So wird also Fourier in seinen eigenen Augen zu einem von Gott gesandten Erlöser der Welt von den sozialen Uebeln, wie Christus, seiner Lehre gemäß, der Erlöser aus geistiger Knechtschaft war. Die Utopisten und die Propheten rangiren in derselben Klasse, beide glauben an die Unfehlbarkeit ihrer Lehren, d. h. also an ihre eigene Unfehlbarkeit. Und dieser Glaube, „der Berge versetzt“, macht die Ausdauer und die Hartnäckigkeit begreiflich, womit sie allen Hindernissen trotzen, allen Einwürfen begegnen, und wenn die Umstände es erfordern, freudig zum Märtyrer ihrer Ueberzeugungen werden. Indem Fourier die geistige Macht der herrschenden Klassen auf's wuchtigste angriff, die erfahrungsgemäß und selbstverständlich sich auch mit seinem System nicht befreundet und es bekämpft haben würden, wenn er in seiner Kritik weniger scharf und bitter, in seinen Angriffen maßvoller und wenn er sein System mehr mit den herrschenden Zuständen in Einklang gebracht haben würde, suchte er in den Aussprüchen Jesu sich eine Waffe und eine Stütze zu schaffen. Das Priesterthum war trotz Allem, was die Revolution Uebles für es gebracht hatte, in Frankreich noch eine bedeutende Macht, weil die herrschenden Klassen sehr rasch erkannten, daß wenn sie seine Macht beseitigten, sie einen der Aeste absägten, auf denen sie selber saßen. Die einfache Klugheit gebot ihnen, sich mit der Kirche zu rangiren, und wer, wie Fourier, mit dem Bestehenden rechnete, und dies zur Basis seines Systems in so fern nahm, als er an die Einsicht und die Hülfe der oberen Klassen appellirte und sie in erster Linie, ja ausschließlich, zur Inangriffnahme einer Versuchsphalanx, die dann durch ihre Resultate unfehlbar seinem System zum Siege verhelfen würde, aufforderte, der mußte auch dem religiösen Kultus Rechnung tragen. So handelte also Fourier vollkommen logisch. Er that, was allen sozialen Neuerer das ganze Mittelalter hindurch auch gethan hatten. Allerdings ist er mit Jenen nicht in Vergleich zu stellen; er ragt eben so weit über sie hinaus, als ein genial angelegter Geist zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts über einen fanatischen Mönch des zwölften oder sechszehnten Jahrhunderts, dessen Hauptwissen in der Kenntniß der Bibel und den Schriften der Kirchenväter bestand, hinaus ragen konnte. Fourier ist, neben St. Simon, der letzte der Utopisten, dessen System sich auf die religiösen Lehren der herrschenden Kirche zu stützen versuchte, sie wenigstens als Anhängsel benutzte. Wohingegen alle sozialen Bewegungen des Mittelalters einen rein religiösen Charakter annahmen, und zwar so sehr, daß die meisten Geschichtsschreiber nur den religiösen Charakter der Bewegungen sahen, den sozialen — der mehr oder weniger auf einem rohen, auf die entsprechenden Aussprüche des Alten und Neuen Testaments gestützten Kommunismus beruhte — aber gänzlich übersahen. Unter dem geistigen Druck der Kirche und bei der Beschränktheit der Geister war im Mittelalter keine soziale Bewegung ohne ausgeprägt religiösen Charakter denkbar. Was im Mittelalter Hauptsache war, wurde natürlich bei einem Fourier zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts mehr Nebensache, es war eine Waffe und eine Stütze, die er glaubte nicht entbehren zu können. So erklärt sich die sehr gezwungene Auslegung, die er den meisten der zitirten Stellen geben mußte, wobei wir keineswegs behaupten, daß er sich dieses Zwangs bewußt war. Es ist selbst für mäßig begabte Kritiker, die in einer späteren, aufgeklärteren und klarer sehenden Zeit leben, leicht, die Mängel in den Systemen und Lehren vorangegangener bedeutender Geister scharf zu erkennen, aber daraus zu schließen, daß das, was sie erkannten, auch Jene leicht erkennen mußten, ist falsch. Andererseits läßt sich nicht leicht nachweisen, wo bei vorhandenen Widersprüchen eines Menschen die Ueberzeugung aufhört und die sog. Klugheit, Rechnungsträgerei oder gar der beabsichtigte Betrug beginnt. Der Beweis für Letzteres wird leicht zu führen sein, wo offenbare, grobe und direkte Widersprüche vorliegen, bei Fourier wird man diese nicht leicht nachweisen können. Sein System ist ein streng geschlossenes und gegliedertes System mit allen Vorzügen und Schwächen. Ein System, das in seiner Geschlossenheit selbst den Keim einer Religion enthält, weshalb nur eine Schule, keine Partei sich aus ihm entwickelte. Man kann eben so gut von einer Fourier'schen Sekte sprechen, wie Fourier selbst, und stets mit großer Geringschätzung, von einer Owen'schen oder St. Simonistischen Sekte sprach.


