Fourier hat ferner Unrecht, wenn er glaubt, daß ein Bündniß des Liberalismus seiner Zeit mit dem Konservatismus ein günstigeres Resultat für den Fortschritt der Gesellschaft ergeben hätte. Deutschland, das heute ähnliche Kämpfe der herrschenden Klassen unter sich durchzumachen hat, wie das Frankreich der zwanziger und dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts, ist der klassische Zeuge dafür, wohin der Liberalismus und der Fortschritt der Gesellschaft kommt, wenn der Liberalismus sich mit dem Konservatismus verbündet. Indessen wir wissen heute, daß alle wie immer gearteten politischen Parteikämpfe nur Kämpfe um materielle Interessen sind, und daß, wo zwei Kämpfende sich gegen den dritten verbünden, sie selbst nur einen Waffenstillstand schließen, weil ihnen der dritte die streitige gemeinsame Beute zu entreißen droht. Es ist der alte Kampf um das bevorzugte Dasein, den die Menschen im Gegensatz zu den „unvernünftigen“ Thieren führen, indem jeder sich selbst und alle sich gegenseitig zu belügen und zu betrügen suchen, sich vorredend, es seien die „Ideen“ und nur die „Ideen“, für die sie stritten und kämpften. Es ist der große Fortschritt unserer Zeit, daß der Charakter dieser Kämpfe als Klassen- und Interessenkämpfe immer mehr erkannt wird, und vor Allem ist es der moderne Sozialismus, der diesen Standpunkt voll und ganz einnimmt.

Fourier fährt fort:

Die Stehenbleibenden (immobilistes) seien eine ebenso lächerliche Sekte als die Rückwärtsstrebenden, die soziale Bewegung weise jeden Stillstand zurück; sie strebe zum Fortschritt, dies sei ebenso ihr Bedürfniß wie, daß Wasser und Luft zirkuliren müßten, um nicht zu verderben. Jeder Stillstand korrumpire. Unsere Bestimmung sei, vorwärts zu marschiren und so müsse jede soziale Periode nach einer höheren Entwicklung streben. So tendire die Barbarei zur Zivilisation und diese zum Garantismus und den höheren Entwicklungsformen. Wenn eine Gesellschaft zu lange in einer Entwicklungsphase verharre, ermatte sie, und es entwickle sich in ihr, wie stehendes Wasser faulig werde, die Verderbniß. Wir befänden uns seit einem Jahrhundert in der dritten Phase, aber in dieser kurzen Spanne Zeit sei die Entwicklung, Dank den kolossalen Fortschritten der Industrie, sehr rasch vor sich gegangen. Heute strebe die dritte Phase über ihre Grenzen hinaus. Wir besäßen zu viel Lebensmittel für eine auf der sozialen Stufenleiter gleichzeitig nicht genügend emporgestiegene Gesellschaft, und dieser Ueberfluß von Lebensmitteln, im sozialen Mechanismus keine natürliche Anwendung findend, überlaste und verderbe ihn. Daraus resultire eine zerstörende Gährung, es entwickle sich eine große Menge schädlicher Charaktere, es zeigten sich Symptome der Erschlaffung, alles Wirkungen des Mißverhältnisses, das zwischen den industriellen Mitteln und den auf einer tieferen Stufenleiter stehenden Massen der Bevölkerung vorhanden sei. Wir besäßen zu viel Industrie für eine zu wenig vorgeschrittene noch in der dritten Phase zurückgehaltene Zivilisation, die aber von dem Bedürfniß gedrängt werde, sich in die vierte Phase zu erheben. Daher diese Erscheinungen des Ueberflusses und der Verschlechterung, von denen er die schlimmsten aufzählen werde. Als Antwort auf die Prahlereien von der Vollkommenheit der bestehenden Gesellschaft werde er die zu Tage liegenden Wirkungen ihrer noch sehr neuen Verschlechterungen zeigen.

