Indem die Farmen immer zahlreicher würden und immer vorzüglichere Produkte lieferten, auch industrielle, würden sie durch die Güte ihrer Waaren, wie die Reellität der Preise die private Konkurrenz immer mehr in's Gedränge bringen und einen Unternehmer nach dem andern zur Geschäftsaufgabe zwingen. Damit dehnten sich die Farmen immer mehr aus, die Kapitalisten ließen ihnen ihre Kapitalien zufließen, ein Eigenthümer nach dem andern trete ihnen durch Verkauf oder durch Pacht seinen Grund und Boden ab und sie würden schließlich selbst Mitglieder der Farmen. Dieser Aufsaugungsprozeß führe dann zur Bildung der Phalanxen.
Man sieht, dieser Vorschlag hat eine starke Aehnlichkeit mit dem von Lassalle vorgeschlagenen Uebergangsstadium, nur daß Lassalle mit der Industrie beginnen wollte, Fourier das Hauptgewicht auf die Ackerbaugenossenschaft legt.
Wir haben keine Veranlassung, diesen Vorschlag ausführlicher zu kritisiren; er ist ebenso wenig durchführbar, wie die Gründung der Phalanxen durch die Mitwirkung der Reichen. Die Herrscher und die Klassen müßten noch geboren werden, die im Besitz der Macht und aller Genüsse freiwillig aus rein philanthropischen Gründen, um der Masse der Unbemittelten und Armen zu helfen, ihre eigene bevorzugte Stellung opferten. Wer in der Macht sitzt, sitzt im Recht und ihm leuchtet nicht ein, daß seine Stellung eine ungerechte sein könne. Ein Vorschlag, wie der Fourier'sche, kommt einer Zumuthung zum Selbstmord gleich; diesen begeht nicht einmal der Einzelne freiwillig, wie viel weniger eine Klasse, die sich im Besitz der Herrschaftsmittel und im Glauben an ihr Recht befindet. —
Fourier ergeht sich weiter in Auseinandersetzungen und Spekulationen über Einrichtungen und Zustände der Entwicklungsperioden, welche der Zivilisation vorausgegangen sind, um an der Hand derselben nachzuweisen, daß weitere Entwicklungen über die Zivilisation hinaus folgen würden. Nicht nur seien Thiere und Pflanzen um so mehr der Degeneration verfallen, je näher sie unserer Zeitperiode rückten, sondern auch der Mensch. Der ursprüngliche Mensch, der im Zustand des Edenismus durchschnittliche 73½ pariser Zoll groß gewesen — woher er diese genauen Maßangaben besitzt, verschweigt er —, aber heute auf durchschnittlich 63 pariser Zoll zurückgekommen sei, werde in der Harmonie sich wieder zur Höhe von 73½–84 pariser Zoll entwickeln. Alle dem Menschen nützliche Thiere und Pflanzen würden sich in demselben Verhältniß vervollkommnen und veredeln. In der Barbarei sei der Angelpunkt des Systems, im Kontrast mit dem in der Zivilisation, die Einfachheit der Handlung, in der Zivilisation nehme jede Handlung den Charakter der Doppelseitigkeit an. Ein Beispiel möge dies beweisen.
