Wer das Tableau der Charaktereigenschaften der Zivilisation genau prüfe, werde erkennen, daß der Glaube, unsere Gesellschaft befinde sich in einem „erhabenen Flug“, eine Illusion sei, denn in Wahrheit befänden wir uns auf dem Krebsgang. „Es ist der Fortschritt nach abwärts, vergleichbar dem einer Frau, die ihre weißen Haare, die sie mit sechzig Jahren besitzt, als Vervollkommnung der Vollkommenheit ihres Haarwuchses anpreisen wollte. Darüber wird Jeder mitleidig lächeln. Wie der menschliche Körper so vervollkommnet sich auch die Gesellschaft nicht, wenn sie altert.“
Die Gesellschaften wie die Individuen gingen zu Grunde, wenn sie sich dem Wucherer überließen, und es sei die That unseres Jahrhunderts, von Anleihe zu Anleihe zu eilen.
Man sage, „das Gefäß ist durchweicht, der Stoff hat seine bleibende Form angenommen.“ Das gelte auch von den fiskalischen Anleihen. Sie blieben und jedes Ministerium mache eine neue, denn „man muß essen, wenn man an der Krippe sitzt.“ Welche Partei auch immer herrsche, die Finanz halte stets die Zügel des Gefährtes, damit der Marsch nicht gegen ihr Wirthschaftssystem sich richte. Was werde also das Ende sein, dem alle unsere mit Schulden überladenen Reiche zueilen, wohin uns die Oekonomisten geführt? Der Sturz in den Abgrund. Man könne unsere Oekonomisten und Politiker jenem Reiter vergleichen, von dem die Spötter sagten: „Er führt nicht das Pferd, das Pferd führt ihn.“
Fourier hat in diesen Auseinandersetzungen wieder einmal, seiner Zeit vorauseilend, den wahren Charakter der Staatsanleihen sehr richtig erkannt. Damit ein Staat von den Geldmächten beherrscht, ökonomisch und finanziell ausgebeutet und geplündert werden kann, muß man ihn zu Anleihen verleiten. Mit jeder neuen Anleihe wird ihm der Strick fester gedreht, genau wie dem Privatmann. Die Staatsgewalt wird Werkzeug in den Händen der großen Finanzmächte, die schließlich weit mehr als die Minister selbst die Staatsangelegenheiten beherrschen und lenken, Gesetze dekretiren, Kriege führen oder verhindern, wie es ihrem Interesse paßt. Und damit die Staatsmaschine nach Wunsch gehe, die Regierung jeder Zeit durch die Kontrole ihrer abhängigen Stellung bewußt bleibe, damit ferner die nöthigen Einnahmequellen in Form von Steuern aller Art zur Verzinsung und Amortisirung der Schulden vorhanden seien, bedarf man des Repräsentativsystems, durch welches die Drahtzieher der hohen Finanz den noch fehlenden Einfluß auf die ganze Gesetzgebung und Staatsverwaltung gewinnen und den Staat zu einer melkenden Kuh der Geldmächte machen. Durch solche Manipulationen ist heute die Regierung und Verwaltung Frankreichs in den Händen der großen Finanzmächte, die es in die Abenteuer von Tunis und Tonkin stürzten, durch Privilegien und Staatssubventionen an die großen Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaften das Volk berauben, durch die Ueberlast der indirekten Steuern es brandschatzen und plündern. Durch die gleichen Manipulationen ist Oesterreich dahin gekommen, wo es heute steht, hat man die Türkei zu Grunde gerichtet, Ungarn binnen zwei Jahrzehnten an den Rand des finanziellen Untergangs gebracht, Egypten ruinirt. Wie der kleine Bauer und der in die Klemme gerathene Grundbesitzer die finanziellen Wohlthäter bereit finden, ihnen gegen genügende hypothekarische Sicherheiten zu guten Zinsen Geld zu borgen, oft mehr als sie haben wollen, und nun den Händen des Gläubigers rettungslos überantwortet sind, der die Hand auf ihre Ernten legt, ihnen jederzeit mit Subhastationen droht, und sie zwingt, das ganze Jahr die Frohnarbeit für ihn, den Kapitalisten, zu verrichten, so sind die Staatsangehörigen überschuldeter Reiche die Bienen, die durch ihre Arbeit, mit ihrem Honig der Finanzaristokratie die Kisten und Kasten füllen müssen. Das ist heute, wo die Staatsschulden in fast allen Staaten in die Milliarden gewachsen sind und weiter wachsen, eine sich Jedem leicht aufdrängende Thatsache. Zu Fourier's Zeit stak das Staatsschuldenwesen noch in den Kinderschuhen und es war ungleich schwerer, seinen Charakter zu erkennen als heute.
