die sie sich gegenseitig geben über die Art und Weise, der künftigen Gattin das Joch aufzuerlegen und sie günstig für sich einzunehmen. Nichts merkwürdiger, als diese vertraulichen Zusammenkünfte (consiliabules) der Junggesellen, in welchen an den zu heirathenden Mädchen die kritische Analyse vorgenommen wird, und zu beobachten die Fallstricke der Väter, die sich ihrer Töchter entledigen wollen. Der Schluß aller Debatten ist, daß man auf Geld sehen müsse, daß, wenn man das Risiko trage, von der Frau betrogen zu werden, man wenigstens nicht auch mit dem Heirathsgut betrogen sein wolle. Nehme man einmal eine Frau, so müsse man sich eine Entschädigung für die Unzuträglichkeiten sichern, die die Ehe mit sich bringe. Das nennt man nach einem Kunstausdruck „die Anhaltseile (les attrapes) fassen“.
Und wie die Männer räsonniren, so räsonniren ähnlich die Frauen. Fourier hebt dann die Widersprüche in dem ehelichen Zustande hervor, daß der Mann, der sonst alle Freiheit für sich beanspruche und die Frau unterdrücke, im wichtigsten Punkt der Ehe öffentliche Meinung und Gesetz gegen sich habe, wobei man wohl beachten will, daß es sich um die Schilderung französischer Zustände handelt, wonach noch bis in die neueste Zeit das Gesetz die Untersuchung über die Vaterschaft untersagte. Dieses Gesetz, von der Männerwelt zu ihrem Schutze entworfen, schlägt in den Fällen, die Fourier hier im Auge hat, zu ihrem Schaden und ihrer Schande aus.
Er sagt: „Trotz des Unterdrückungssystems, das auf den Frauen lastet, haben sie das einzige Privilegium, das ihnen verweigert sein sollte, sich bewahrt, dasjenige, den Mann zu nöthigen, ein Kind, das nicht das seine ist und auf dessen Angesicht die Natur selbst den wahren Namen des Vaters geschrieben hat, als das seine anzunehmen.“
„In dem einzigen Fall, wo die Frau sich mit schwerer Schuld beladet, genießt sie den Schutz der Gesetze, und in dem einzigen Fall, wo der Mann auf's Schwerste beschimpft ist, hat er die öffentliche Meinung und das Gesetz übereinstimmend gegen sich, um seine Schmach zu verschlimmern.“
Darüber gießt nun Fourier seinen Spott aus: „Oh!“ ruft er. „Wie die Zivilisirten, die so strenge Verfolger der Verletzung der Keuschheit bei den Frauen sind, und diesen sie aufzwingen, so gutwillig sich unter das schmachvolle Joch beugen und eine Frucht offenbaren Ehebruchs bei sich aufnehmen und derselben ihren Namen und ihr Vermögen gewähren. So sind also die Wünsche der Philosophen erfüllt: In der Ehe ist es, wo die Männer wahrhaft „eine Familie von Brüdern“ werden, wo die Güter gemeinsam sind und das Kind des Nachbaren auch das unsere ist. Die Edelmüthigkeit dieser braven zivilisirten Ehemänner wird der Zukunft noch reichlich Gelegenheit zu Gelächter geben, und man muß einige dieser ergötzlichen Vorgänge aufbewahren, um die sonst schale Lektüre der Geschichte der Zivilisation etwas genießbar zu machen ...“
„Diese sehr weitgehende Duldung der Ehemänner gegen die schmachvollste Beleidigung und die Geschmeidigkeit der Gesetze über das Vergehen den Mantel zu decken, steht in Uebereinstimmung mit anderen Widersprüchen im Liebessystem der Zivilisirten. Die Verwirrung ist solcher Art, daß man auf der einen Seite eine Kirche und auf der anderen ein Theater sieht, zwei Anstalten, in welchen die entgegengesetzten Moralanschauungen vertreten und ein und denselben Personen gepredigt werden. In der Kirche lehrt man die Verabscheuung der Galanterien und der Wollust, und im Theater findet sich dasselbe Auditorium wieder, das man jetzt in die galanten Schliche und Raffinements aller Sinnenlüste einweiht. Eine junge Frau, die soeben eine Predigt hörte, in welcher ihr Achtung vor dem Gemahl und den höheren Gewalten gelehrt wurde, geht eine Stunde darauf in's Theater, um Unterricht in der Kunst zu empfangen, wie man den Gatten oder Vormund oder sonst einen Argus betrügt. Und Gott weiß, welche von den beiden Lehren bei ihr auf den fruchtbarsten Boden fällt. Diese wenigen Widersprüche genügen, um den Werth unserer Theorien von der Einheit der Handlung im sozialen Mechanismus in das rechte Licht zu setzen.“
Fourier ergeht sich nun weiter in Auseinandersetzungen über die Unnatur unserer sozialen Zustände, welche die Geschlechter mit ihren Trieben und den bestehenden gesellschaftlichen Anschauungen und Morallehren in fortgesetzte Widersprüche bringen und demoralisirend wirken. Wenn unsere gesellschaftlichen Gewohnheiten vorschreiben, daß der Mann durchschnittlich erst mit dem dreißigsten, das Mädchen mit dem achtzehnten Jahre heirathe, so liege auf der Hand, daß der Mann diese zwölf Jahre des Zölibats benutze, um alle möglichen illegitimen geschlechtlichen Verbindungen einzugehen. Rechne man auf jedes Jahr nur eine solche Verbindung, und zwar sechs in Beziehungen zur Prostitution, sechs im Ehebruch, so gewähre dieses einen traurigen Einblick in die Moral der Zustände, und man brauche nicht erstaunt zu sein, wenn junge Männer im mittleren Alter sich rühmten, schon mit mehr als zwanzig für anständig geltenden Frauen in intimsten Beziehungen gestanden zu haben.
