Es genügte den Zivilisirten nicht, sagt er, die Herrschaft des Betrugs zu sichern, man mußte die Wuchernationen, die unproduktiven Patriarchalen zu Hülfe rufen. Die jüdische Nation sei nicht zivilisirt, sie sei patriarchalisch; sie habe keinen Souverän, erkenne auch im Geheimen keinen an und halte jeden Betrug für lobenswerth, wenn es sich darum handele, Diejenigen zu täuschen, die nicht ihres Glaubens seien. Sie gebe zwar diese Prinzipien nicht zu, aber man kenne sie genügend. Die Juden verdankten ihre Zulassung zu den bürgerlichen Rechten nur den Philosophen. Man sieht, Fourier's Angriffe gegen die Juden, in welchen er sich noch weiter ergeht, decken sich fast wortgetreu mit den Angriffen unserer heutigen Antisemiten.

Fourier meint weiter, die aufgezählten Uebel gehörten nicht unabänderlich zum Wesen der Zivilisation, sondern seien nur Anhängsel; sie würde dem Einbruch dieser Uebel entgangen sein, wenn sie ihren Marsch beschleunigt hätte, wenn sie zeitig sich von der dritten Phase in die vierte Phase erhoben, ihre Organisation auf der sozialen Stufenleiter um so viel höher ausgebildet hätte als ihre Industrie sich steigerte; so habe sie für die dritte Phase zu viel und für die vierte zu wenig Entwicklung. Die Vollsaftigkeit (pléthore) sei nur ein Zufälliges, die durch eine andere Organisation der sozialen Ordnung eine andere und gesundere Vertheilung erlangte. Es handele sich also darum, daß wachsende Industrie und Verbesserung der sozialen Organisation Hand in Hand gingen, damit diese kolossale Industrie regulirt und ausgeglichen werden könne, eine Industrie, die zu einem politischen Fleischbruch (sarcocéle politique) geworden sei und es bliebe, so lange wir in der dritten Phase verharrten.

Hiermit habe er die Analyse der Zivilisation gegeben. Hätte sich die Wissenschaft dieser Aufgabe unterzogen, so hätte sie erkannt, welche Perioden die Zivilisation durchlaufen habe und würde entdeckt haben, wann man in die Bahn des Uebels oder des Guten einlenkte. Man würde alsdann auch konstatirt haben, daß die Zivilisation zwar die Industrie vervollkommnete, daß sie aber in demselben Maße die Sittenzustände verschlechtere, wie der Fortschritt der Industrie sich entwickelte. Darum gelte es, einen anderen sozialen Mechanismus zu entdecken, der den Sitten (moeurs) gemäß operire und aus dem Fortschritt der Industrie die Wahrheit und die Gerechtigkeit schaffe. Anstatt zu diesem Ziel zu streben, weigere sich die Wissenschaft, eine Aenderung zuzulassen, behauptend: „der natürliche Sinn des Wortes Zivilisation ist die Idee des Fortschritts in der Entwicklung; es setzt ein Volk voraus, das marschirt; es bedeutet die Vervollkommnung des bürgerlichen Lebens und der sozialen Beziehungen, die billigste Vertheilung der Gewalt und des Glücks aller Glieder der Gesellschaft.“