„Der Pascha eines barbarischen Reichs verlangt Abgaben, einfach, weil es ihm gefällt, zu brandschatzen und zu plündern, es fällt ihm nicht im Traum ein, erst in den Verfassungen der Griechen oder Römer nach den Theorien über die Rechte und Pflichten der Staatsangehörigen zu forschen: er begnügt sich, die Steuer zu verlangen bei Gefahr für die Besteuerten, im Nichtzahlungsfalle den Kopf zu verlieren. Für den Pascha giebt es also, um zum Zweck zu gelangen, nur ein Mittel, die Gewalt; dies ist eine einfache Handlung. Der zivilisirte Monarch benutzt für denselben Zweck verschiedene Mittel. Zunächst hat er Polizisten und Soldaten zur Stütze der Verfassung. Aber man setzt dieser Hülfe das philosophische Handwerkszeug von moralischen Subtilitäten über das Glück, Abgaben zum Wohl des Handels und der Verfassung zahlen zu dürfen, hinzu. Tugendhafte Finanziers übernehmen, damit wir unsere unverjährbaren Rechte genießen können, bereitwillig die Ueberwachung der Verwendung dieser Steuern. Der Fürst, der sie fordert, erscheint dabei als zärtlicher Vater, nur darauf bedacht, seine Unterthanen zu bereichern; er empfängt die Steuern nur, um den unsterblichen Volksvertretern zu gehorchen, die ihm dieselben bewilligten; in Wahrheit ist es das Volk selbst, das die Steuern zu bezahlen wünscht. Darauf erklärt der Landmann zwar, daß er seine Vertreter nicht gesandt habe, damit sie die Steuern vermehrten, aber man antwortet ihm: er müsse die Schönheiten der Verfassung studiren, die ihn lehre, daß die Würde freier Männer darin bestehe, zu bezahlen oder — in's Gefängniß zu wandern.“
Hier sei also, erläutert Fourier, Doppelseitigkeit der Handlung vorhanden, man bringe zwei sich gegenüberstehende Mittel in Anwendung, die Moral und die Gewalt, die Barbarei begnüge sich mit der Gewalt. Jedenfalls hat Fourier mit seiner Beweisführung die Lacher auf seiner Seite.
In die metaphysischen Spekulationen, die Fourier über den Plan Gottes und die Gesammtheit der Bestimmungen anstellt, wollen wir ihm nicht folgen; ebensowenig in seine Spekulationen über die Unsterblichkeit der Seele und die Wanderungen, welche die Seele von Planet zu Planet, nach dem System immer größerer Vervollkommnung, vornehme. Heiterkeit erregend ist, wie er ausführt, warum die Menschen über das zukünftige Leben nichts Bestimmtes wissen. Er sagt: „Erstaunen wir nicht über die Unkenntniß, welche über unsere Unsterblichkeit herrscht, noch über die Unzulänglichkeit unseres Wissens über das, was uns nach unserem Tode erwartet. Während des gegenwärtigen bedenklichen Zustandes unserer Gesellschaft darf Gott die Menschen keine wissenschaftliche Kenntniß von ihrem künftigen Leben erlangen lassen. Erlangte man sie, sämmtliche Arme der Zivilisation würden Selbstmord üben, um dieses künftige Glück so rasch als möglich zu genießen; aber die Reichen, die zurückblieben, hätten weder die Fähigkeit, noch die Neigung, die Armen in ihren undankbaren Beschäftigungen zu ersetzen. Die Wirkung würde also sein, daß durch das Verschwinden Derer, welche jetzt diese Lasten tragen, die Industrie der Zivilisirten zu Grunde ginge und der Globus im Zustand beständiger Verwilderung bliebe. Dies würde die sichere Folge von der Ueberzeugung der Unsterblichkeit und ihrer Herrlichkeit sein.“ Originell ist diese Begründung auf alle Fälle.
Der Kuriosität und für manchen Leser wohl auch des Interesses halber wollen wir hier ferner einige der Analogien erwähnen, die Fourier zwischen den verschiedenen Pflanzen und Thieren und den verschiedenen Menschencharakteren und ihren sozialen Beziehungen nachzuweisen sich bemüht. Diese Analogien erfüllen nach ihm das ganze Universum, wobei er sich auf die Worte Schellings — eines der sonst von ihm so gehaßten metaphysischen Philosophen — immer wieder bezieht: „Die menschliche Seele ist das Modell des Weltalls, es widerspiegelt sich die Idee des Ganzen in jedem Theil.