Wir haben seinen Ideen über Kindererziehung nur einen verhältnismäßig kleinen Raum widmen können, sie nehmen aber einen ziemlich beträchtlichen in seinen Werken ein und umfassen eine Menge interessanter Details, die wir übergehen mußten, die aber neben der denkenden Beobachtung, die Fourier den Kindern widmete, auch die tiefe Liebe athmen, die er zu diesen die Zukunft der Gesellschaft repräsentirenden Wesen besaß.

Wer sich mit all den berührten Fragen eingehender befassen will, dem rathen wir, die Werke Fourier's zu studiren. Er wird neben vielem Schrullenhaften und Vielem, was uns heute lächerlich erscheint, weil wir mittlerweile fast dreiviertelhundert Jahre älter wurden und eine ungeheure Fülle von Wissen, Entdeckungen und Erfahrungen aufgespeichert haben, die Fourier und seinem Zeitalter fremd und unbekannt waren, auch viele heute und noch für eine erhebliche Zukunft hinaus sehr werthvolle Gedanken, Anregungen und Ideen kennen lernen. Und selbst das Schrullenhafte und Lächerliche in seinen Werken ist stets in so origineller Weise gedacht, daß man es mit Interesse liest, als ein Denkmal, das zeigt, wie in einem genialen Geiste, der nicht lange vor unserm Zeitalter lebte und Menschen und Dinge gründlich kannte, sich die Zukunft der Menschheit und der Welt widerspiegelte. Wer Goethe's „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“ und „Wahrheit und Dichtung“ gelesen hat und erwägt, daß Fourier und Goethe gleichzeitig lebten und wenige Jahre von einander getrennt starben, wird in den Phantasien Beider über menschliches Glück manches Verwandte finden. Der Fourier'sche Utopismus hält dem Goethe'schen, wie er namentlich in den Wanderjahren hervortritt, voll die Waage; Fourier übertrifft Goethe an realer Menschenkenntniß, an Kenntniß der Lebenslage der Masse und in Bezug auf die Naturgeschichte der Gesellschaft.

Wir ließen in der vorliegenden Arbeit gänzlich unberücksichtigt, und mußten und konnten dies auch, Fourier's sehr polemisch abgefaßte Abhandlungen gegen die Philosophen, die er so gründlich haßte und, wie es immer geschieht, wenn der Haß vorzugsweise die Feder führt, auch schwärzer malte, als sie es verdienten. Man halte fest, daß es die Politiker, die Oekonomisten, die Moralisten und Metaphysiker waren, denen er unter dem Namen der Philosophen zu Leibe ging. Man beachte ferner, daß seine Feindseligkeit wider sie daher kam, daß er, der die Wahrhaftigkeit über Alles liebte, fand, daß ihre großen Worte und schönen Ideen, mit welchen sie den Menschen das Heil, die Rettung aus allem Elend und das Glück versprachen, im Widerspruch mit ihren Thaten und im grellsten Widerspruch mit dem wahren, so eben erst neugeschaffenen Zustand der Dinge standen. Wer wie Fourier all die großen, schönen und glänzenden Gedanken, welche die Werke Rousseau's und der Enzyklopädisten, die Reden der Wortführer der verschiedenen politischen Parteien, der Konstitutionellen, wie der Sieyés und Mirabeau, der Girondisten, der Dantonisten, der Robespierrianer u. s. w. enthielten, kennen gelernt hatte; wer gesehen, wie dem rothen der weiße Schrecken folgte, dann die Bourgeoisie das Heft in die Hand nahm und, raubgierig und schamlos wie immer, allen ihren großen schönen Worten und erhabenen Phrasen zum Trotz, nur daran dachte, das Volk zu unterdrücken und es um die Früchte seiner Arbeit zu bringen; wie dann statt des verheißenen Glücks das Massenelend sich einstellte, sich sichtbar vermehrte; wir sagen, wer das Alles vom Standpunkt Fourier's gesehen und erlebte und dabei glaubte, sich über die Natur der Dinge und der Menschen nicht zu täuschen, dessen Herz durfte mit Haß und Zorn erfüllt werden. Aber er besaß in hohem Grade auch die Waffen des Witzes und des beißenden Spottes, womit er seine Angriffe würzte, und dies erbitterte besonders seine Gegner und veranlaßte sie lange Zeit, und die überwiegende Zahl derselben stets, die bekannte Todschweigungstaktik gegen ihn zu beobachten. Einen Mann von Fourier's Charakter erbitterte dies noch mehr.

