Wie im vorliegenden Falle zwei, erläutert Fourier weiter, so wirkten oft drei und vier Ursachen zusammen, um Krisen zu erzeugen, und was die verschiedenen Charaktere der Bankerotte betreffe, so habe er eine Liste von zweiundsiebenzig verschiedenen Arten aufgestellt. Wollte man alle Formen des Betrugs und der Bankerotte zeichnen, man müßte dicke Bücher schreiben. Von den Hauptübeln, die der Handel gebäre und die als die Triebfeder zu allem Unheil ansehen seien, wolle er nur zwölf aufführen: Börsenspiel, Lebensmittelwucher, Bankerott, Geldwucher, Parasitenthum, Mangel an Solidarität, fallendes Gehalt und fallende Löhne, Theuerung, Verletzungen der Gesundheit,[22] willkürliche Festsetzung der Preise, legalisirte Doppelzüngigkeit im Verkehr, individuelles Geld.
Fourier spricht dann von der „Absonderung“ der Kapitalien, worunter er die Konzentration auf der einen und den daraus folgenden Kapitalmangel auf der anderen Seite versteht. Die Kapitalkonzentration erzeuge auch den Ueberfluß — an Bodenerzeugnissen durch den Handel —, der den Preisdruck für die Erzeugnisse des Bodenbesitzers hervorrufe. Die Kapitalien häuften sich nur auf Seiten der unproduktiven Klasse. Bankiers und Kaufleute beklagten sich häufig, nicht zu wissen, was sie mit ihren Fonds beginnen sollten, sie empfingen Geld für 3 Prozent, wo der Landmann es kaum für 6 auftreiben könne. Wenn er es nominell zu 5 Prozent erhalte, koste es ihn mit allen Spesen und Lasten, die damit verbunden seien, 16 und 17 Prozent. Der Handel, dieser Vampyr, der das Blut aus dem industriellen Körper sauge, konzentrire Alles in seine Taschen und zwinge die produktive Klasse, sich dem Wucherer zu überliefern. Selbst die Jahre des Ueberflusses würden für die Agrikultur eine Geißel, wie man das 1816 und 1817 gesehen habe. Das Jahr 1816 brachte Mißernte und zwang den Landmann zum Schuldenmachen, als aber 1817 eine sehr reiche Ernte brachte, ward er gezwungen, dieselbe rasch und in Folge dessen zum niedrigsten Preis zu verkaufen, um seine Gläubiger zu bezahlen. So zerstreue der soziale Mechanismus die kleinen Kapitalien, um sie in den Händen der Handeltreibenden zu konzentriren. Der Ackerbauer seufze, gebrochen durch den Gegenschlag, unter dem Ueberfluß der Ernten, deren Werth weder bei dem Verkauf noch bei der Konsumtion ihm gehöre, weil die Konsumtion auf umgestürzter Basis ruhe, „denn die Klasse, die produzirt, nimmt an der Konsumtion nicht Theil“. So würden Eigentümer wie Bodenbebauer oft gezwungen, Geißeln, wie Frost und Hagel, herbeizuwünschen. Man habe 1828 den Schrecken gesehen, als man im Juni in allen weinbautreibenden Ländern eine gute Ernte und damit erdrückenden Ueberfluß zu fürchten hatte.[23]
„Genügen diese Monstrositäten nicht, um zu beweisen, daß das gegenwärtige System des Handels, wie der ganze Mechanismus der Zivilisation die verkehrte Welt darstellt? Aber wie will man sich in diesem Labyrinth zurechtfinden, so lange man die Charaktereigenschaften dieser Gesellschaft nicht analysirt? Schmeichler unseres Handelssystems haben wir im Ueberfluß, deren alleiniges Talent darin besteht, alle Fehler der Hydra des Handels zu beräuchern. Wenn man erst die wahre Natur dieses lügnerischen Systems erkennt, wird man erstaunt sein, daß man so lange sich von einem System dupiren ließ, das schon der Instinkt uns denunzirt, denn alle anderen Klassen hassen den Handel.“
„Die Falschheit und Zweideutigkeit, wozu dieses System gekommen ist, genügt, um den Betroffenen die Augen zu öffnen; die Betrügerei und die Fälschung aller Lebensmittel hat eine Höhe erreicht, daß man die Einführung des Handelsmonopols als eine Schutzmaßregel gegen diesen Handel begrüßen würde. Eine Staatsregie würde viel weniger sich auf Zweideutigkeiten einlassen können, sie würde zu einem festgesetzten Preis wenigstens natürliche Produkte geben, während es heute fast unmöglich ist, im Handel etwas natürlich zu erhalten.“
„In Paris findet man kein Zuckerbrot, das nicht mit Runkelrüben gefälscht ist,[24] keine Tasse reiner Milch oder ein Glas reinen Branntweins. Kurz Unordnung und Aergerniß sind auf die Spitze getrieben und gehen die Dinge so weiter, so bleibt nichts übrig, als das Monopol.“ Fourier setzt freilich hinzu, daß dies durch Entdeckung seines sozietären Systems und dessen Einführung unnütz werde.