Fourier führt nun ein Sündenregister der Zivilisation von vierundzwanzig Eigenschaften auf, die den nothwendigen Verfall der Gesellschaft zur Folge haben müßten.

Erstens: Die politische Zentralisation. Die Hauptstädte würden zu Abgründen, die alle Hülfsmittel verschlängen, welche die Reichen zur Agiotage verleiteten, so daß diese mehr und mehr die Agrikultur verschmähten. Zweitens: Die Fortschritte der Fiskalität. Es entwickele sich ein System der Erpressung und es entstünden die indirekten Bankerotte; man nehme die Mittel voraus und grabe der Zukunft den Abgrund. 1788 habe Necker nicht gewußt, womit er ein jährliches Defizit von fünfzig Millionen decken solle, heute reichten nicht fünfzig, man brauche fünfhundert Millionen. Drittens: Befestigung des Seehandelsmonopols. 1788 habe man noch mit England rivalisirt und es zurückgehalten, heute herrsche es ausschließlich, ohne daß Europa an die Wiederherstellung einer wirklichen Rivalität denken könne. Viertens: Wachsende Angriffe auf das Eigenthum. Gewohnheit und Beispiele machten diese durch die Vorwände zur Revolution immer häufiger. Diese Angriffe würden für alle Parteien zur Regel. Nachdem Frankreich — in der großen Revolution und unter Napoleon — konfiszirt habe, ahmten Spanien und Portugal das Beispiel nach und das werde immer schlimmer werden, weil es heute nur Fortschritt in der Unordnung gäbe. Es sei eine Charaktereigenschaft der Gesellschaft, die in die Barbarei zurückgreife. Fünftens: Beseitigung der Zwischenkörperschaften; also derjenigen Institutionen, welche durch die straffe Zentralisation, die der Konvent schuf, beseitigt wurden: Provinzialstände, Parlamente, Magistrate und Korporationen. Dank ihrem Sturze befinde man sich vor der jährlichen Vergrößerung des Budgets um fünfhundert Millionen. Sechstens: Beraubung der Kommune an Eigenthum und Rechten, die man vergeblich durch die Lebensmittelsteuern (octrois), welche die Industrie schädigten, die Bevölkerung mißstimmten, zu Steuerhinterziehungen provozirten und den ganzen legalen Handel vergifteten, zu entschädigen versuche. Siebentens: Verdorbenheit der Rechtsprechung; man vertheuere dem Armen das Rechtsuchen und mache es ihm unmöglich, und gleichzeitig rufe man, durch die immer größer werdende Theilung des Eigenthums und die Häufung immer ohnmächtiger werdender Gesetze, das Wachsthum der Prozesse hervor. Die Gesetze blieben todte Buchstaben für einen plündernden Lieferanten, der 76 Millionen gestohlen habe, und verurtheilten einen armen Teufel, der einen Kohlkopf stehle, zum Tode.

Fourier theilt zum Beleg für diesen letzteren Ausspruch den Ausgang zweier Prozesse mit, die sich zu seiner Zeit in Pan im südlichen Frankreich abspielten. Ein Armeelieferant, der durch betrügerische Lieferungen ein Vermögen von 76 Millionen ergaunerte, wurde freigesprochen, ein armer Teufel, Namens Ellisander, der Kohl gestohlen hatte, wurde zum Tode verurtheilt.