Unter die permanenten Charaktere der Zivilisation rechnet Fourier denjenigen, der sich schon seit alter Zeit in dem Sprichwort ausdrückt: „Die großen Diebe läßt man laufen, die kleinen hängt man.“ Aehnliche Charaktereigenschaften könne man noch eine Menge anführen. So überlasse man sich bitteren Klagen über auffällige Thatsachen wie die, daß die Tugend und das Gute stets lächerlich gemacht, übel behandelt und verfolgt würden. Ohne Zweifel sei die Indignation darüber gerechtfertigt, aber wenn gegenwärtig die Zivilisation eine Aufhäufung dieser beklagenswerthen Resultate zeige, dann klassifizire und konstatire man diese Uebel, damit man einen Ueberblick über das Wesen und die Früchte dieser abscheulichen Gesellschaftsordnung erhalte.
Aber man schenke allen diesen Uebeln so wenig Aufmerksamkeit, weil man sie mit dem gegenwärtigen Zustand unzertrennlich halte. Eine von diesen üblen permanenten Charaktereigenschaften sei auch die Fesselung der öffentlichen Meinung, und zwar auch unter der Herrschaft der Philosophen, die nicht wollten, daß das Volk sein ursprünglichstes Recht erkenne und das Recht auf ein Existenzminimum fordere, was freilich nur unter dem Regime der industriellen Anziehung garantirt werden könne. Andere Uebel erkenne man nicht, weil sie unter falscher Flagge segelten, so die Tyrannei des persönlichen Eigenthums. Der Grundeigenthümer erlaube sich hundert Anordnungen über sein Eigenthum, die mit dem öffentlichen Wohl, dem Wohl der Masse in Widerspruch stünden, er erlaube sich dies alles unter dem Vorwande der „Freiheit“. Das komme, weil die Zivilisation von sozialen Garantien keine Ahnung habe. Wieder ein anderes meist nicht erkanntes Uebel sei die indirekte Verweigerung der Gerechtigkeit für die Armen. Der Arme könne wohl das Recht suchen, aber was nütze dieses, wenn er die Kosten der Prozedur nicht aufbringen könne. Bei den gerechtesten Klagen werde er von dem reichen Plünderer durch Appellation und Gegenappellation mürbe gemacht und zum Nachgeben gezwungen. Man gebe dem Königsmörder einen Vertheidiger, aber nicht dem Armen, denn „er könnte zu viele Prozesse haben“. Die Gesellschaft sei überfüllt mit Armen, die unter dieser Handhabung der Gerechtigkeit litten. Aber diese Gesellschaft sei eben ein falscher Kreisschluß (cercle vicieux), das sei ihr wesentlichster Charakter. Die Mängel der Zivilisation ließen sich in zwölf Hauptpunkte zusammenfassen. 1. Eine Minorität, die Herrschenden, bewaffnet Sklaven, die eine Majorität unbewaffneter Sklaven im Zaum halten. 2. Mangel an Solidarität der Massen und dadurch erzwungener Egoismus. 3. Zweideutigkeit aller Handlungen der Gesellschaft und ihrer sozialen Elemente. 4. Innerer Kampf des Menschen mit sich selbst. 5. Die Unvernunft zum Prinzip erhoben. 6. In der Politik wird die Ausnahme als Grundlage für die Regel. 7. Das knorrigste und hartnäckigste Genie wird gebeugt und kleinmüthig gemacht. 8. Erzwungene Begeisterung für das Schlechte. 9. Stetige Verschlimmerung, indem man zu verbessern glaubt. 10. Vielseitiges Unglück für die ungeheure Mehrheit. 11. Fehlen einer wissenschaftlichen Opposition gegen die herrschenden Theorien. 12. Verschlechterung der Klimate. Letzteres, durch die Zerstörung der Wälder und daraus folgendes Austrocknen der Quellen herbeigeführt, müsse nothwendig und sicher bis gegen Ende des Jahrhunderts klimatische Exzesse erzeugen.
