„Und ferner: Wie viele Frauen von hoher Stellung sind zu dieser Art Korruption geneigt! Es giebt Schriftsteller, die solchen Frauen ein Recht dazu zusprechen. Warum auch nicht? Doch schweigen wir, wenn wir von der guten Gesellschaft sprechen. Im Volke ist die Käuflichkeit der Liebe kein Geheimniß, man kennt die Tarife, wie die Preiskourante an der Börse. Man braucht darüber nicht erstaunt zu sein, wenn Walpole sogar öffentlich erklären konnte, er habe in seinem Portefeuille den Preiskourant für die Biederkeit des englischen Parlaments.[19] Wie muß unter solchen Sitten das häusliche Glück beschaffen sein, das auf die eheliche Treue und die Wahrhaftigkeit in den gegenseitigen Beziehungen begründet sein soll?“

„Und nun die geheimen Liebschaften. Diese bilden ein sehr umfängliches Kapitel, das für Paris allein sechs dicke Bände füllen würde. Alle diese Schliche sind nur Verletzungen der bürgerlichen, religiösen und Moralgesetze. Welche Auflehnung, welche Rebellion in dieser galanten Welt gegen Alles, was die Gesellschaft für unverletzbar erklärt. Wie kann man beim Anblick von so viel offenen und geheimen Verletzungen aller festgestellten Ordnung zögern, anzuerkennen, daß entweder das Regime der Liebe bei uns im Widerspruch mit der Wahrheit und der Moral organisirt ist, oder daß ein solcher Zustand unverträglich ist mit der Zivilisation, daß die Zivilisation der Antipode der Moral und der Wahrheit.“

„In den niederen Klassen herrscht vollkommene Emanzipation, dort existirt die freie Liebe offen. Und diese Klasse, die so offen die religiösen und die Moralgesetze verletzt, umfaßt die Hälfte der weiblichen Bevölkerung unserer großen Städte. Ich will nicht unsere Zofen und Zimmermädchen zitiren, die im Rufe stehen, keine Kenntniß von den Gesetzen der Enthaltsamkeit zu besitzen, wenigstens handeln sie, als hätten sie nie davon sprechen hören. Und wie in der kleinen, so ist es in der großen Welt. Bei den Leuten comme il faut hat der Ehemann seine bekannten Maitressen und die Dame vom Hause ihre anerkannten Liebhaber. Das gehört zur Harmonie der Haushaltung und das heißt man: „man muß zu leben wissen“ (il faut savoir vivre). Manchmal entsteht allerdings eine kleine Unzuträglichkeit daraus; man weiß nicht, von welchem Vater die Kinder sind. Doch zum Glück verbietet das Gesetz, nach der Vaterschaft zu forschen. Schlimmsten Falles erklärt der Hausarzt bei dem Fehlen jeder Aehnlichkeit, wodurch der Ursprung des Kindes verdächtig werden kann, daß die Frau während ihrer Schwangerschaft von dem Anblick irgend einer fremden Physiognomie betroffen worden sei. Schließlich hat auch der arme Ehemann schlechten Dank, wenn er gegen den Wortlaut des Gesetzes und die Zeugenschaft des Arztes aufkommen will. Das Eine ist so unfehlbar wie das Andere. Auch gehört es in der guten Gesellschaft zum guten Ton, nicht eifersüchtig zu sein. Man hat meist geheirathet eines guten Heirathsgutes oder sonst eines Vortheils wegen, und man wurde darin vielleicht nicht getäuscht, also muß man in anderer Beziehung nachsichtig sein, und schließlich heißt es: „was Dir recht ist, ist mir billig.“

„So giebt es in der Welt der Zivilisirten nur Lacher und Betrogene. Die Moral und die Ehe werden benutzt, um die Orgie zu maskiren, und Alle erreichen ihren Zweck. Unsere Kritik erscheint abgedroschen, doch für die Partisane des Zwangs war eine Antwort am Platze, man muß sie in Verwirrung setzen, indem man ihnen die Früchte ihres Systems vor Augen hält.“