Achtens: Dauerlosigkeit in Institutionen, die selbst im Falle besserer Einsicht von Unvermögen betroffen seien und durch den Mangel gerechter Methoden in der ganzen Verwaltung der Gesellschaft das Gegentheil von dem erzeugten, was sie bewirken sollten. Man könne keine regelmäßige, auf allgemein geltenden Grundsätzen basirte Landauftheilung und Landvermessung vornehmen, weil es keine Regel für solche Maßnahmen gebe. Fourier hat hier die zu seiner Zeit geplante allgemeine Katastrirung im Auge, die theils wegen der großen Kosten, theils wegen des Streits über die unterzulegenden Grundsätze von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschoben wurde. Neuntens: Stetig drohende Schismen, die Bürgerkriege hervorzurufen drohten. Zehntens: Beständige Gefahr des Ausbruchs innerer Kämpfe, die Folge des Nährens der Unzufriedenheit durch die Unwissenheit der sozialen Politiker, die kein Mittel der Aussöhnung und des wirklichen sozialen Fortschritts zu entdecken vermöchten. Elftens: Die Vererbung; die Gewohnheit, die durch die besiegte Partei einmal eingeführten Uebel beizubehalten: Lotterien, öffentliche Spiele und andere verhängnißvolle Mittel der Fiskalität.

Die politische Schamlosigkeit und Erniedrigung der christlichen Mächte, die mit den Muselmännern und Piraten ein stilles Vertragsverhältniß eingingen, wonach man den Seeräubern, um sie zu beschwichtigen, einen Tribut bezahlte und den Negerhandel unterstützte, betrachtete Fourier als die zwölfte verhängnißvolle Charaktereigenschaft der Zivilisation. Zu seiner Zeit standen die Dinge noch so, daß die meisten europäischen Mächte, Mangels der nöthigen maritimen Kräfte und um den Seeräubereien der nordafrikanischen Raubstaaten Einhalt zu thun, durch Zahlung eines jährlichen Tributs die eigene Flagge vor Angriff zu schützen suchten. Einen solchen Vertrag schloß z. B. Oesterreich mit der Türkei, als der Schutzmacht der nordafrikanischen Seeräuberstaaten, ab. Oesterreich, das 1814 mit der Annexion von Venedig auch dessen Flotte erhielt, — 8 Linienschiffe, 7 Fregatten etc. — ließ diese buchstäblich verfaulen und die im Bau begriffenen Fregatten unvollendet. Der bankerotte Staat hatte keine Mittel, eine Kriegsflotte unterhalten zu können. Der Sklavenhandel, durch christliche Mächte begünstigt, blieb noch bis in unser Zeitalter ein gewinnbringendes Geschäft und eine Schmach unserer Kultur.