Fourier geht dann dazu über, die Natur des Handels zu erörtern. Er fragt: „Woher kommt diese Bewunderung der Modernen für den Handel, welchen doch im Geheimen alle Klassen außer den Handeltreibenden verabscheuen? Woher dieses stupide Vorurtheil für die Kaufleute, die Christus mit Ruthen aus dem Tempel trieb? Die Antwort ist: sie besitzen viel Geld und eine Haupthandelsmacht (England) übt über die industrielle Welt die Tyrannei des Handels-Monopols aus.“ Auch habe die politische Oekonomie die Analyse des Handels nicht zu machen gewagt und so komme es, daß die soziale Welt nicht wisse, was eigentlich das Wesen des Handels sei. „Der Handel ist die schwache Seite der Zivilisation, der Punkt, auf dem man sie angreifen muß. Im Geheimen wird der Handel von den Regierungen wie von den Völkern gehaßt. Nirgends sehen weder der Adel noch die Grundeigentümer die Handeltreibenden mit günstigen Augen an, diese Parvenüs, die in Holzschuhen angekommen sind und bald mit einem Vermögen von Millionen prunken. Der rechtschaffene Eigenthümer begreift nicht die Mittel, durch die man sich so gut zu bereichern vermag; welche Sorgfalt er immer der Verwaltung seines Gutes widmet, es gelingt ihm schwer, sein Einkommen um einige Tausend Franken zu steigern. Er wird perplex über die großen Profite dieser Agioteure, er möchte seinem Erstaunen, seinem Verdacht über diese ihm fremde Art, Vermögen zusammen zu scharren, Ausdruck geben, aber da kommen die Oekonomisten, fallen ihm in den Arm und schleudern ihr Anathema gegen Jeden, der es wagt, diesen großartigen Handel und die Großartigkeit des Handels (le commerce immence et l'immense commerce) zu verdächtigen. Welch schöne Phrasen sind nicht zu seiner Verherrlichung Mode geworden! Da spricht man mit Pathos von der 'Ausgleichung, dem Gegengewicht, der Garantie, dem Gleichgewicht des großartigen Handels und der Großartigkeit des Handels, von den Freunden des Handels, von dem Wohl des Handels'.“ Für einen unglücklichen Philosophen gebe es nichts Imposanteres, als wenn eine Kohorte von Millionären mit tiefsinnigem Aussehen zur Börse wandelten. Man glaube die römischen Patrizier über dem Schicksal Karthagos brüten zu sehen. Speichellecker der Agiotage malten die Kaufleute und Börsenmänner als eine Legion von Halbgöttern; Jeder, der sie kenne, wisse im Gegentheil, daß es eine Legion von Betrügern sei; aber ob mit Recht oder Unrecht, sie hätten allen Einfluß an sich gerissen. Die Philosophen seien ihnen zu Gunsten, selbst die Minister und der Hof beugten sich vor diesen Geiern des Handels; alles infolge des durch die Oekonomisten gegebenen Impulses. Die Folge davon sei, daß der ganze soziale Körper den merkantilen Räubereien vollständig unterworfen sei, und wie der von dem Blick der Schlange faszinirte Vogel dieser in den Rachen fliege, so lasse sich die Gesellschaft vom Handel zu Grunde richten.
Eine vernünftige und rechtschaffene Politik habe Mittel des Widerstandes in Anwendung bringen und sich von Fehlgriffen losmachen müssen, welche die Herrschaft der Welt in die Hände einer unproduktiven, lügnerischen und übelwollenden Klasse liefere. Man dürfe die Handeltreibenden nicht mit den Manufakturisten verwechseln.[21] Die Hauptschacherer, die Rohmaterialienhändler sännen nur, wie sie Manufakturisten und Konsumenten plündern könnten. Zu diesem Zwecke unterrichteten sie sich über die vorhandenen Vorräthe, kauften sie auf, hielten die Waaren zurück und verteuerten sie, um so auf Fabrikant und Bürger den Druck auszuüben. Die sog. Oekonomisten stellten diese Aufkäufer und Wucherer als tiefsinnige Genies hin, die doch nichts als elende Schwätzer, abenteuerliche Spieler und tolerirte Bösewichter seien. Den schlagendsten Beweis habe das Jahr 1826 gegeben, wo mitten in der tiefsten Ruhe plötzlich eine Stagnation und Ueberfülle an Produkten hervorgetreten sei, als alle Journale noch unmittelbar zuvor auf die dem Handel neuen und günstigen Chancen hinwiesen, welche die Befreiung beider Amerika im Gefolge haben werde. Nun, welches sei die Ursache dieser überraschenden Krise gewesen? Es war die Wirkung eines komplizirten Spiels zweier charakteristischer Eigenschaften des Handels: des Zurückschlagens der Vollsaftigkeit (refoulement pléthorique) und eines Gegenschlags durch verfehlte Spekulation.