„Aber diese Engherzigkeit und Unwahrheit des Familienbandes hat auch nach anderer Seite für die Entwicklung der Gesellschaft ihr Schlimmes. Nichts ist in unserem sozialen Leben von Dauer. Der zufällige Tod des Familienhauptes kann alle seine Unternehmungen in Frage stellen. Die Theilung der Erbschaft, der Umstand, daß den Söhnen die Eigenschaften des Vaters und seine Kenntnisse fehlen, wie zwanzig andere Ursachen, können das ganze Werk des Vaters stürzen. Seine Pflanzungen werden zerstückelt, an Andere überlassen, oder sie verfallen; seine Werkstätten gerathen in Unordnung, seine Bibliothek kommt in die Hände des Büchertrödlers, seine Gemälde in die des Händlers. Genau das Gegentheil hat in der Phalanx statt. Alles wird erhalten und vervollkommnet, der Tod eines Individuums beunruhigt in nichts die industriellen Dispositionen und das Gemeinwesen.“

„Ferner: Ein Industrieller wünscht sich einen Sohn, der ihn ersetzt und seine Arbeiten weiter führt, aber das Schicksal giebt ihm nur Töchter; sein Name erlischt. Er fände wohl geeignete Fortsetzer, aber in Klassen, die durch Vermögen und Lebensstellung ihm nicht zusagen. Ein ander Mal verweigern die Kinder ihm zu folgen, oder sie sind gänzlich unfähig. Oft ist es wieder der überreiche Kindersegen, der Erziehungsausgaben verursacht, welche die Unternehmungen des Vaters schädigen; seine undankbare Arbeit genügt kaum, die Kinder zu erziehen und ihnen eine Existenz zu gründen, und zum Dank für so viel Anstrengungen merkt er, daß dieses oder jenes seiner Kinder ihm den Tod wünscht, aus Ungeduld, in den Besitz der Erbschaft zu kommen. Oefter treten andere eheliche und häusliche Unannehmlichkeiten ein, deren Zahl eine sehr große ist. Ein Geschäftsmann wird entmuthigt durch ungehöriges Betragen seiner Frau oder seiner Kinder, durch Geldschneidereien von am Geschäft Betheiligten, durch Verleumdungen und Prozesse seiner Neider, durch den Verlust eines Kindes, auf dem seine ganze Hoffnung ruhte. Nicht selten sieht man Eltern über den Verlust eines Lieblingskindes dem Tiefsinn verfallen; sie haben kein Gegengewicht gegen solch ein Unglück, noch gegen andere, die sie treffen. Solch ein Familienleben ist ein stetes Straucheln, eine Pandorabüchse. Wie kann man annehmen, daß Gott die Industrie und die menschliche Thätigkeit auf einen so kritischen Boden für die, welche die Leiter sind, und noch viel mehr für Diejenigen, welche die Untergebenen sind und ausführen, hat gründen wollen?“

„Weder die Politik noch die Moral wissen die industrielle Anziehung zu schaffen, sie nehmen nur die Arglist zu Hülfe; sie rühmen die Freuden der Ehe, wenn auch ohne Vermögen, und bauen ihr ganzes soziales System darauf, den Armen zur Ehe zu bringen, damit er unter der Last der Kinderzahl, um die Hungernden zu nähren, zu fleißiger Arbeit gezwungen werde. So kommt es, daß sieben Achtel dieser Väter rufen: „Oh! in welche Galeere bin ich gerathen.“ Es war der geheime Zweck der Moralisten, mit ihrem Lob von der süßen Ehe diese Falle zu legen; damit erreichen sie, daß sie einen Ueberfluß an Rekruten für die Armee und an hungernden Arbeitern für die Fabriken haben, die um niedrigen Preis arbeiten, damit die Unternehmer sich bereichern können.“

„Die weitere Folge dieses ganzen Systems ist der Widerwille gegen die Arbeit, der schon beim Kinde stark ausgeprägt ist; es arbeitet nur aus Furcht vor Züchtigung. Aber die Unordnung steigert sich in dem Maße, wie es zur Reife kommt. Die Liebe stellt sich ein und vermehrt den Widerwillen gegen die Zwangsarbeit und verleitet zu Ausgaben für Beziehungen, die den Wünschen des Vaters wie der Harmonie der Familie sehr entgegen sind. Man sollte meinen, das Aufbrechen der Liebe müßte, als eines neuen Hülfsmittels, den industriellen Mechanismus verbessern, denn wo ein neuer Faktor auftritt, sollte er das Spiel der Kräfte vervollkommnen. Das geschieht im sozietären Zustand, aber nicht in der Zivilisation. In der Harmonie wird die Liebe die industrielle Anziehung verstärken, durch sie wird der Jüngling wie die Jungfrau für die Vereinigungen der beiden Geschlechter in den Ateliers, den Gärten, den Wirthschaftsanlagen, an der Tafel immer neue Anreize finden. Die Wirkung in der Zivilisation ist die entgegengesetzte, sie erzeugt Beunruhigung der Eltern, nöthigt zu fortgesetzter Ueberwachung, verursacht Ausgaben für Putz und Geschenke und führt nicht selten zu Schulden und anderen Ausschweifungen der Jugend. So wird die Ehe für die Väter zu einem Pfad von Schwierigkeiten aller Art, mit wenig Ausnahmen für die Reichen, und die Erwachsenen werden durch die Liebe nur verdorben.“