Sein System war nicht für das Verständniß der Massen berechnet, wenn auch für die Massen geschaffen; er suchte die Zustimmung und Mitwirkung der Großen und Reichen, und diese Kreise konnten, wenn überhaupt, nur gewonnen werden, wenn namentlich die vornehmeren Journale sich seinen Ideen und seinen Werken freundlich gegenüberstellten. Aber die Schriftsteller dieser Kreise mußten sich wiederum, abgesehen von dem Inhalt seiner Gedanken, durch seine Kritik am meisten getroffen und verletzt fühlen. Es gehörte der kindliche Glaube eines Fourier dazu, daß die Gegner seine Kritik nicht als eine persönliche, sondern als rein sachliche auffassen sollten, das hieß in der That ihrer Natur zu viel zumuthen und der Macht seiner Gründe zu sehr vertrauen. Aber abgesehen von dieser Art seiner Polemik würden die herrschenden Klassen schon aus den mehrfach hervorgehobenen, im Wesen der Klassenherrschaft und des Klassengegensatzes liegenden Gründen, sich zu keiner freundlicheren Behandlung herbeigelassen haben. Sie behandelten ihn, und von ihrem Standpunkt aus mit Recht, als „Narren“. Wie kann man auch dem Wolf zumuthen, ein Lamm zu werden? Oder verlangen, von den Disteln Trauben zu lesen?

Diese ewigen Abweisungen forderten dann auf's Neue seinen Zorn heraus, schärften seinen Witz und Spott, die er an den zahlreichen Blößen übte, die das System und seine Vertheidiger ihm boten. Friedrich Engels, sicher ein berufener Beurtheiler, spricht in seiner Schrift „Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft“ aus, daß wenn selbst die Fourier'schen Systemausführungen keinen Werth besäßen, eine Ansicht, die Engels nicht hat, Fourier durch die Form seiner Kritiken zu den größten Satirikern aller Zeiten gehöre.

Wie die Philosophen, als Vertreter und Lobredner der bürgerlichen Gesellschaft, ihn mißhandelten, so empfing er auch die Angriffe und Verurtheilung seitens der Kirche. Wir wiesen schon mehrfach im Obigen darauf hin, wie wenig Fourier's Auffassung von Gott und der Stellung des Menschen zu Gott den kirchlichen Ansichten behagen konnte. Setzte der Papst seine Schriften auf den Index, so machten es sich katholische Organe seiner Zeit, wie „Gazette de France“ und „L'Univers“ zum Geschäft, ihn als einen Menschen anzugreifen, welcher den menschlichen Leidenschaften die Zügel wolle schießen lassen, der mit unerhörter Frechheit die Lehren der Moral antaste, die heiligsten und intimsten Beziehungen der Geschlechter in der Familie und Ehe verspotte und untergrabe und durch alles dies und seine subversiven religiösen Lehren, die im Grunde rein atheistische seien, die Gesellschaft, die Religion und die Moral umzustürzen versuche.

So wenig das Fourier zugeben wollte und so heftig er sich insbesondere gegen den Vorwurf des Atheismus wehrte, den er, wie wir sahen, besonders Owen zum Vorwurf machte, im Grunde hatten die Vertreter der kirchlichen Ordnung und Autorität Recht. Es sind doch neben bereits Zitirtem sehr ketzerische Ansichten, die er in einer längeren Abhandlung: „Ueber den freien Willen“ lehrt, und über die Beziehungen zwischen Gott und Mensch, Ansichten, die geeignet sind, die Vertreter der geoffenbarten Religion gegen ihn auf's Höchste aufzubringen.

Fourier's Ansicht über den freien Willen lautet kurz zusammengefaßt also:

„Die Theologie wie die Philosophie lehren eine falsche Lehre über den freien Willen. Nach der Philosophie soll die Vernunft allein herrschen und soll die Vernunft die menschlichen Handlungen bestimmen; für sie ist also der freie Wille absolut. Der zur Vernunft gekommene Mensch ist Herr seiner selbst, er wird handeln, wie die Vernunft ihm gebietet, ohne Rücksicht auf die Gesetze seiner Natur und den Willen Gottes.“

„Umgekehrt behaupten die Theologen, daß der Wille Gottes allein entscheidet, daß er Alles thut, Alles lenkt und der Mensch sich seinem Willen zu fügen hat; Gott gegenüber ist der Mensch macht- und willenlos.“