Die erstere Eigenschaft sei die periodische Wirkung blinder Habgier der Kaufleute. Sobald irgendwo ein Absatzweg sich öffne, würden viermal mehr Waaren zugeführt, als der Markt aufnehmen könne. So sei es auch hier gewesen. Wenn man die Wilden, die Neger und die spanische Bettelbevölkerung in Abzug bringe, zählten die beiden (Nord- und Süd-) Amerika kaum 20 Millionen konsumtionsfähiger Bewohner, man habe aber für 200 Millionen konsumtionsfähiger Menschen Waaren zugeführt. Daher die Stockung und der Rückschlag. Im Jahre 1825 hätten die französischen und englischen Hosenhändler Waarenmassen zugeführt, die wenigstens auf 3 bis 4 Jahre reichten, so entstanden Massenverkäufe, Stockung, Entwerthung der Stoffe, Bankerotte der Verkäufer. Das war die nothwendige Wirkung dieser Ueberfülle (pléthore), verursacht durch die Unklugheiten des Handels, der in seiner Gier nach Gewinn sich stets über das Quantum der absatzfähigen Produkte den größten Illusionen überlasse. Was könne man auch von einer Kohorte eifersüchtiger, durch Habgier verblendeter Verkäufer anders erwarten? Wie wollten wohl diese die Grenzen der Aufnahmefähigkeit eines Marktes erkennen?
„Genügte schon die Ueberzufuhr von Waaren, um Bankerotte und die äußerste Beunruhigung der Märkte und Fabriken hervorzurufen, so trat in demselben Augenblick ein anderer Umstand dazwischen, um das Uebel zu vervielfachen. Die Baumwollenaufkäufer in New-York, Philadelphia, Baltimore, Charleston etc. hatten im Einverständniß mit ihren Vertrauten in Liverpool, London, Amsterdam, Havre und Paris sich aller Vorräthe bemächtigt. Aber da geschah, daß Egypten und andere Märkte eine außerordentlich reiche Ernte hatten. Die Hausse war nur ein kurzes Strohfeuer. Die wucherischen Geier Amerikas wie ihre Kooperateure in Europa erstickten im Ueberfluß. Die durch die Crise pléthorique verursachte Preisschleuderei zwang die Fabriken zu feiern und brachte die Baumwollenspekulanten, die auf Hausse gerechnet und jetzt einer tiefen Baisse sich gegenüber sahen, zum Sturz. Den verunglückten Machinationen in Amerika folgten als Gegenschlag die Bankerotte in Europa. Das ist der einfache Hergang der so räthselhaft erschienenen Ereignisse. Journale und Schriften, die darüber sich äußerten, verfielen alle in denselben Irrthum. Nach ihnen war nur eine Ursache vorhanden: die Unordnung, welche durch die beiden gleichzeitig sich vollziehenden Operationen auf dem Markt entstanden war. Niemand gestand die wahren Ursachen offen ein, man bemühte sich vielmehr, die beiden Parteien, die das Uebel verursacht hatten, als unschuldig darzustellen, man gab weder zu, daß die Einen durch Zufuhr von Riesenmengen an Waaren die Märkte lahmlegten, noch daß die Anderen durch Vorenthaltung des nöthigen Rohmaterials die Märkte beraubten. Auf der einen Seite herrschte verrückte Verschwendung, auf der anderen vexatorische Unterschlagung. Es gab also in jeder Weise Exzesse und Konfusion im Mechanismus. Das ist der Handel, das Ideal der Dummköpfe.“