Fourier äußert sich dann über den Bankerott, über die Art, wie die öffentliche Meinung ihn zum Theil behandelt und wie der Bankerott selbst wieder zu Täuschungen benutzt wird. Auf der Bühne werde ein Falliment mit fünfzig Prozent als Lustspiel behandelt. Wenn aber ein Bankier die anvertrauten Depots von Ersparnissen zahlreicher Dienstboten veruntreue, die diese während zwanzig Jahren mühselig zusammengescharrt, so sei das sicherlich keine lächerliche Sache, sondern ein Verbrechen, das zu bestrafen sei.
„Welche Verdorbenheit in der philosophischen Welt. Die Literatur ist eine Prostituirte, die nur studirt, wie sie sich mit dem Laster auf's Beste stellen kann; sie malt Alles in den schönsten Farben, damit die Theaterkasse ihre gute Einnahme hat. Die Moral ist eine in Mißkredit gerathene Schwätzerin, die nicht mehr wagt, gegen straflose Verbrechen, wie den Bankerott, zu deklamiren; sie speichelleckert allen Klassen von Dieben. Und der Oekonomismus, der nichts zu entdecken versteht, sucht die zu Tage liegenden Laster als unschuldige hinzustellen, sind es doch die Laster seiner Favoriten, der Handeltreibenden. So denkt keine Wissenschaft daran, ihre Aufgabe, die Analyse der Uebel der Zivilisation und das Suchen nach einem Heilmittel, zu erfüllen.“
Fourier führt, wie er Alles zu klassifiziren und zu ordnen liebt, nicht weniger als vierundzwanzig Arten von Bankerotten auf, bei denen die Schwächen oder die Liebhabereien der Bankerotteure die Ursachen ihres Zusammenbruchs sind. Bei dem Einen sind zerrüttete Familienverhältnisse, eine liederliche Frau, verdorbene Kinder, bei dem Anderen eine Maitresse, bei dem Dritten die galanten Neigungen, bei dem Vierten Sentimentalität, die ihn zum Geschäft unbrauchbar machen u. s. w., die Ursachen, welche die Katastrophen erzeugen. Er könne, setzt er weiter hinzu, recht amüsante Kapitel zu den Details aller Arten von Bankerotten liefern, er treibe das Geschäft seines Vaters und sei im Waarenladen erzogen worden, er habe mit eigenen Augen die Infamien des Handels gesehen und beschreibe ihn nicht, wie die Moralisten vom Hörensagen, die den Handel nur in den Salons der Agioteure kennen lernten und einen Bankerott als etwas ansähen, das man sich in guter Gesellschaft erlauben dürfe. Jeder Bankerott, namentlich wenn er einen Bankier oder Wechselagenten betreffe, werde unter ihrer Feder zu einem beklagenswerthen Unfall, für den die Gläubiger im Grunde dem Falliten noch verbunden seien, daß er sie in seine edlen Spekulationen verwickelt habe. Man zeige den Gläubigern den Vorgang als eine unverschuldete Fatalität, eine unvorhergesehene Katastrophe an, die durch das Unglück der Zeiten, widrige Umstände, einen beweinenswerthen Wechselfall herbeigeführt sei. Das sei der gewöhnliche Inhalt der Briefe, mit welchen ein Fallissement angezeigt werde.