Glaubte Fourier durch die auszugsweise mitgetheilten Aussprüche den Beweis geführt zu haben, daß Jesus und das Neue Testament für seine Theorien sprächen, so geht er nunmehr dazu über, auch den Gegenbeweis zu Gunsten seiner Lehre zu erbringen, d. h. er sucht nachzuweisen, in welcher Unwissenheit sich die Modernen über Charakter, Eigenschaften, Gang und Ende der Zivilisation befänden, von der sie immer noch leichtgläubig genug die Vervollkommnung hofften. Er versucht ferner nachzuweisen, welche Wege sie betreten müßten, um allmälig in die sechste Entwicklungsperiode, die des Garantismus, zu gelangen. Daß die Zivilisation überhaupt sich zu vervollkommnen suche, zeige das unbewußte Streben, über sich selbst hinaus zu gehen, sich zu Garantien zu erheben, von denen einige Stückchen verwirklicht zu haben sie sich einbilde. Aber diese Garantien, wie das Geldsystem und die Versicherungen, verdanke sie mehr dem Zufall, dem Instinkt, aber nicht der Wissenschaft.

Es sei hier bemerkt, daß Fourier zwar die Einführung des Geldes als Fortschritt für ein besseres Ausgleichungssystem ansieht, aber auszusetzen hat, daß es „individuelles“ Geld sei, wie er es bezeichnet, also in den Händen des Privateigenthümers Mittel der Ausbeutung, des Betrugs und der Unterdrückung werde. Das Geld soll nach ihm gesellschaftliches Besitzthum sein, es würde also in seinem System Besitzthum der Phalanxen werden. Daß das Geld seinen Zweck nur erfüllt, wenn es zwar gesellschaftlich anerkanntes Tauschmittel für alle Waaren, aber gleichzeitig im Privatbesitz ist, weil es nur in einer auf Privatbesitz und Waarenproduktion beruhenden Gesellschaft einen Sinn und die Möglichkeit der Existenz hat, entging ihm. Mit der Aufhebung der Waarenproduktion, also auch der Privatwirthschaft und mit der Einführung gesellschaftlicher Produktion fällt der Gegenpol der Waarenwirthschaft, die Geldwirthschaft, von selbst, der Boden seiner Existenz, allgemein anerkanntes Tauschmittel für alle Waarenaustausche zu sein, wird ihm entzogen. Da wo Produkt gegen Produkt, richtiger Arbeit gegen Arbeit gesellschaftlicher Vereinigungen sich austauscht, wird der Austausch ein einfaches Rechenexempel, das auf dem Wege der Buchung der austauschenden Faktoren beglichen wird. Dagegen muß in einer auf Millionen Einzelwirthschaften beruhenden Produktion, wo das Produkt als Waare den einzigen Zweck hat, so rasch als möglich die Hände seines Produzenten zu verlassen, um durch Dutzende von Händen die verschlungensten Kanäle zu durchwandern, welche die Spekulation ihm anweist, bis es endlich in die Hände des Bedürfers gelangt, wir sagen, hier muß nothwendig ein gesellschaftlich anerkanntes Aequivalent zur Ausgleichung aller dieser Manipulationen vorhanden sein, und dieses ist das Geld, das den Doppelcharakter besitzt, gesellschaftlich anerkanntes Werthmaß und Waare zu sein.

Andererseits, fährt Fourier fort, habe die Zivilisation falsche Methoden adoptirt, so das System der anarchischen Industrie und der lügnerischen individuellen Konkurrenz; aber hauptsächlich habe sie den Fehlgriff begangen, die Aktiengesellschaft für die Assoziation anzusehen, alles Fehler, die sie weitab vom Wege der sozialen Garantien führten. Es sei also nothwendig, um dieses politische Chaos zu entwirren, eine detaillirte Analyse der Zivilisation und ihres Charakters zu geben, eine Aufgabe, der sich bisher die Gesellschaft und ihre wissenschaftlichen Führer entzogen hätten. Man glaube noch an die Vervollkommnung, während die Zivilisation bereits rapide ihrem Untergang entgegeneile.