Dreizehntens: Fortschritt des Handelsgeistes. Steigende Macht des Börsenspiels, das der Gesetze spotte, die Früchte der Industrie an sich reiße, die Autorität mit den Regierungen theile und überall die Raserei für das Spiel verbreite. Vierzehntens: Begünstigung des Handels trotz seiner Verschlimmerung. Marseille baue für die Seeräuber Schiffe zur Kaperung der Schiffe der Christen, um mit den gefangenen Christen die afrikanischen Bagnos zu füllen; Nantes besitze Fabriken in denen die Marterwerkzeuge für die Tortur der Neger hergestellt und den Strafgesetzen zum Trotz ausgeführt würden; andere Städte ahmten den Engländern nach und bauten Bagnos (Fabriken), in denen die Arbeiter sechszehn Stunden täglich schanzen müßten. Je mehr der Handel an Bösartigkeit zunehme, um so mehr werde er begünstigt. Fünfzehntens: Industrielle Skandale: Fortschritte in der Art der Verfälschungen und der Tolerirung der Verfälschung der Lebensbedürfnisse; Zunahme der aus drückendem Ueberfluß entstehenden Krisen; unterwerthige Ueberlassung der Ernten unmittelbar nach ihrer Einbringung gegen vorausgegangene Lieferung anderer Bedürfnisse, also zunehmende Abhängigkeit des Bodenbebauers vom Kapitalisten. Sechszehntens: Handel mit weißen Favoritinnen. Man lasse eine solche Gewohnheit vertragsmäßig selbst solchen Mächten zu, welche sie, wie der Pascha von Egypten, bisher nicht hatten, und widersetze sich nur diplomatischen Albernheiten. Siebzehntes: Einbürgerung der Sitten eines Tiberius: zunehmende Spionage, die bis in die Reihen der Soldaten reiche; geheime Angeberei; augenscheinlicher Fortschritt in der Heuchelei, der niedrigen Gesinnung, der dem Parteigeist innewohnenden Uebel. Achtzehntens: Kommunistischer Jakobinismus. Die Parteien, die ihn bekämpften, adoptirten seine Taktik und die Kunst, Verschwörungen anzuzetteln; sie raffinirten die Verleumdung, die heute allgemein geworden sei und nähmen dem Charakter des Modernen noch das wenige von Noblesse, das ihm verblieben. Neunzehntens: Vandalistisch gesinnter Adel (der Restauration), der an die Rechtsideen vor der Revolution wieder anzuknüpfen suche; er denke nur daran, die Industrie, die ihm die Wahlstürme brachte, zu zerstören und verfalle so wieder der Barbarei. Zwanzigstens: Literarische Luftgefechte, die unsere Schriftsteller und Gelehrten als Banner ihres Barbarismus aufpflanzten, wobei sie sich gegenseitig, zum Vergnügen des Publikums, dem sie den Geschmack an der Verleumdung beigebracht, zerrissen. Sie einigten sich nur, um wirkliche Aufklärung und nützliche Entdeckungen zu ersticken und zu unterdrücken. Die Wahlfreiheiten hätten ein Trio von neuen Tugenden geboren: einen vandalistisch gesinnten Adel, eine an der Verleumdung hängende Bourgeoisie, ein voll Tadelsucht steckendes Gelehrtenthum. Einundzwanzigstens: Auf rascheste Zerstörung gerichtete Taktik, indem man die Kriege furchtbarer zu machen suche und immer mehr die barbarischen Gewohnheiten annehme; Guerillakampf, Landsturm, Bewaffnung von Frauen und Kindern. (Erinnerungen an Spanien, Tyrol und Preußen. Der Verf.) Zweiundzwanzigstens: Tendenz zum Tartarismus, darin bestehend, die allgemeine Wehrpflicht und das Massenaufgebot, wie es Preußen bereits besitze und es Rußland in höherem Maße nachzuahmen versuche, einzuführen; ein System, das, wenn es erst in einigen Reichen eingeführt sei, alle übrigen zwinge, aus Sicherheitsrücksichten diese tartarische Organisation ebenfalls anzunehmen. Dreiundzwanzigstens: Einweihung der Barbaren in die Taktik der Zivilisirten, was ein sicheres Mittel sei, die Räubereien der Barbaresken noch mehr herauszufordern und der Türkei nahezulegen, diese Räubereien nachzuahmen dadurch, daß sie in den Dardanellen von den Schiffen aller schwachen Mächte einen Passagezoll erhebe. Endlich vierundzwanzigstens: Vierfache Pest. Zu der bereits bekannten alten des Orients komme das gelbe Fieber, der Typhus, der bereits große Verheerungen anrichte, und die aus Bengalen stammende Cholera. Das sei eine neue Quadrille von vier wachsenden Vervollkommnungen.

Wir kritisiren diese von Fourier hier vorgeführten vierundzwanzig Charaktereigenthümlichkeiten der Zivilisation nicht weiter, jeder Leser wird sich klar sein, wie weit sie heute noch vorhanden oder nicht vorhanden sind, sich steigerten oder sich schwächten; eine Anzahl derselben waren sehr vorübergehender Natur und sind verschwunden, andere lasten in bedenklichem Maße auch auf unserem Zeitalter, sie sind sogar seit Fourier in ihrem Druck gewachsen. Die Aufstellung der Liste verräth wieder den Mann der scharfen Beobachtung und den Denker. Charakteristisch für Fourier aber ist die fünfundzwanzigste der zivilisirten Untugenden, die er getrennt von den übrigen hervorhebt und als die „schmachvollste“ aller bezeichnet: „die Zulassung der Juden zu den bürgerlichen Rechten“.