„Der Zweck der Ehe soll sein, das häusliche Glück auf den guten Sitten und der Einigkeit der Familie zu gründen und die Wahrheit zur Geltung kommen zu lassen, denn Arglist und Perfidie müssen Uneinigkeit und Unordnung erzeugen. Man wird ferner zugeben, daß die Wahrheit in der Familie nicht herrschen kann, wenn sie nicht auch in der Liebe vorhanden ist. Sagen doch die Lobredner der zivilisirten Ehe selbst, „daß das häusliche Glück unzertrennlich von der Wahrhaftigkeit in der Liebe ist und daß, wenn das Gleichgewicht in den Beziehungen der Liebe mangelt, auch das Gegengewicht in den Beziehungen der Familie fehlt. Herrscht die Unwahrheit in der Liebe, herrscht sie nothwendig in der Familie und in der Häuslichkeit.“ Wie verträgt sich aber das Eheglück mit dem Bestand der Serails in allen zivilisirten Ländern? Die christlichen Kolonisten haben diese überall aus Negerinnen gebildet; die ernsten, so moralisch scheinenden Holländer bilden sie in Batavia mit Frauen aller Farben. Und wie viele heimliche Häuser giebt es bei uns, die, äußerlich anständig aussehend, in Wahrheit niedliche Serails sind, die im Geheimen jedem reichen und angesehenen Manne offen stehen.“
„Der reiche Zivilisirte hat die volle Freiheit, sich sein Serail zu bilden, eine intelligente Matrone in sein Landhaus zu setzen, die ihm Frauen und Mädchen, sogar von hoher Geburt, beschafft. Und neben diesem fixen oder geschlossenen Serail giebt es das vage oder freie. Ueber dieses erzählt uns Ritter Joconde auf der Bühne. „Ich bin nicht auf Treue versessen, ich eile von Liebschaft zu Liebschaft. Ich liebe nie nur eine Schöne, auch liebe ich sie selten länger, als einen Tag. Es ist nicht Unbeständigkeit, vielmehr Klugheit, denn auf die Frauen, ich kenne ihren Leichtsinn, darf man sich nicht verlassen, und so verlasse ich sie, um nicht verlassen zu werden.“ So stellt sich das Leben dar, das unsere meisten reichen jungen Männer, die vom Glück begünstigt sind, führen. Und dieser Joconde wird auf der Bühne von Frauen und Männern beklatscht, wenn er solche Sitten rühmt. Man antwortet: Aber wer applaudirt? Es sind die Schwelger, welche diese Schauspiele besuchen. Darauf antworte ich: wenn Viele diese Sitten nicht nachahmen, geschieht es, weil sie es nicht können. Die Einen hält die Furcht vor Krankheiten, die Anderen das Interesse, der Korpsgeist, die öffentliche Würde, der Mangel an Mitteln zurück. Man lasse einmal Jedem die Zügel schießen, überlasse ihn der gesunden Natur und man wird sehen, daß die größte Zahl sich beeilt, das Beispiel von Salomo und Ritter Joconde nachzuahmen. Jeder junge mit Mitteln ausgestattete oder von der Natur ein wenig begünstigte Stadtbewohner besucht dieses freie Serail, ohne wie die Barbaren (die in der Polygamie leben) auch für die Kosten der Unterhaltung sorgen zu müssen, es giebt sogar eine gute Zahl dieser Herrchen, welche die Frauen plündern und arm essen.“