Wie der menschliche Körper so besäßen auch die Gesellschaften ihre vier, durch bestimmte Charaktereigenschaften sich unterscheidenden Lebensalter, die einander sich folgten. Man könne weder den Aufschwung noch den Niedergang einer Gesellschaft beurtheilen, so lange man nicht die sehr unterscheidenden Charaktereigenschaften zu bezeichnen vermöge, die eine bestimmte Gesellschaft besitze. Unsere Naturwissenschaftler seien, wenn es sich um die Unterscheidung ziemlich nutzloser Pflanzen handele, so sehr skrupulös, warum seien dies nicht auch unsere Politiker und Oekonomisten? Warum folgten sie nicht dieser naturwissenschaftlichen Methode, wenn es sich um die ihnen so theure Zivilisation handele, um die von jeder der vier Phasen adoptirten Eigenschaften zu bezeichnen? Es sei dies das einzige Mittel, um zu erkennen, ob man noch vorwärts schreite oder im Niedergang sich befinde.

Nach Fourier sind nun die vier Phasen der Zivilisation und die einer jeden eigentümlichen Charaktereigenschaften folgende:

Aufsteigende
Schwingung
1. Phase: Kindheit.
Einfacher Keim Monogamie.
Zusammengesetzter Keim Patriarchalische oder adelige Feudalität.
Angelpunkt der Periode Bürgerliche Rechte der Frau.
Gegengewicht Föderation der großen Vasallen.
Ton oder Stimmung Ritterliche Illusionen.
2. Phase: Jugend.
Einfacher Keim Städtische Privilegien.
Zusammengesetzter Keim Pflege der Wissenschaften und Künste.
Angelpunkt der Periode Befreiung der Arbeit.
Gegengewicht Repräsentativsystem.
Ton oder Stimmung Illusionen über Freiheit.
Mittagsphase.
Keim Seeschifffahrtskunst, experimentale Chemie.
Charaktereigenthümlichkeiten Enttäuschungen, Staatsanleihen.
Absteigende
Schwingung
3. Phase: Mannbarkeit.
Einfacher Keim Handelsgeist, Fiskalismus.
Zusammengesetzter Keim Aktien-Gesellschaften.
Angelpunkt der Periode Monopol der Seeherrschaft.
Gegengewicht Handels-Anarchie.
Ton oder Stimmung Oekonomische Illusionen.
4. Phase: Altersschwäche.
Einfacher Keim Leihhäuser.
Zusammengesetzter Keim Unternehmerschaft in bestimmter Anzahl.
Angelpunkt der Periode Industrielle Feudalität.
Gegengewicht Monopolwirthschaft.
Ton oder Stimmung Illusionen über Assoziationen.

Man wird dem hier wiedergegebenen Tableau Scharfsinn in der Aufstellung und Interessantheit in der Gruppirung nicht absprechen können, mehrfach charakterisirt es die verschiedenen Perioden der zivilisirten Gesellschaft sehr treffend.

Fourier bemerkt dazu erläuternd: er habe diejenigen Charaktereigenschaften nicht hervorgehoben, die allen vier Phasen gemeinsam seien, sondern nur die, welche die eine oder andere auszeichneten und jene, die mit der einen oder anderen gemischt seien. So sei die zweite Phase, in der die Athener lebten, eine unvollständige, eine Bastardperiode, indem ihr noch Merkmale der Periode der Barbarei anklebten und der Angelpunkt der zweiten Phase, die Befreiung der Arbeit, ihr fehlte. In England und Frankreich befinde sich die Zivilisation im absteigenden Ast der dritten Phase und neige stark zur vierten, deren beide Keime sie bereits besitze. Dieser Zustand zeige eine schmerzlich empfundene Stagnation; das Genie fühle sich ermüdet von seiner Unfruchtbarkeit wie ein Gefangener, und arbeite sich vergeblich ab, um irgend eine neue Idee zu erzeugen. Mangels des erfinderischen Genies zögere aber der fiskalische Geist nicht, die Mittel zu entdecken, um die vierte Phase zu organisiren, die zwar ein Fortschritt aber nicht zum Guten sei. Es handele sich darum, einen Zwischenzustand zu schaffen, der die Zivilisation in den Garantismus überleite und diesen dem Liberalismus entgegenzustellen, diesem stationären Geist, der sich auf das Repräsentativsystem, eine der Charaktere der zweiten Phase, verbissen habe. Ein System, das für eine kleine Republik, nicht für ein großes reiches Land wie Frankreich tauglich sei. Umgekehrt wollten die Antiliberalen die Ungeschicklichkeit begehen, uns in die erste Phase zurückzuführen, während das wachsende Staatsschuldenwesen uns unwiderstehlich in die vierte Phase, die Altersschwäche, risse.