Die wahre Natur des Bankerotts kennen zu lernen, diesem hätten sich die Philosophen eben so entzogen, wie den Untersuchungen über die Agiotage und den Wucher, sie würden dann auch das Wesen der freien Konkurrenz begriffen haben. Napoleon habe Recht gehabt, zu sagen: Man kenne nicht das eigentliche Wesen des Handels. Napoleon sei eingeschüchtert worden durch die Erfahrung, daß jede Schädigung, die eine Regierung gegen den Handel versuche, von diesem auf die arbeitenden Klassen abgewälzt werde. Sobald der Handel bedroht würde, zöge er die Kapitalien zurück, säe er Mißtrauen, hemme er die Zirkulation. Der Handel sei das Bild des Igels, den der Hund an keinem Punkte fassen könne. Das sei, was im Geheimen alle Regierungen quäle, was sie zwinge, sich vor dem goldenen Kalb zu beugen. Eines Tages habe der österreichische Minister Wallichs (1810) gegen die Schliche der Börse in Wien auszuschlagen versucht, indem er eine Ueberwachung des Börsenspiels einführen wollte; er sei von der Börse in die Pfanne gehauen worden und habe schmählich seinen Platz räumen müssen. Man müsse also Entdeckungen machen, um gegen diese kommerzielle Hydra kämpfen zu können. Schließlich sei nichts leichter, als diesen Koloß der Lüge anzugreifen; kenne man die Batterien, die anzuwenden seien, so werde er nicht einmal Widerstand versuchen.
Natürlich täuscht sich Fourier hier, weil er die Wirkung für die Ursache nimmt. Der Handel ist nur eine der Erscheinungen des kapitalistischen Systems. Ihm an den Kragen zu wollen, ohne das System mit der Wurzel auszuheben, ist einfach unmöglich. Fourier, der als Uebergangsstadium das Staatsmonopol für den Handel vorschlägt, würde, falls der Versuch der Durchführung gemacht worden wäre, gefunden haben, daß dies eben so unmöglich ist, wie alle Versuche von Wallichs bis zu Herrn v. Scholz und Herrn v. Maibach, der Börse auch nur ein Haar zu krümmen. Der Kapitalismus mag einwilligen, diesen oder jenen Industriezweig verstaatlichen zu lassen, und er wird dies thun, wenn er dabei seine Rechnung findet, aber nur dann: doch den Versuch der Monopolisirung eines Gebietes, wie es der Handel ist, würde er ebenso auf Tod und Leben bekämpfen wie eine Verstaatlichung der gesammten Industrie, und er würde siegreich bleiben. Außerdem wird der Staat, der in seiner ganzen Organisation und Gesetzgebung, und speziell in den gesetzgebenden Faktoren, den Volksvertretungen und Ministerien, der Ausdruck der kapitalistischen Interessen ist, dieser Staat wird nie weiter gehen, als sein fiskalisches Interesse ihn nöthigt, und was immer er verstaatlicht, wird selbst wieder nur in kapitalistischer Form verwaltet und ausgebeutet. Fourier konnte zu seiner Zeit noch einen gewissen ausgeprägten Gegensatz zwischen der Staatsgewalt und den leitenden ökonomischen Klassen konstruiren, weil insbesondere der alte Adel mit der emporstrebenden Bourgeoisie, den Männern von 1789 und ihren Nachfolgern, sich in den Haaren lag und beide Parteien die Staatsgewalt als Schiedsrichterin anriefen. Aber hier bestand kein Klassengegensatz, wie zwischen Kapital und Arbeit, es war nur der Kampf um die Beute, wie wir heute noch diesen Kampf in voller Blüthe sehen, wo grundbesitzende, industrielle und handeltreibende Bourgeoisie die Staatsgewalt und die Staatsgesetzgebung für ihre spezifischen Interessen auszunutzen suchen. Diese Differenzen werden dauern, so lange es eine bürgerliche Gesellschaft giebt, sie werden immer nur quantitativer, nie qualitativer, prinzipieller Natur sein. Die Existenz des Staats erfordert die Aufrechterhaltung der Klassengegensätze; er kann sie — und das liegt in seinem Interesse — zu mildern versuchen, aufzuheben vermag er sie nicht, weil er sich selbst damit aufheben würde. Die Entstehung des Klassengegensatzes in der Gesellschaft erzeugte den Staat, die Aufhebung des Klassengegensatzes machte ihn verschwinden. Der Klassengegensatz, von seinem Entstehen an in den Formen stetig wechselnd, aber seit