“ Nach Fourier ist also die große Feldrübe, die nur auf dem Tisch des Unbemittelten und unwissenden Landmannes erscheint, auch dessen Spiegelbild; im Thierreich der Esel. Die Steckrübe entspricht dem gebildeten Farmer, die kleine runde Rübe dem opulenten Mann. Die Carotte ist das Bild des verfeinerten, gerne experimentirenden Agronomen. Der Sellerie mit seinem herb-säuerlichen Geschmack entspricht den Beziehungen ländlicher Liebender. Die Runkelrübe ist das Bild des zur Arbeit gezwungenen Sklaven; wie jene durch die gewaltsame Auspressung ihres Saftes Zucker geben muß, so entspricht ihr Saft dem ausgepreßten Blut des Arbeiters, das Gold wird. Dagegen gleicht das Zuckerrohr mit seiner angenehmen Süße dem Bilde der sozietären Einheit in der Industrie. Die Kartoffel mit ihren zahlreichen beieinander liegenden Knollen ist ein Gleichniß für die Gruppen und Serien der Triebe. Ferner ist die Rose das Sinnbild der Scham, die Mistel das des Schmarotzers, die Tulpe das der Justiz, der Hahnenfuß das der Etikette, die Hortensie das der Koketterie, der Hund das der Freundschaft, das Pferd das des Soldaten, die Viper das der Verleumdung. Es sind also Thiere und Pflanzen bald das Spiegelbild der Triebe des Menschen und seiner Charaktereigenschaften, bald seiner sozialen Beziehungen. So wird die Ehe in den verschiedenen Klassen durch die verschiedenen Arten der Schwertlilie analogisirt. Die flatterhafte Schwertlilie (iris perpillon) repräsentirt die Ehe junger Liebenden; die jeder Annehmlichkeit beraubte Mauer-Schwertlilie entspricht der Ehe armer Dörfler; die blaue Schwertlilie der Ehe des behäbigen Bürgers; die gelb- und azurgestreifte Schwertlilie der Ehe reicher Liebender; die riesige graue Schwertlilie, die mit ihrer mit Schwarz durchschossenen Blume einer großen Trauerblume ähnlich sieht, entspricht der fürstlichen Ehe, wie überhaupt der Ehe aus Ehrgeiz oder Politik. Die Blume zeigt an, daß diese Ehen meist ohne Liebe, oft ohne daß man sich zuvor kennen gelernt, geschlossen werden und ihres eigentlichen Reizes und der wahren Natur des Menschen, die nach Liebe dürstet, entbehren. Schließlich bedauert Fourier lebhaft, daß er zu wenig die Naturgeschichte studirt habe, um diese Analogien, die eine der interessantesten Studien darböten, nach allen Richtungen verfolgen zu können, und befürwortet, daß man im sozietären Zustand diesem Studium besondere Berücksichtigung schenke, weil es für Sinne und Gemüth seine großen Annehmlichkeiten und Reize habe.
Wir glauben im Vorstehenden die Hauptgedanken aus den Theorien Fourier's so wiedergegeben zu haben, als dies bei dem zugemessenen Raum möglich war; daß uns dabei manche schöne Stelle in seinen Ausführungen entgangen ist, wie wir andere wegen Mangel an Raum übergehen mußten, ist bei dem beträchtlichen Umfang seiner Werke natürlich. Es ist andererseits keine leichte Aufgabe, sich in der Menge des Materials und in dem oft krausen Stil und abrupten Gedankengang zurechtzufinden. Und doch bietet das Studium seiner Werke einen großen Genuß; sie zeigen eine erstaunliche Fülle origineller Gedanken und Ideen, die zu einem erheblichen Theil auch für die heutige Zeit, wie für die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft von großer Fruchtbarkeit sind. Sein Studium der menschlichen Triebe und die daraus hervorgehenden Schlüsse sind eine Arbeit, wie sie unseres Wissens nicht zum zweiten Male existirt. Die Art, wie er die menschlichen Triebe für eine neue Gesellschaftsorganisation zu verwenden beabsichtigte, ist so tief gedacht und erfaßt, daß die Zukunft in der Richtung der von ihm erfaßten Gedanken nur weiter zu wandeln und aufzubauen braucht. Großartig ist sein System der Kindererziehung, das einem Pädagogen von Fach eine Fülle neuer Gedanken und Anregungen geben wird und das zugleich Zeugniß ablegt von der erstaunlichen, in's kleinste Detail gehenden Beobachtung, mit der Fourier, wie Alles, was ihm begegnete, so auch das Leben der Kinderwelt studirte. Das ist um so merkwürdiger, als er sein Leben unverheiratet beschloß und keine Kinder besaß. Merkwürdig ist auch, daß dieser Mann, der einsam durch's Leben ging, ganz seinen Studien ergeben, der Liebe jenen Tempel baute, den sie in seinen Werken findet. Seine intimsten Freunde und Schüler haben keine Ausschweifungen an ihm beobachtet. Das ist nicht überflüssig zu bemerken in Anbetracht der Angriffe, welchen gerade die Abschnitte über die Liebe in seinen Werken ausgesetzt waren.