„Alsdann kommen der Notar und seine Gevatter, denen im Geheimen ihre Provisionen für alle Vortheile, die sie erzielen, zugesichert sind und stellen den Falliten als so ehrenhaft, der Achtung so würdig hin. Da ist eine zärtliche Mutter, die sich dem Wohle ihrer Kinder opfert, ein tugendhafter Vater, der sie in der Liebe zur Verfassung erzieht, eine trostlose eines besseren Schicksals würdige Familie, die von der aufrichtigsten Liebe für jeden ihrer Gläubiger beseelt ist. Man müßte wahrhaftig ein Ungeheuer sein, wenn man einer solchen Familie nicht helfen wollte, um sie wieder zu erheben. Das ist sogar eine Pflicht für jede rechtschaffene Seele. Dazwischen interveniren einige moralische Spitzbuben, die man bestochen hat, und die gegen Jedermann hervorheben, wie schön es sei, in einem solchen Falle seine Gefühle walten zu lassen und daß man dem Unglück Erbarmen schulde. Diese werden durch einige hübsche Fürsprecherinnen, die sehr nützlich sind, um die Widerspenstigsten zu beruhigen, unterstützt. Durch alle diese Umtriebe erschüttert, kommen Dreiviertel der Gläubiger sehr bewegt und irre geleitet in die Sitzung. Der Notar schlägt ihnen einen Nachlaß von 70 Prozent ihrer Forderungen vor, indem er wieder ausmalt, wie diese tugendhafte Familie aus Sorge, die geheiligten Pflichten der Ehre zu erfüllen, sich des Letzten beraube. Ist die Situation günstig, so schlägt man den Gläubigern weiter vor, daß sie, um ihr Gewissen zu befriedigen und um der edlen Eigenschaften einer Familie willen, die so würdig der Achtung und so eifrig für die Interessen ihrer Gläubiger eingenommen ist, eine Huldigung bringen und statt auf siebzig auf achtzig Prozent verzichten. Einige Barbaren wollen widerstehen, aber die im Saale geschickt vertheilten Vertrauten übernehmen das Geschäft der heimlichen Anschwärzung der Widerstrebenden, die sie als unmoralisch bezeichnen. Dieser, tuscheln sie, besucht nie die Kirche und hat folglich kein Erbarmen; Jener unterhält eine Maitresse; der Dritte ist ein Geizhals und Wucherer; der Vierte hat selbst schon einmal fallirt und besitzt ein Herz von Stein, das für seine unglücklichen Mitmenschen ohne Nachsicht und Mitleid schlägt. Endlich erklärt die so bearbeitete Mehrheit ihre Zustimmung und unterzeichnet den Vertrag. Der Notar hält eine salbungsvolle Rede, versichernd, daß man im Grunde ein gutes Geschäft gemacht habe, denn durch die Dazwischenkunft der Gerichte würde nichts übrig geblieben sein und dabei habe man ein gutes Werk gethan und habe einer braven Familie geholfen. Schließlich gehen Alle voll Bewunderung für die Tugenden dieser würdigen Familie, die man als ein Muster betrachten müsse, nach Hause.“
So vollziehe sich ein „gefühlvoller Bankerott“, bei dem die Gläubiger um drei Viertel ihrer Forderungen geprellt wurden; werde mit fünfzig Prozent ein Fallissement arrangirt, so sei dies ein rechtschaffener Bankerott, etwas so Alltägliches, daß wer sich mit einer so mäßigen Brandschatzung seiner Gläubiger begnüge, nicht nöthig habe, außerordentliche Triebfedern und Hülfsmittel in Bewegung zu setzen. Sei nicht Dummheit des Bankerotteurs im Spiele, so sei ein Geschäft, bei dem man nicht mehr als fünfzig Prozent einstreichen wolle, stets sicher.