dem Bestand des Staats stets vorhanden, ist das Gesetz der Existenz des Staates. Wir hoben bereits hervor, daß wenn der ganze Erdboden mit Fourier'schen Phalanxen bedeckt wäre, seine Omniarchen, Cäsare, Auguste, Monarchen u. s. w. eine sehr zwecklose Staffage wären, die keinen Sinn und keine Bedeutung hätte. Kriege gäbe es nicht mehr — also ist die Armee mit Allem, was damit zusammenhängt, überflüssig. Diebe, Betrüger, Verbrecher existirten auch nicht mehr — also wären Justiz, Polizei, Gefängnisse nicht mehr von Nöthen. Die Steuerbehörden wären, wie er selbst ausführte, ebenfalls nutzlos. Die Verwaltung ihrer Angelegenheiten leitete jede Phalanx ausschließlich; die Beziehungen der Phalanxen unter sich wären sehr einfache, sie bezögen sich auf den gegenseitigen Austausch und die gegenseitige Hülfeleistung bei der Herstellung großer gemeinsamer Unternehmungen, auf die Mittheilung und Unterstützung von Erfindungen, Verbesserungen und Entdeckungen aller Art für das praktische Leben, für Wissenschaften und Künste. Das sind Dinge, wozu schließlich eine Staatsgewalt in unserem Sinne nicht nöthig wäre. Denn diese Staatsgewalt ist eine repressive und befehlende Gewalt und nicht eine blos ausführende und anordnende Instanz; ihre Hauptaufgabe besteht darin, den Gegensatz innerhalb der Gesellschaft niederzuhalten, Ausbrüche nationaler Streitigkeiten niederschlagen und alle Diejenigen, welche, sei es individuell, sei es korporativ, die bestehenden Staatsnormen verletzen, zur Verantwortung zu ziehen. Für alle diese Leistungen braucht die Staatsgewalt die nöthigen Werkzeuge und Institutionen: Armee, Gerichte, Polizei, Gefängnisse, Steuerbehörden etc. Mit dem Zweck fielen auch die Mittel. Monarchen, die unter dem Regime der Phalanx regieren wollten, würden unbekümmert um ihre Stellung und ihren Titel, in noch viel höherem Grade die Rolle spielen, die das bekannte drastische Wort Napoleon's den Monarchen sogenannter konstitutioneller Musterstaaten, wie wir solche in Europa nur wenige — England, Italien, Belgien — haben, anweist; ihre Existenz würde durch die Natur der Dinge im phalansteren System unmöglich sein.
Im weiteren Verlauf seiner Kritik der Zivilisation kommt Fourier auf diejenigen Charaktere zu sprechen, die nach dem Rückschritt streben, denen der Hang zur rückgängigen Bewegung eingeimpft (greffée) sei, und auf diejenigen Charaktere, die zum Niedergang der dritten Phase treiben.
Eine Partei, welche die Mißbräuche der falschen Freiheit erschreckte, halte es für klug, auf die Gebräuche und Gepflogenheiten des zehnten Jahrhunderts, auf die Feudalität und den religiösen Obskurantismus zurückzukommen. Aber man finde weder ein Volk noch eine Bourgeoisie, welche sich für das zehnte Jahrhundert begeisterten. Der Versuch, das zehnte Jahrhundert auf das neunzehnte, die erste Phase der Zivilisation auf die dritte zu pfropfen, werde scheitern, Handel und Finanz seien allmächtig und eine Partei sei verloren, welche glaube, diese beiden Mächte beherrschen zu können.
Andererseits seien die Champions des „erhabenen Flugs“ unserer Gesellschaftsordnung, die Liberalen, auch noch eine Partei von Rückwärtslern, die im Flittergold der Athener und der Römer stöbernd, die alten Schwindeleien, die falschen Menschenrechte, in Szene zu setzen suchten und auf das neunzehnte Jahrhundert Illusionen pfropften, welche die Zivilisation zu einem Mischmasch der zweiten und der dritten Phase machten.
Schließlich werde die Partei die Oberhand behalten, welche nach der vierten Phase der Entwicklung vorwärts und nicht rückwärts gehe. Wenn beide Parteien sich auszusöhnen und zu vereinigen vermöchten, könnte die Zivilisation in die vierte Phase aufrücken, die, wenn sie auch nicht das eigentliche Glück bringe, doch gegen die früheren große Vorzüge habe; sie werde die Bettelarmuth austilgen, beständig Arbeit dem Volke sichern, Fonds liefern, genügend, um die öffentlichen Schulden zu decken; Wälder und Wege restauriren.