Einen Professor, der sich in solcher Weise auf seinem Pariser Lehrstuhl, wo der Sophismus vor jedem Widerspruch sicher sei, ausdrücke, solle man als Antwort in die Spiegelmanufakturen und ähnliche Werkstätten führen, damit er mit eigenen Augen die „billige Vertheilung“ und das „Glück“ der Arbeiter sehen könne; jener Arbeiter, die den Phantasien der Müßigen, aus denen sich das Auditorium des Professors zusammensetze, als Vorwurf dienten. Wäre es wahr, daß die Zivilisation jede Vervollkommnung, jeden Fortschritt, jede Entwicklung begünstige, dann wären auch die Barbaren Zivilisirte, deren Industrie in China, Japan, Persien, Hindostan sich sehr vervollkommnet habe; aber zwischen diesen beiden Gesellschaften werde man, wenn man sie analysire, einen mächtigen Unterschied erkennen. Der Fortschritt dürfe aber nicht blos die Industrie betreffen, er müsse auch die Sitten und den ganzen sozialen Mechanismus der Gesellschaft umfassen, zwei Beziehungen, welche die Zivilisation nur zu verschlechtern wisse. So bleibe ihre Aufgabe nur, Wissenschaft, Künste, Industrie, Studien, welche auch die Barbaren begonnen und sehr weit getrieben hätten, bis in die dritte Phase zur Anwendung zu bringen. Habe die Zivilisation diese Aufgabe erfüllt, dann bleibe ihr nichts anderes übrig, als zu verschwinden und einer anderen Gesellschaft Platz zu machen, welche, indem sie Sitten, sozialen Mechanismus, Industrie und Wissenschaft immer mehr vervollkommne und verfeinere, sie auf eine Höhe bringe, deren die Zivilisation nicht zur Hälfte fähig sei.

„Indem das Jahrhundert sich abmüht, fabrizirt es Konstitutionen und Systeme im Ueberfluß; es gleich dem Eichhörnchen, das in seinem Rade springt, ohne daß es vom Flecke kommt.“


Fourier legt nun den Plan dar, der nach seiner Meinung die Zivilisation auf dem kürzesten Wege in die höhere Entwicklungsphase, zunächst in den Zwischenzustand zwischen Zivilisation und Garantismus, versetzen könne. Es gelte ein Uebergangsstadium zu schaffen, das den Handel, diese Hydra, vor der selbst die Könige erschreckten und sich beugten, stürze.

Dieses koste nur ein Dekret, und die Banken wie der Handel mit ihren enormen Erträgen kämen in den Besitz der Regierungen. Zwei Wege gebe es, dies herbeizuführen, einen brüsken und einen sanft zwingenden, einen konkurrirenden und einen untergrabenden; auch ließen sich beide Methoden vereinigen.

Er unterstelle, daß es einen König gebe von dem festen und rücksichtslosen Charakter eines Mahmud II. (regierte als Sultan von 1808–1839) und also den Zwang vorziehe: dieser werde die ganze arme Klasse, die nichts besitze, vereinigen und sie in Staatsfarmen organisiren. Man könne rechnen, daß die Zahl der ganz Mittellosen ungefähr ein Zehntel der Bevölkerung betrage und auf je vierhundert Familien vierzig arme Familien kämen. Es bildeten also je zweihundert Personen die Bewohner einer Staatsfarm, die ihre nöthigen Gebäude, Stallungen, Vieh, Gärten, Werkzeuge u. s. w. erhielten. Diese Zahl sei groß genug, um eine zweckmäßige und wenig kostspielige Verwaltung, abwechselnde Arbeiten und ein lukratives Unternehmen zu begründen.

Diesen Staatsfarmen hätte sich in der Industrie die Institution der fixirten Unternehmerschaft anzuschließen. Hierunter versteht Fourier nicht die der Zahl nach fixirte Unternehmerschaft, sondern eine solche, die unter der Bedingung zugelassen wird, daß sie eine von Jahr zu Jahr progressiv steigende Abgabe an den Staat leistet, eine Maßregel, die zwei Wirkungen haben soll; erstens: dem Staat eine hohe Einnahme zu bringen; zweitens: den Unbemittelten die Unternehmerschaft unmöglich zu machen, oder sie zur Aufgabe derselben zu nöthigen. Die so freigesetzte Bevölkerung solle in die Staatsfarmen gedrängt werden, die einkommende Steuer aber neben der Deckung der Staatsausgaben zur Deckung der Staatsschulden verwendet werden. Fourier setzt voraus, daß diese Einnahmen allmälig sehr hoch werden und einen erheblichen Theil des Unternehmergewinns absorbiren würden. Sicher ist von allen utopistischen Vorschlägen Fourier's dieser Vorschlag der utopischste.