„Ein anderes großes Uebel in der Familiengruppe ist, daß sie keine Freiheit gestattet. Man kann nach freiem Willen Freunde, Maitressen, Assoziés wechseln, aber man kann nichts an den Banden des Blutes ändern. Das ist ein Uebel, das man noch nicht wahrnahm und das so schwer ist, daß die Harmonie ihm viele es aufhebende Gegengewichte gegenüberstellen muß, unter Anderem die industrielle Adoption (wovon bereits gesprochen wurde) und die Theilnahme an der Erbschaft. Das Uebel herrscht, und seit lange, aber seine Herrschaft ist in unseren Tagen stetig gewachsen und zwar durch den Sieg des Handelsgeistes, der die Zivilisirten immer mehr erniedrigt und sie lügnerischer macht, als sie ursprünglich waren. Die Sophisten stellen die Frage: ob der Mensch von Natur lasterhaft sei und die meisten bejahen dies; man schließt also wie die mahommedanischen Fatalisten, welche die Pest für ein unumgängliches Uebel erklären, weil sie sich scheuen, Schutzmaßregeln gegen sie zu ergreifen. Unsere Philosophen ziehen dieselbe Straße; um sich davon zu befreien, ein Heilmittel zu suchen, erklären sie das Uebel als unabwendbare Bestimmung. Man muß nur die Schöngeister in irgend eine Angelegenheit sich mischen lassen und man kann sicher sein, daß sie dieselbe in Unordnung bringen.“

„In allen übrigen Vereinigungen verlangt der Mensch Freiheit der Bewegung und sucht die möglichste Ausdehnung seiner Verbindungen. Unsere Philosophen selbst predigen, daß man die philanthropische Freundschaft auf die ganze Menschheit ausdehnen und Alle als Brüder betrachten müsse, der Ehrgeiz solle uns treiben, uns mit den Freunden des Handels auf dem ganzen Erdboden zu verbinden, aber in Sachen der Liebe und des Familienbandes zwingt man uns in den möglichst kleinsten Kreis. Man überlasse die Liebe ihrem natürlichen Hang und überlasse ihr selbst, sich ihre Grenzen zu ziehen. Man wird sehen, daß ein Mann bald mit einer gleichen Zahl von Frauen wird zu thun gehabt haben, wie der weise Salomo, und daß die Frau ihrerseits es auch nicht an der Auswahl der Männer wird haben fehlen lassen. Diese Vielheit in der Liebe ist so natürlich, daß selbst ein altersschwacher Sultan sich nie auf eine einzige Frau beschränken läßt. In einem zukünftigen Zeitalter wird man diese Freiheit der Liebeswahl ganz natürlich finden, und ein Greis wird direkte und indirekte Nachkommen, Adoptivkinder und Erben in die hunderte haben. Dann wird das goldene Zeitalter der Vaterschaft angebrochen sein und wird die Freuden genießen, die sie im gegenwärtigen Zustand vergeblich sucht. Die Adoptionen und die Legate werden in der Harmonie so zahlreich sein, wie sie in der Zivilisation unmöglich sind; man wird die Fortsetzer (continuateurs) aus Passion haben, die Mangels an eigenen, von gleichen Trieben beseelten Kindern, das Begonnene weiter führen. Außerdem, welcher Egoismus, welche Eifersucht herrscht in unseren Familien, die nicht leiden, daß ein Außenstehender sich in die Neigungen des Vaters theilt: gezwungen sich an die eigenen Kinder zu halten, begegnet er nur zu oft in seinen Plänen und Unternehmungen den Antipathien derselben, muß er in ihnen die Zerstörer seines Werkes sehen. Es kann also kein Zweifel sein, daß das Familienband die antiökonomischste Verbindung ist und den Wünschen Gottes, welcher der höchste Oekonom ist, und mit Aufwendung der geringsten Mittel das Vollkommenste zu erreichen strebt, auf's Direkteste entgegensteht.“