Was die dritte Phase betreffe, so sei sie eine Sackgasse, aus welcher der menschliche Geist nicht herauszukommen wisse, er nutze sich mit Systemen ab, die nur darauf hinaus liefen, alle Geißeln zur Herrschaft zu bringen. Diese Phase zeige das Bild des Sisyphus, der ewig den Felsen wälzend nie zum Ziele komme. In verschiedenen Beziehungen seien wir sogar zu Rückschritten gekommen, verursacht durch die Chimären, welche wir uns über das Repräsentativsystem machten, was selbst Lobredner des Liberalismus, wie Benjamin Constant, anerkannt hätten. Solche Uebel seien: die Korruption der Volksvertreter durch die Bestechungen; die Aufschreckung der Höfe, die von Sinnen kämen durch die Angst, die ihnen der falsche Liberalismus einflöße; das Schutzsuchen der Höfe bei den Feinden ihrer Unabhängigkeit aus Furcht vor dem Liberalismus, „diesem Schlimmsten, was ihnen begegnen könne“; (heilige Allianz, Kongresse von Aachen, Troppau, Laibach, Verona, Karlsbader Beschlüsse, auf diese und ähnliche Vorkommnisse spielt Fourier hier an); die Mißhelligkeiten unter den verschiedenen Klassen der Bürger in Folge der Wahlkämpfe; das Wachsthum der Staatsausgaben in Folge des Kampfes der Regierungen gegen die Völker u. s. w.
Fourier verwahrt sich dagegen, daß er ein Vertheidiger des Absolutismus sei, wenn er die Uebel des herrschenden Systems bloslege; er kritisire, um zu zeigen, daß weder das Bestehende noch das Vergangene das Glück der Menschen geschaffen und beweise, daß man die jetzige Phase so rasch als möglich verlassen müsse. Er nenne den Liberalismus falsch, weil er einen politischen Rückschritt unter volksfreundlicher Maske, die Herrschaft der Oligarchie erstrebe und immer die seinen Versprechungen entgegengesetzten Wirkungen erzeuge. Die Liberalen suchten sich zu rechtfertigen, indem sie sagten: „Seht Ihr nicht, daß wir ohne das Repräsentativsystem und ohne unsere Opposition in den drückendsten Despotismus fielen?“ Das gebe er zu, aber es sei nicht weniger gewiß, daß, indem die Liberalen durch ihre Taktik den Rückschrittlern vor den Kopf stießen und sie immer mehr erbitterten, sie diese immer mehr dem Obskurantismus in die Arme trieben. So arbeiteten die Liberalen indirekt gegen sich selbst. Ueberdies sei sicher, daß dieses sogenannte liberale System keineswegs sehr positiv operire, der liberale Geist sei für alle großen Probleme sozialer Verbesserung durchaus steril, er bringe immer nur Debatten zur Welt, nie eine neue Idee.
Fourier hat hier mit wenig Worten den Liberalismus schlagend gekennzeichnet; er hat nichtsdestoweniger nach zwei Seiten Unrecht. Er hat Unrecht, wenn er sagt, der Liberalismus schade sich selbst, weil er durch seine Kampfweise den Monarchen und den Konservativen vor den Kopf stoße. Das ist derselbe Vorwurf, den in unserer Zeit die vorgeschrittenen Liberalen den Sozialisten machen. Nun kann aber keine Partei aus ihrer Haut, sie kämpft für die Ideen und Interessen, die ihre Lebensbedingungen bilden; ob sie dabei einen der Gegner, mit dem sie gewisse gleiche Ziele hat, verletzt und einschüchtert, kann nicht in Frage kommen. Jede aufstrebende Partei, die für ihren Sieg kämpft, ist für die alten Parteien eine Gefahr, weil der Sieg der neuen Partei die Verdrängung der alten Parteien und ihre Hinauswerfung aus der innegehabten Position bedeutet. Darüber täuscht sich keine Partei, die an der Herrschaft ist, und namentlich dann nicht, wenn ein unversöhnlicher prinzipieller Gegensatz zwischen den kämpfenden Parteien besteht. Es ist daher thöricht, dem Angreifer seine Taktik zum Vorwurf zu machen, denn nicht um diese, sondern um seine wahren Bestrebungen handelt es sich.